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Hitlist
 




Camel: Rajaz
(1999, 58:11)


Camel: Rajaz
 

Unglaublich, was Camel hier vorlegen. Die dritte gute CD in Folge und sogar noch einen Tick besser als die Vorgänger.
Von der Musik her dabei ähnlich zu diesen aber keine Kopie.

Eine stetige Steigerung: Dust and dreams war gut, Harbour of tears war sehr gut und Rajaz ist der Hammer!

Das Cover mag hier in klein ein wenig kitschig aussehen, doch meine Meinung ist, dass es die Stimmung trifft: die E-Gitarre macht einen Ausflug zu weiten Wüsten, alten Karawanenwegen und mystischen Lagerfeuern in der Wildnis.

Heute habe ich einen Satz gelesen, der mir gut gefallen hat: "Wenn man sich an feste Strukturen klammert, ist man nicht imstande, eine günstige Gelegenheit beim Schopf zu ergreifen. Man muss abwarten, und wenn die Zeit kommt, glücklich zu sein, dann sei glücklich!"
Ok, waren zwei Sätze. Und jetzt denkt jeder ich lese einen Ratgeber für Depressive, stimmt aber nicht, das ist von Robert M. Pirsig.
Weiterhin könnte man natürlich einwenden, dass diese Sätze auf Partnerschaften bezogen ja direkt eine Einladung zum Fremdgehen oder gegen die Ehe ansich seien. Das stimmt aber auch nicht. Es geht eher darum, dass das Glück nicht von alleine kommt und man nicht zu starr und statisch sein darf. Wenn man aber glücklich ist, dann ist ja alles wunderbar, da braucht ja auch keiner die "Gelegenheit". Ich bin ein großer Fan der Dynamik.
Zwar merkt man mir das überhaupt nicht so an, aber ich brauche ein sehr ausgewogenes Verhältnis von unveränderlichem und veränderlichem. In einigen Dingen bin ich fast schon ultrakonservativ, die werden Jahr für Jahr immer auf die gleiche Art erledigt und es geht nicht anders. Und andere Dinge ändere ich immer wieder, ständig und wenn sich länger nichts ändert, fühle ich mich unwohl, nicht gefordert und will "woanders hin". Da könnte man meinen, ich sei schizophren, aber ich glaube das ist normal so und auch ganz hilfreich. Erstens rostet man nicht ein und zweitens muss ein bisschen Verlässlichkeit und Stabilität ja auch im Leben sein. Allerdings ist jetzt natürlich noch die Frage, welche Bereich denn eher die statischen und welche eher die dynamischen sein sollen und da hab' ich noch nicht ganz die richtigen gefunden.
Aber das ist wahrscheinlich das schwerste im Leben überhaupt, die richtige Balance zu finden. Ich erinnere mich, dass ich als Kind eine zeitlang nur Dynamik hatte und kaum Stabilität und dann tendiert man danach natürlich dazu, die Dynamik zu meiden. Andererseits sieht man öfter Menschen, die zu quasi-Zombies geworden sind, anscheinend gar keine Dynamik haben, sondern nur immer das Gleiche machen.
Evolutionsmäßig gesehen hat sich immer die Dynamik durchgesetzt. Zwar nicht JEDE Dynamik, aber wenn eine bessere Anpassung an die Umwelt als vorher passieren soll, dann geht das ja nur mit Veränderung. Daher stuft Pirsig auch seine dynamische Qualität als höherwertig ein als die statische Qualität.

Schon von den Instrumenten und ihrem Einsatz ist die Camel-Platte eine Offenbarung. Dave Stewart - zur selben Zeit auch in Diensten von Fish - schlagzeugt wundervoll trocken und zugleich dynamisch. Ton Scherpenzeel - nach langer Zeit wieder an Bord und weiterhin Mastermind von Kayak - liefert viele schön altmodische Keyboards und Latimer selbst steuert diverse interessante programmierte Elemente bei. Das Cello ist mit Begleitungen dabei und Colin Bass am Bass ist eine Institution, die einfach zu Camel dazu gehört (diesmal allerdings nicht singen darf).
Ja und neben und über alledem steht der sanfte, etwas schwermütige Gesang von Andy Latimer und dessen Gitarre. Abgesehen von ihrer üblichen Genialität gibt's diesmal noch ziemlich viele Akustikgitarren nebenbei zu hören und ein paarmal produziert die elektrische wahnwitzige Effekte, die ein bisschen in die Richtung Dudelsack gehen. Und natürlich diese Solos! Ich liebe die. Latimer-Solos sind für mich die Tür in eine Traumwelt, wunderbar geeignet, um alles zu vergessen und sich ohne große Gedanken in die Musik fallen zu lassen.

Den inhaltlichen roten Faden hatte ich ja schon angedeutet und passend handeln die Texte auch von Fernweh, missglückten Beziehungen und verpassten Gelegenheiten. Meistens bei Camel spielt der Gesang eine untergeordnete Rolle. Im Prinzip ist es auch diesmal so, denn die Texte sind überwiegend recht kurz und die instrumentalen Passagen sind lang. Dennoch: es gibt hier nur zwei reine Instrumentalsongs und mich sprechen die Texte an wie selten zuvor. Außerdem korrespondieren sie unglaublich gut mit der Musik. Und... einmal mehr laden sie mich zum Mitsingen ein. Obwohl sie kaum Refrains beinhalten und kein einziger Popsong auf der Platte ist. Aber die Art wie Latimer singt hat sich seit dem Wiederaufleben Camels Anfang der 90er so entwickelt, dass man da ganz gut nebenher trällern kann.
Vorausgesetzt, man kann. Ich kann ja nun gar nicht singen und mache das daher nur mal ganz kurz.

Andere Leute sind da nicht so rücksichtsvoll. Letztens war ich auf einem Konzert von New Model Army und da standen ein paar hackedichte Typen neben mir (und es war unter der Woche!) und die haben die Songs mitGEBRÜLLT. Fuck, ey.
Klar, auf Konzerten singe ich auch mal gerne mehr mit als sonst, aber ich mache das immer nur ganz leise. Das kriegt überhaupt niemand mit. Und die schreien da rum. So laut, dass es selbst in rockigen Teilen nicht zu überhören ist.
Aber das war eh komisch bei NMA. Mal ein Konzert, bei dem ich genau im Altersschnitt lag. Sonst bin ich ja meistens einer der Opas (Punk) oder einer der Jüngsten ("Classic" Rock, auch sowas wie Camel zum Bleistift). Das ist durchaus angenehm und man muss auch sagen, dass da 'ne Menge gut aussehender Frauen anwesend war. Aber da hätte ich auch drauf getippt, dass mir die NMA-Faninnen ganz gut gefallen. Anders zum Beispiel als bei Runrig, da ist eher so der Typ "Friseuse, die sich für 'ne voll jugendliche Rockbraut hält, weil sie zweimal im Jahr zum Konzert geht" anwesend. Ebenso bei Genesis.
Auch lustig war, dass beim NMA Konzert der "älteste" Pogo stattfand, den ich je gesehen habe. Da waren tatsächlich die über 30jährigen wild am Rumspringen und sich ummoshen. Irre!

Also von daher kann man schon sagen, lohnt sich ein NMA-Konzert. Und natürlich war auch die Musik super, ein schöner Mix aus alt und neu. Ich persönlich hab' natürlich ein bisschen was daran zu meckern, dass der Verein jetzt auf einmal wieder NMA heißt, obwohl einige der Mitstreiter ja die Leute von Justin Sullivan solo sind und die Unterschiede immer mehr verschwimmen. Und die Musiker sahen scheiße aus. Der Keyboarder mit seinem fetten Bommel ging ja gar nicht, und Justin hat jetzt wieder längere Haare und wirkt damit, wie gerade unter der Brücke hervorgekrochen. Wenigstens ist er trotzdem ganz sympathisch.

Aber mal zurück zu Camel. Andy Latimer hat nach Rajaz noch eine Platte gemacht, nämlich A nod and a wink von 2002, die deutlich weniger interessant ist. So gesehen wäre es mal wieder Zeit für eine neue. Jedoch ist der Meister leider sehr krank und die Krankheit macht ihm so zu schaffen, dass er nur wenig Musik machen kann und auch mit Konzerten nicht mehr so klar kommt. Das ist traurig. Ich sehe es noch genau vor mit, wie ich bei meinem letzten Camel-Konzert (anderswo berichtet) in der ersten Reihe stehe und staunend zu Latimer aufschaue, der mit halb geschlossenen Augen und zuckenden Mundwinkeln diese grandiose Gitarrenarbeit darbietet. Ein sehr liebenswerter Mann glaube ich, auch wenn er nicht so einen engen Kontakt zu den Fans pflegt und wenig Worte auf der Bühne verliert.

Und was ich da genau erlebt habe, beschreibt Latimer selbst in dem Song Straight to my heart auf dieser CD, der von den ersten Radiosendungen aus Luxemburg handelt, die er selbst als Kind gehört hat. "I still love the sound of that red guitar, it takes my breath away and goes straight... to my heart."
Klingt ein bisschen platt, aber zusammen mit der Musik ist das einer von vielen Höhepunkten der Platte.

Dass ich nun gerade diese CD so besonders toll finde, könnte auf jeden Fall mit den vielen akustischen Gitarren und der dadurch (und vom Cello unterstützt) sehr ruhigen Stimmung zusammen hängen. Wobei auch die anderen neuen Camel-Platten nicht gerade rocken.
Leider kann ich mich gar nicht mehr erinnern, wann und wo ich die CD gekauft habe. Bei A nod and a wink weiß ich noch, dass sie schwierig zu kriegen war und ich sie irgendwann beim Amazonas bestellt habe. Harbour of tears kaufte ich second hand, nachdem ich eine Konzertkarte für die zugehörige Tour hatte. Und Rajaz? Verdammt. Ich habe sie neu gekauft, so viel steht fest. Und es war auch ziemlich direkt nach dem Erscheinen.
Jedenfalls gefiel sie mir auf Anhieb ausgesprochen gut und sie hat sich noch überhaupt gar nicht abgenutzt. Das ist eine Platte für die Ewigkeit glaube ich.

Meine Playlist von heute:
Del Amitri - Live at Abbey Road
IQ - Ever
Michael Chapman - Deal gone down & Savage amusement
Sting - Singles und B-Seiten (eigene Mix-CD)
John Watts - The iceberg model
Pete Townshend - Live
Blue Öyster Cult - The revölution by night
Twisted Sister - You can't stop rock'n'roll
(und Camel natürlich)

Stay alive and rock on,
Harvey
(17.11.07)

 

 

Camel

(England)
1969 als "The Brew" gegründet
1972 erste VÖ "Camel"-LP

1999 Band:
Andy Latimer: guit, voc, fl, keys
Colin Bass: b
Ton Scherpenzeel: keys
Dave Stewart: dr
Barry Phillips: cello


Link
Camel
Lady Fantasy
Rhayader
Moonmadness
Raindances
I can see your house from here
The single factor
Pressure points
Harbour of tears

Anspieltipp:

Für Statistik-Freaks:
Statistik die; -, -en:
1. (ohne Plural) wissenschaftliche Methode zur zahlenmäßigen Erfassung, Untersuchung u. Darstellung von Massen- erscheinungen.
2. [schriftlich] dar-
gestelltes Ergebnis einer Untersuchung nach der statistischen Methode.
3. Auswertung einer großen Zahl physika-
lischer Größen zur Bestimmung von physikalischen Gesetzen.
Statistik: