harveys hitlist: ein Leben auf dem Plattenteller hitlist - ein leben auf dem plattenteller
Hitlist
 




Therapy?: Suicide pact - you first
(1999, 71:11)


Therapy?: Suicide pact - you first
 

Beklopptes Cover.
Ziemlich abgedrehte CD.

Kommerzieller Erfolg gleich null, Kritikermeinung unterschiedlich.

Ich hatte 1995 die Infernal love zwar temporär supertoll gefunden, aber das hielt nicht so besonders lange vor.
Aus diesem Grund fand ich Semi-detached schonmal wenig interessant. Zumal auch noch reichlich Zeit ins Land gezogen war.
Mit Suicide pact - you first war ich wieder dabei. Ich weiss gar nicht genau warum, vermutlich hatte ich eine positive Rezension gelesen.

Suicide pact war der Befreiungsschlag. Weg vom Kommerz, hin zur künstlerischen Freiheit. Mit dem Majorlabel wäre diese Scheibe nicht möglich gewesen.
Da ich schon vorher besonders die abgefahrenen Seiten von Therapy? gut fand, war diese Platte genau das richtige für mich. Klar, mein Einstieg zu Therapy? war Troublegum gewesen - nicht so besonders verrückt. Jedoch fand ich zu diesem Zeitpunkt auch die Songs von Nurse und den EP's dazwischen sehr gut.
Suicide pact ist kein Schritt in die Vergangenheit. Es ist ein großer Schritt nach vorne. Dass danach Shameless ziemlich scheisse war steht auf einem anderen Blatt.

Die CD beginnt mit groben Gitarren und den Worten "Hey baby, I dig your scars". Der Song heißt He's not that kind of girl und die Gitarren schwanken zwischen Kinderverstärker, Wällen und leichtem Irrsinn. Schon ein ziemlich repräsentativer Song für die CD.

Auch bei Wall of mouths paaren sich schräge Gitarren mit abgedrehtem Gesang. Jam jar jail ist etwas straighter, aber dreckig. Das gleiche gilt für Hate kill destroy, das trotzdem einer der schwächeren Songs ist und leider als Single ausgekoppelt wurde. Dass der Titel hier nicht Programm der Band ist, können Newcomer erstmal nicht ahnen.

Ich weiss nicht mehr, ob es schon im Winter 99, oder erst 2000 war.
Ich hatte irgendwann den Erwin besucht und ihm eine Kopie von dieser CD gegeben.
Dann trafen wir uns wie üblich an Weihnachten. Der Glühwein floss. Irgendwann saßen wir dann bei seinen Eltern am Küchentisch, schon ziemlich hacke. Auf dem Herd schmorte weiter der Glühwein und wir wollten ROCK. Leider gab es in die Küche nur ein Radio. Aber wir mussten da bleiben, denn der Glühwein wollte überwacht und zügig nachgekippt werden. Also schleppte Erwin seine komplette Kompaktanlage von oben runter, platzierte sie auf dem Küchentisch und schmiss als erste CD Suicide pact rein.
Das verwunderte mich, denn er war bisher nicht als Therapy?-Fan in Erscheinung getreten. Aber während wir das Teil hörten, ließ er erkennen, dass die Band genau mit dieser Platte einen neuen Freund gewonnen hatte. Eben wegen der verrückten Vocals, die zwischen Flüstern und Grunzen schwanken und der rockigen oder leicht durchgedrehten Gitarren. Das waren coole 50 Minuten, als wir den restlichen Glühwein wegdröhnten und dabei laut Suicide pact hörten.
Ich schreibe von nur 50 Minuten, denn die oben angegebenen 71 Minuten beinhalten ziemlich viel Stille, bevor noch ein Bonussong als Anhang ans letzte Lied kommt.

Big cave in ist ein über fünfminütiges, etwas improvisatives, rein instrumentales Stück. Nicht großartig, aber ok. Und auch etwas Neues für Therapy?.
Six mile water kommt akustisch daher, ein nicht sehr aufregendes aber dennoch ungewöhnliches Lied. Es unterstreicht die leicht depressive, psychotische Atmosphäre des Albums.
Little tongues first konnte man '99 mal kurz als Video im Musikfernsehen bestaunen. Ein Song, der zugleich Single-Qualitäten hat, und trotzdem nicht so richtig straight ist und ziemlich einfallsreich und rotzig klingt. Schon komisch, eigentlich sollte Shameles auch voll dreckig rockend werden und trotz des tollen Jack Endino hat das nicht geklappt.

Irgendwann haben der Erwin und ich dann eingesehen, dass es Zeit wird, sich auf in unseren alten Lieblingsschuppen zu machen. Ich glaube, dies war das letzte oder vorletzte Jahr, in dem der noch auf hatte. Glühweinreste schnell weggekippt und zu Fuß zur großen Straße gewankt, um per Daumen mitgenommen zu werden. Das wurde immer schwerer, je älter wir wurden. Und nicht, weil wir so gefährlich oder kaputt aussahen, sondern weil wenig Autos dahin fuhren und weil trampen unüblich wurde und man als Tramper eher komisch angeguckt wurde als dass jemand anhielt.
Aber irgendwie klappte es meistens. Auch an diesem Abend wurden wir mitgenommen, nachdem wir ziemlich lange in klirrender Kälte gestanden hatten. Das war natürlich auch so ein Problem: wenn es geschneit hatte oder die Straße vereist war, wollte man sich ja nicht so richtig gerne fremden Fahrern anvertrauen. Wir machten es aber trotzdem immer wieder - und hatten Glück. Obwohl die Fahrer manchmal auch besoffen waren oder unangenehme Kampfhunde dabei hatten oder wir mit fünf Mitfahrern im normalen Wagen eingequetscht saßen.

Ten year plan sind classic Therapy?, sehr deutlich vergleichbar mit der Vorgängerplatte, d.h. gut aber unspektakulär.
God kicks danach ein kleiner Song, bei dem vor allem Andy Cairns knödeliger, ziemlich nach depri-Sauferei klingender Gesang im Vordergrund steht. Dazu gibt's eine leise Instrumentierung vor allem aus Akustikgitarre und Cello, damit ist es deutlich der abgefahrenste Song der Platte, sehr ungewöhnlich.
Gleich im Anschluss rockt Other people's misery wie Sau. Das einzige Stück mit richtig Punk dabei.
Zum Abschluss Sister, leider der Schwachpunkt der Platte, monoton und öde auch wenn's wohl richtig losrocken soll. Ich verzichte gerne drauf und es macht auch nix, schließlich haben wir schon 45 Minuten Musik bekommen.

Der "Secret Track" zu dessen Genuss man fast 15 Minuten Stille überspringen muss, ist kein Song im eigentlichen Sinne, passt als schwermütige Soundcollage aber gut ins Gesamtbild der Platte.

Wenn wir es an Weihnachten dann in unseren alten Stammclub geschafft hatten - ca. 1 Uhr nachts - dann verbrachten wir die Zeit damit, noch ein paar Bier zu trinken, viele alte Bekannte zu treffen, und gelegentlich mal bei 'nem altem Hit von der Sensational Alex Harvey Band, den Dead Kennedys oder den Pixies abzutanzen.
Um fünf Uhr morgens versuchten wir dann, nicht nüchterner als bei der Hinfahrt, jemanden von den inzwischen sehr wenigen Gästen als Heimfahrtransportmittel zu gewinnen. Meistens gelang uns dies auch mit etwas Mühe. Manchmal wurde ich dabei von einem bestimmten Mädel angegiftet, manchmal fuhr uns auch ein anderes nettes Mädel bis vor die Haustür, obwohl sie ganz woanders hin musste. Wahrscheinlich wirkten wir bemitleidenswert, da an der Straße stehend, zitternd vor Kälte und zugleich sturzbetrunken.

Suicide pact taucht nicht in irgendwelchen "best-of-the-90s"-Listen auf und hat sich schlecht verkauft. Auch einige Therapy?-Fans finden die CD nicht so gut.
Für mich ist sie ein Meisterwerk. Es war gut zu wissen, dass Therapy? noch zu Experimenten bereit sind. Und es macht(e) Spaß, die Scheibe zu hören nicht nur an Weihnachten beim Glühwein, auch jetzt noch. Wenn ich eine Reihenfolge alle Therapy?-Alben machen sollte, so müsste Suicide pact - you first auf dem zweiten oder dritten Platz landen.

Stay alive and rock on,
Harvey
(11.11.07)

 

 

Therapy?

(Nordirland)
1989 gegründet
1990 erste VÖ "Meat abstract"-Single

1999 Besetzung:
Andrew Cairns: voc, guit
Graham Hopkins: dr
Michael McKeegan: b
Martin McCarrick: cello, guit


Link
Shortsharpshock ep
Born in a crash
Knives
Troublegum
Diane
High anxiety
Never apologise never explain
One cure fits all
Crooked timber

Anspieltipp:

Für Statistik-Freaks:
Statistik die; -, -en:
1. (ohne Plural) wissenschaftliche Methode zur zahlenmäßigen Erfassung, Untersuchung u. Darstellung von Massen- erscheinungen.
2. [schriftlich] dar-
gestelltes Ergebnis einer Untersuchung nach der statistischen Methode.
3. Auswertung einer großen Zahl physika-
lischer Größen zur Bestimmung von physikalischen Gesetzen.
Statistik: