harveys hitlist: ein Leben auf dem Plattenteller hitlist - ein leben auf dem plattenteller
Hitlist
 




Platz 6 Hitlist 1992


Del Amitri: Change everything
 

Del Amitri: Change everything
(50:59, 1992)

Ein guter Titel für eine Platte.

Befehl: Ändere alles!

Nachdem ich zum Neujahrempfang tolle CDs des letzten Jahres gelobt hatte, kam mir irgendwann der Gedanke, dass ich doch auch ziemlich viele Tonträger in 2005 gekauft habe, die scheisse waren. Warum also neben der Hitlist nicht auch mal 'ne Shitlist?

Ich habe dann ein bisschen nachgedacht und hab' 'ne Liste gemacht. Auf ca. 25 CDs, die nicht ins CD-Regal gewandert sind, bin ich gekommen. Bei den restlichen Formaten sind es vielleicht nochmal so viele zusammen.
Erstaunlich wenig. Ich hatte geglaubt, ich hätte noch mehr Crap aussortiert.
Aber jetzt mal ohne Umschweife auf'n Punkt: die größten Enttäuschungen in dem Sinne, dass ich die CDs überhaupt nicht behalten will:

Richie Sambora's erste. Wird ja überall gelobt und Tony Levin spielt darauf Bass, fand ich aber völlig belanglos.
Bunbury, die Soloplatte des Heroes del Silencio-Sängers hat mit seiner alten Band nichts gemeinsam, sondern nervt mit modernem Sound voll rum.
Die Ärzte sind wohl einfach nicht mein Ding, denn die mir besonders empfohlene CD Le Frisur fand ich doof.
Die Soloscheibe von Ian Astbury (The Cult) wurde zwar von Chris Goss (Masters Of Reality) produziert, bietet aber außer zwei ganz brauchbaren Songs nur Ödnis. Auch viel zu keyboard- oder samplerlastig.
Eine neuere von Loudness kann nicht mit den alten Sachen aus den 80ern bzw. vom Anfang der 90er mithalten und den neuen Sänger mag ich auch nicht.

Ich kaufe ja viele CDs einfach mal so zum Antesten, wenn sie billig sind. Meistens finde ich die dann auch ganz gut. Die obigen fünf waren auch alle billig, keine davon hätte ich mal eben für 17 Euro gekauft. Trotzdem hielt ich sie eigentlich nicht für so ganz große Experimente, denn bei jeder hatte ich Bezugpunkte, die eine Vorstellung davon gaben, was zu erwarten sein könnte. Das enttäuscht mich dann mehr als wenn ich 'ne schlechte CD kaufe, aber vorher nix über die Musik wusste.

Immerhin weiss ich jetzt, dass die Teile Mist sind. Wenn ich sie also mal wieder billig sehe, brauche ich nicht überlegen, ob ich der Versuchung anheim fallen soll. Nein, ich kann ganz cool vorbei gehen und mir denken "shit, alles shit!".

Nu abba mal zu golden Shit oder holy Shit, nämlich the außergewöhnliche Songs of Del Mitri A:

Slide guitar und Akustische geben sich ein Stelldichein, dazu Andy Alstons wehmütige Quetschkommode... gleich bei Be my downfall werden alle Vorzüge dieser CD ins Rampenlicht gerückt. Dazu tragische Liebeslyrics, viel Melodie und Pop und natürlich eine bedrückende Grundstimmung.
Das ist der Tenor dieser Platte.
Manches ist auch ein wenig mehr im Blues oder Rock verwurzelt - Just like a man etwa - einiges etwas folkiger. Del Amitri machen unmoderne Musik und kennen sich aus. Wer die 70er mag, wer straighte aber nicht harte Gitarrenmusik mag, der liegt hier richtig.

Im Gegensatz zum Vorgänger ist Change everything richtig gut produziert und von den Songs her etwas weniger verspielt, vor allem auch weniger fröhlich. Im Unterschied zum Nachfolger ist die Scheibe aber nicht überproduziert und es wird eher auf altmodische Orgeln und Klaviere als auf programmierte Keyboards gesetzt.
Wie bei allen DA-Platten sind hier massenweise Hits drauf, Songs die man mitsingen kann und Songs die man aus dem Radio kennt. Ich kann die Texte der Platte fast komplett auswendig.

Wenn man diese Hits wie etwa Always the last to know mal nebenbei hört, so wird man sie nicht außergewöhnlich finden. Rauscht vorbei.
Aber genaueres Hinhören offenbart die vielen Feinheiten in der Instrumentierung, die sarkastischen Texte und genauen Beobachtungen und die Intensität und Vielseitigkeit der Stimme.

Für mich ist Change everything zugleich das beste und (nach Can you do me good? und dem Debut) schlechteste Album der Band.
Das beste, weil ich jedes einzelne Stück liebe, weil ich es sehr oft gehört habe, weil ich mich immer wieder irrsinnig freue, wenn es läuft und weil es meine erste DA-Platte war. Außerdem ist diese besonders in sich geschlossen und besonders traurig und ich mag traurige Musik.
Eines der schlechtesten ist es für mich, weil es nicht sofort zündete, als ich es mir aufnahm, weil es so traurig ist und ich nur selten Lust auf diese Stimmung habe, weil ich es deshalb auch nicht so oft höre und weil die DA aus den späten 90ern doch etwas anders klangen.
Dieser Zwiespalt hat auch dazu geführt, dass diese hier nur auf Platz 6 landet.
Trotzdem: es ist eine sehr gute Platte!

Mir persönlich gefallen als Songs besonders gut Be my downfall, Surface of the moon und The ones that you love lead you nowhere.

Vom Text her bin ich auch ein großer Fan von When you were young. "So look into the mirror, do you recognise someone, is it who you always hoped you would become, when you were young" heißt es da.
Das hat mich schon oft dazu veranlasst, genau über dieses nachzudenken.
Ich glaube, als ich "jung" war (hey, bin ich noch, oder?) habe ich gar nicht groß überlegt, wie ich mal sein möchte. Ich hatte zwar irgendwelche Träume und Vorstellungen, aber besonders befasst habe ich mich damit nicht. Vielleicht sollte man das tun: wer ein Ziel richtig deutlich vor Augen hat, kann es viel eher erreichen.
Meine Gedanken haben sich - wenn überhaupt - auf meinen späteren Beruf konzentriert. Oft habe ich mir vorgestellt, ich sei "später" Schriftsteller. Aber ich habe nicht geglaubt, dass dieses "geht". Das ist kein richtiger Beruf. Brotlose Kunst, man muss was Ordentliches lernen. So hat mir das vermutlich mein Elternhaus mitgegeben.
Dann habe ich oft geträumt, ich würde Fussballprofi werden. Aber schon im Grundschulalter dämmerte es mir, dass ich da wohl nicht gut genug für bin und mit 11, 12 geriet dieser Traum dann auch langsam in Vergessenheit.
Danach hatte ich (neben der Schriftsteller-Sache) meistens die Vorstellung, ich würde "Forscher" werden. Was ich genau forschen würde, war mir gar nicht so wichtig. Alte Tempel ausgraben oder neue Sonnen am Himmel entdecken, so in diese Richtung sollte das gehen. Denn ich wusste aus meinen Abenteuerbüchern und dem Fernsehen, dass Forschen unheimlich spannend und zugleich für schlaue Leute war. Ich wollte den Nervenkitzel der Schatztruhe mit Goldmünzen und die harte Nuss der Dekodierung von Nachrichten fremder Zivilisationen.
Dass dieses Bild der Forschung absoluter Mumpitz ist, habe ich erst spät, viel zu spät, gemerkt.
So oder so habe ich mich lange als sehr gebildeten Erwachsenen gesehen. Intellektualiät fand ich gut.

Schaue ich also heute in den Spiegel, so trifft das alles nicht zu. Ich bin ganz anders geworden, habe mich verändert, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte.
Ich glaube, so vom Charakter und meinen Prinzipien her hätte ich mich damals gut gefunden, so wie ich heute bin. Aber ich wollte herausragend sein, bei dem was ich tue. Das ist heute nicht mehr so. Obwohl ich immer noch sehr perfektionistisch bin.
Meine Vorstellungen vom privaten Leben waren bis zum Alter von 18 Jahren sehr, sehr schwammig und unvollständig. Eine nette Frau wollte ich, finanzielle Sicherheit und ich glaube, ohne wirklich darüber nachzudenken, ich habe mich auch mit Haus, Auto, Kindern usw. gesehen. Ganz "normal". Ich hätte eher so sein wollen wie viele Menschen Anfang 30 in meiner Umgebung auch tatsächlich sind und ich hätte mir ein unkonventionelleres Leben gar nicht vorstellen können.
Der Harvey, der sich öfter mal zehn Pils wegkippt, der in schmuddeligen Lagerhausdiskos rumhängt und mit Punks bei Konzerten pogt, den hätte ich mindestens bis zum Alter von 17 verabscheut!
Als ich den kategorischen Imperativ kennen lernte, leuchtete dieser mir so ein, dass es mir in meiner grenzenlosen Naivität völlig unverständlich war, dass nicht jeder einzelne auf der ganzen Welt jede seiner Handlungen und sein ganzes Leben danach richtet.
Da passt es ganz gut, dass ich auch heute den kleinen Harvey aus den 80ern komplett öde und bescheuert finden würde. Oberschlau, nervig, uncool, gestört... ziemlich daneben der Kerl.

Und in dem Zusammenhang wäre es mal echt interessant, zu sehen was aus dem kleinen Scheisser geworden wäre, wenn früher oder später ein unbedeutendes Ereignis anders gelaufen wäre als es ist.
Das finde ich schade, dass man die vielen Stränge möglicher Lebensläufe nicht mal alle durchspielen kann. Wäre spannend.
Aber da muss ich wohl weiter Alter Ego auf dem Rechner spielen und da kommt natürlich nie etwas raus, das nur annähernd den Dingen ähnelt, die ich wirklich erlebt habe.
In diesem Sinne: "So I soldier on just like a man"





Del Amitri

(Schottland)
Gegründet 1982
Erste VÖ 1983 "Sense sickness"- Single

Besetzung 1992:
Brian McDermott: dr
David Cummings: guit
Andy Alston: keys
Iain Harvie: guit
Justin Currie: voc, b, guit


Link
Waking hours
Twisted
Some other suckers parade
Not where it's at
Don't come home too soon
A terrible beauty
What is love for

Für Statistik-Freaks:
Statistik die; -, -en:
1. (ohne Plural) wissenschaftliche Methode zur zahlenmäßigen Erfassung, Untersuchung u. Darstellung von Massen- erscheinungen.
2. [schriftlich] dar-
gestelltes Ergebnis einer Untersuchung nach der statistischen Methode.
3. Auswertung einer großen Zahl physika-
lischer Größen zur Bestimmung von physikalischen Gesetzen.
Statistik:

Grace: The poet, the piper and the fool
 

Grace: The poet, the piper and the fool
(47:26, 1992)

Meine erste und liebste CD der unbekannten englischen Amateur-Band "Grace".

Amateure sind sie heute, nachdem der Ausflug ins Profilager Anfang der 80er nicht geklappt hat.
Und sie haben ihren Namen nicht schützen lassen, denn ich sehe öfter mal in Wühltischen eine CD von irgend so'nem schrottigen Disco/Techno-Projekt namens Grace.

Grace machen eine Mischung aus proggigem Pop der 80er mit etwas Folk. Die sehr sanfte Stimme des Sängers hat einen charakteristischen Klang und der Einsatz von Flöte und Saxphon hebt die Gruppe zusätzlich von anderen Bands ab. Aber sie haben eigentlich nichts mit Jethro Tull gemein, denn Blues, Hardrock oder Prog Konzept-Epen gibt's bei Grace gar nicht. Eher schon würde ich sie mit den ersten Soloplatten von Fish vergleichen. Es fehlt die dort manchmal zu hörende aggressive Gitarre und dafür gibt's noch mehr Keyboards und einen deutlicheren 80er Jahre Bezug.
Trotzdem ist diese Melange einzigartig und professionell vorgetragen. Viele Songs haben hymnenhafte Parts, zu denen man auch sicher gut tanzen kann und die eben auch die Folkfans ansprechen könnten.

Wenn ich den Opener The piper höre, wird mir ganz warm ums Herz. Alles drin. Auch die Orgelexzesse finde ich gut. Die harte Rhythmik dieses und anderer Songs kommt vielleicht noch vom New Wave (Fischer-Z zum Beispiel), das Aufpolierte ist dagegen eher bei den AOR Bands der 80er abgeguckt.

Diese CD war eine von zweien, die der Chimpy sich damals bei dem SI Mailorder bestellte. Die andere war ein ziemlich schlechtes Werk einer Band namens System Seven, das ich nichtsdestotrotz häufig gehört habe, denn es war ja mit Grace auf einem Tape. Die Kassette hatte für mich etwas Beruhigendes, Tröstliches. Neben dem traurigen Zeug von 92 und 93 und dem heftigeren Crossover oder Punk den ich hörte, war dies einfach "schön" und fröhlich, ohne dabei in übertriebene Spaßmusik auszuarten.

Obwohl ich diese erste CD von Grace so gut fand, war ich skeptisch, als ich die zweite im Wühltisch für DM 10.- fand. Ich wusste nicht, ob das DIE Grace waren, denn vom CD-Cover war das nicht eindeutig erkennbar (auch wenn der Schriftzug dafür spricht). Ich wusste noch nicht, dass "Cyclops" als Plattenfirma eher für proggige Musik steht und dies ein deutliches Indiz war.
Also fragte ich erst den Erwin, ob er etwas wüsste über weitere Grace-CDs, denn der hatte die erste ebenfalls und las das Empire Heft. Als er den Plattentitel bestätigte, rannte ich nochmal zu Karstadt zurück und wühlte erneut die ganze Kiste durch, um dann mit der Grace CD nach Hause zu fahren.
Das würde ich heute natürlich nicht mehr so machen, da gehe ich mehr Risiko ein. 5 Euro gebe ich zwar auch nicht für alles aus, um es mal anzutesten (zumal es auch öfter mal Wühltische mit 3.- CDs gibt), aber wenn ich ansatzweise meine, etwas könnte gut sein, dann sitzen die recht locker.
Gerade heute habe ich mir überlegt, dass ich am Wochenende unbedingt zu einer Plattenbörse müsste. Da hätte ich richtig Bock drauf! Und es ist Monatsanfang, ich könnte also auch ein bisschen was Neues kaufen. Aber - natürlich findet mal wieder hier in der Gegend nix statt. Es wird wohl also darauf hinauslaufen, dass ich Samstag einen Plattenladen aufsuche und dort etwas stöber. Vielleicht schaffe ich es ja auch mal die nette Schnitte hinter der Kasse wenigstens anzulächeln. Letztes Mal habe ich kein Wort rausbekommen, als die mit ihrer Kollegin über die Genres einiger Bands diskutierte (Wo muss das eingeordnet werden?) und ich genau wusste, welche Musik diese Gruppen machen.

Es läuft gerade Lullaby (nein, nicht von Cure, sondern von Grace), ein ruhiges, romantisches Lied über gruselige Träume.
Ich werde ganz wehmütig. Dieses Gefühl unbändiger Freiheit mit 17, 18 und auch noch 22, 23 war schon großartig. So viele Dinge, die man noch zum ersten Mal machen konnte. So viele neue Erfahrungen, spannende Situationen. Lullaby war auf meinem "Slow music mix 92-93", datiert auf den 2.6.93
Diese Kassette habe ich (zusammen mit Teil II) oft zum Einschlafen gehört und mir dabei die tollsten Sachen erträumt. Da kommen wir wieder zum Ende des Textes über die Del Amitri Scheibe oben zurück. 92/93 hatte ich recht genaue Vorstellungen über meine unmittelbare Zukunft, da handelten diese Träume von. Die weite Zukunft habe ich mir auch da nicht vorgestellt.

Ich grüße meine Mutter und den Papst.


Stay alive and rock on,
Harvey
(1.2.06)

 

Grace

(England)
Gegründet Ende der 70er
Erste VÖ 1977 "Old stories"- Single
1982-87 aufgelöst

Besetzung 1992:
John Davies: keys
Dave Edge: guit
Dave Rushton: b
Tony Hall: dr
Harry Davies: fl, sax
Mac Austin: voc


Link
Live
Gathering in the wheat

Anspieltipp: