harveys hitlist: ein Leben auf dem Plattenteller hitlist - ein leben auf dem plattenteller
Hitlist
 



Hitlist 1985
1
Marillion: Misplaced childhood
2
Sisters Of Mercy: First and last and always
3
Abel Ganz: Gullibles travels
4
The Cult: Love
5
IQ: The wake
6
Musik mit Haaren drin
7
The Songs - now
8
The Songs - then
Hitlist 1985

So zwischen den Jahrzehnten zu springen macht Spaß.
Eben noch 1994, jetzt 1985.
Eben noch zehn Jahre vor heute, nun schon fast zwanzig.

Für mich war 1985 eine Art Übergang.

Denn im Jahre 1984 hatte ich nur eine einzige Platte als kompletten Longplayer neu, und das war Bochum von Herbert Grönemeyer. Meine Tante hatte sich die gekauft und mir auf Kassette aufgenommen.
Davor - 1983 - hatte ich bereits meine beiden allerersten LPs (in Tapeform) gekauft bzw. geschenkt bekommen und zwar Bye bye von Trio und Jetzt kommt Shaky von Shakin' Stevens.

Nun denkt ihr, im Jahr 85 hätte ich dann mindestens drei Scheiben bekommen. Falsch.
Ich hatte meinen Plattenspieler noch nicht.
Allerdings trudelten 1986 ein paar Nachzügler von 85 ein.
Was aber eigentlich entscheidend ist, ist die Tatsache, dass ich 1985 begann, mich genauer für Musik zu interessieren.

Während ich nämlich bereits in der dritten Klasse einen eigenen Radiorekorder hatte und aus dem Radio aufnahm, wurde das jetzt etwas systematischer: nicht mehr ALLES wurde aufgenommen, sondern nur noch bestimmte Songs. Und ich hörte spezielle Sendungen wie die "Top 100" oder die "Top 20" oder die "Plattenkiste".

Es war erst ein Übergang, so dass ich von den Alben, die ich in dieser Hitlist erwähnen will, keines bereits 1985 kannte und auch nur eines 1986.
Aber Songs, die gab es und wenn sie vorher gar nicht so genau angehört wurden und schnelllebig waren auch weil ich sie oft wieder überspielte, so gibt es 1985 doch so einige, die Erinnerungen wecken oder sogar bis heute als Favoriten durchgehalten haben.

Deswegen habe ich diese Hitlist so organisiert, dass sich die Plätze sieben und acht den Songs widmen. Und zwar habe ich mir vorgestellt, ich wollte einen Mix mit zehn Stücken machen, die nicht auf den später vorzustellenden Longplayern sind.
Erstaunlicherweise fiel die Auswahl diesmal gar nicht so schwer. Keine Platte von 1985 wurde in einer der ersten drei Hitlists erwähnt. Und die vorhandenen Platten trennten sich ganz gut auf in mäßiges oder wenig bedeutsames Zeug und ein paar echte Renner.

Punk hatte allerdings 1985 wenig zu sagen. Das war vielmehr die Zeit des NWOBHM, was aber wiederum kaum in meiner Plattensammlung sichtbar ist.

Man kann sich fragen, warum Punk Anfang der 80er wieder verschwand. Es muss zum einen kommerzielle Gründe gehabt haben, denn Punk in seiner vermarkteten Form hatte auch etwas mit Nachfrage zu tun. Zum anderen muss auch das Bedürfnis der Jugendlichen danach, Punk zu veranstalten, geringer geworden sein. Was dann natürlich auch in die Nachfrage mit reinspielt, denn die Leute, die Punkmusik machen, sind ja eine Teilmenge derjenigen, die Punkmusik hören. Zumindest zunächst, bevor sie zu Rockopas geworden sind oder so.

Ich kann daraus nur schließen, dass die Jugendlichen Anfang der 80er weniger Grund zur Rebellion gesehen haben als noch Ende der 70er. Wobei sich das in Deutschland natürlich zeitlich etwas verschoben hat und Punk 1980/81 noch ein großes Ding war, aber eben 1985 nicht mehr.

Denn: Punk war und ist ein Mittel der Rebellion und Provokation.
Warum will man rebellieren und provozieren? Weil man unzufrieden ist. Mit dem Staat, mit den Eltern, mit der Gesellschaft oder gerne auch mal mit allem.

Und jetzt kommt der Teufelskreis: Punk will verändern, doch wenn die Veränderung gelingt (auch wenn sie nur in der Wahrnehmung des Rebellen geschieht), dann wird Punk überflüssig.
Oder noch besser: wenn alle - aber wirklich alle! - glücklich sind, hat Punk seine Existenzberechtigung verloren.

Klar, Punk kann auch einfach als Musikrichtung angesehen werden. Und in den letzten Jahren gibt es auch recht viele Protagonisten, die genau dies tun: Punk von seiner Funktion der Provokation zu "befreien" und nur die Musik als solches in den Vordergrund zu stellen.
Und gerade darin zeigt sich, dass weniger Lust auf Rebellion besteht im Moment, so wie auch Mitte der 80er.

Jetzt könnte man einwenden, dass gerade heutzutage mehr Punk präsent ist, als je zuvor. Es werden unendlich viele Platten rausgebracht, Videos laufen auf MTVIVA und die "Mode" Punk hat selbst das letzte Dorfgirlie erreicht.
Aber gerade daran sieht man auch, dass die Rebellionsfunktion bei dieser Art von Punk überhaupt nicht erfüllt ist. Und um die geht es ja gerade. Der Grund, dass sie nicht erfüllt ist, liegt aber NICHT daran, dass Punk heute nicht mehr "schockt", weil das Extreme Normalität geworden ist. Der Grund ist auch nicht, dass Medien und Kapitalismus das Kommando über Punk übernommen haben und ihn für ihre Zwecke funktionalisieren. Diese Überlegungen gehen von einem völlig falschen Konzept von Punk aus. Sie betrachten Punk als etwas Althergebrachtes, das sozusagen weitergeführt wird oder als etwas Übergestülptes, das die Jugend annehmen kann oder nicht.

Tatsächlich ist es aber die urtümliche Eigenschaft des Punk, aus der Jugend heraus zu entstehen, von ihr selbst kreiert zu werden und so ihren Zustand widerzuspiegeln. Und gerade deshalb werte ich das Vorhandensein von wenig rebellischen Punks (und Punkmusikfans) als Zeichen, dass die Jugend im Moment (und 1985) dieses Bedürfnis ihren Unmut kundt zu tun, nicht besitzt.

Bleibt die Frage nach dem "warum?".
Für 1985 kann ich das nur ganz grob vermuten: die Rockdinosaurier aus den 70ern waren weitgehend abgeschafft, die alten Werte brutal hinterfragt und zum Teil erneuert worden.
Das gilt für 2004 nicht: wir haben weder große musikalische Umwälzungen hinter uns, noch eine besonders intensive Zeit der Provokation.

Aber: in beiden Fällen erscheint es mir auffällig, dass eine Phase besonders ausgeprägter Musikvermarktung und besonders starken modischen Bewusstseins besteht.
In den 80ern war es der typische Eighties-Pop, der über noch neue Musiksendungen im Fernsehen (erste Videos) und sein schrilles Image (bunte Farben, verrückte Frisuren) die Massen in den Bann zog.
Heute ist es ganz ähnlich mit den seltsamen Rappern, Soulmammas und geklonten Castingstars. Nur dass die Auswahl etwas differenzierter ist und daher noch mehr Jugendliche erreicht.

Schlussfolgerung: die Jugend ist glücklich (oder ruhig gestellt, wie man es nimmt), also besteht kein Interesse an Rebellion. Opium sozusagen. Und dabei zu einem großen Teil "Opium der Jugend" und nicht nur "für die Jugend". Man will das problemlose Spaßleben. Aufstand ist anstrengend.

Einwand: auch heute und 1985 gibt/gab es Punks und Rebellion. Überall und immer findet man einzelne, die die herrschenden Zustände nicht mögen und aufbegehren. In den unterschiedlichsten Erscheinungsformen (es muss ja nicht Punk sein).
Daraus folgt: die Rebellion wird nur wirksam wenn sie ein Massenphänomen ist. Ansonsten ist sie vielleicht überhaupt nicht spürbar.
Damit wird auch klar, warum eine Punkwelle wieder abebben muss. Denn Punk wendet sich gegen die Massen. Punk gründet sich auf den Gedanken des Individualismus und der Abgrenzung gegenüber den meisten Menschen. Klar ist es auch ein Gruppenprozess, aber nicht in dem Maße, dass die Gruppe im Prinzip die ganze Gesellschaft sein könnte. Punk muss sich also gegen seine eigenen Fans wenden, wenn er zu populär wird. Er muss sich selbst vernichten, jedenfalls der rebellische Teil, wenn er eine Massenbewegung wird.

Schlussfolgerung 2: der Großteil der Jugend läuft nur mit. Entweder beim Punk (wenn der halt zufällig 1978 eine Massenbewegung wird) oder eben bei dem was sonst so läuft.
Die Vision des jugendlichen Punks von ganz, ganz vielen Gleichgesinnten, die das tiefe Bedürfnis nach Rebellion erfüllt, ist also sinnlos und hoffnungslos. Wie ich es schon mal an anderer Stelle gesagt haben: "Die meisten Menschen sind einfach scheisse." Und bleiben es auch.

Hoffnung: trotzdem werden größere Massen rebellierender Jugendlicher auch mal wieder entstehen. Denn selbst wenn viele nur mitlaufen und manches auch schief läuft, hilft so etwas zur Erneuerung eingefahrener Ideen in der Gesellschaft und belebt den ganzen Apparat.
Stagnation führt zum Tod. Abweichende Einstellungen fördern die Reflexion und Selbstkritik und damit den Fortschritt.

Wohin der dann schreitet, ist natürlich eine andere Frage. Oft glaube ich, wir schreiten letztlich nur in die Selbstvernichtung, mit welchen Mitteln auch immer.
Aber andererseits glaube ich an ein Fünkchen Gutes in jedem Menschen, das sich vielleicht auf lange Sicht durchsetzen wird.

Letztlich hat jeder Einzelne das Glück, dass er nicht persönlich verantwortlich ist für das Schicksal der Menschheit. Und da denke ich, ist es auch ganz gut, die Dinge mal klein zu halten. Jeder kehre vor seiner eigenen Tür.
Oder auch: lass dich nicht unter kriegen, mach dein eigenes Ding.
Selbstbewusstsein ist angesagt. "Ändere was du verändern willst, du musst dich schon selber dreh'n" (Die Skeptiker, "Protest")

Tja, und da sind wird dann doch wieder bei der Rebellion angelangt.


... zum Abschluss noch das wichtige Textzitat:

Menschen dachten in Bahnen, die andere in Straßen verlegten,
sie spürten immer diese Angst, wenn sie sich von ihnen fortbewegten,
ihr eigener Wille, gebrochen und tot,
ein Schnitt ins Fleisch, selbst das Blut ist nicht mehr rot.
Sie bauten viele Welten für mich, mich armes Hirn,
ich glaubte einst an Einheit, doch ich stand allein,
ich wollt nicht ihre Welten, ich wollt nicht ihren Haß,
Versuche auszubrechen und ich stand allein.
Manchmal finde ich noch zurück in meinen Traum,
doch er wird bestimmt durch die Angst vorm Erwachen,
sie stehn herum um das Bett in meinem Raum,
der Wecker tickt und ich höre sie lachen.

EA 80 "Nimmer geh beiseit"  


Stay alive and rock on,
Harvey
(7.10.04)

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Hitlist:
Hitlist: [hit-list] engl.-amerik.; ergibt sich aus hit und list

Hit:
Hit: [hit] engl.-amerik.; Schlag m; (Seiten)Hieb m; Glücksfall m; Treffer m; thea., (Musik-Bizz) Schlager: ein Song, der nicht zwingend gut sein muss, aber sehr populär ist.

List:
List: [list] engl.-amerik.; Liste f, Ver- zeichnis n; Auflistung: besonders Männer neigen dazu Ranglisten zu erstellen. Zum einen gibt es ihrem Fetisch einen gewissen wissenschaftlichen Anstrich, zum zweiten läßt sich herrlich darüber diskutieren.

Anspieltipp:

Für Statistik-Freaks:
Statistik die; -, -en:
1. (ohne Plural) wissenschaftliche Methode zur zahlenmäßigen Erfassung, Untersuchung u. Darstellung von Massen- erscheinungen.
2. [schriftlich] dar-
gestelltes Ergebnis einer Untersuchung nach der statistischen Methode.
3. Auswertung einer großen Zahl physika-
lischer Größen zur Bestimmung von physikalischen Gesetzen.
Statistik: