1990 war ein schönes Jahr.
Da gab es sehr viel gute Musik und auch ein interessantes
Privatleben.
Schule gab es auch.
Ich hab' die Schule immer
etwas zu wichtig genommen. 1990 war ich am Überlegen,
ob ich freiwillig ein Schuljahr wiederhole, weil ich "zu
schlecht" war. Wobei das in diesem Fall bedeutet, dass
ich so einen Schnitt von 3 in etwa hatte.
Da würden manche sagen,
ich sei wohl ein "Streber" gewesen und auch damals
haben Klassenkameraden das behauptet.
Ich habe mich nie als solcher aufgefasst, denn ich war nie
der Beste und ich legte auch keinen Wert darauf, es zu sein.
1990 begann ich allerdings, mir Gedanken über die Zukunft
zu machen und fühlte einen Druck auf mir lasten, ich
müsse ein besonders gutes Abi machen. Das war allerdings
Unsinn wie ich auch noch im Laufe des Jahres merkte und mich
dann nicht mehr so sehr um die Noten scherte.
Ich habe gerade kürzlich
alte Aufzeichnungen gefunden, in denen ich auch hin und wieder
aufgeschrieben habe, wieviel Hausaufgaben ich so gemacht habe.
Und da kann von Streber keine Rede sein, denn meistens war
das in 'ner halben Stunde erledigt. Im Gegenteil, ich hatte
reichlich Zeit für Freizeitaktivitäten.
Da wurde sich unter der Woche mit Freunden getroffen um Spiele
zu spielen, in die Kneipe zu gehen oder in seltenen Fällen
sogar brutal zu feiern.
Tatsächlich: unter der Woche mal mit drei Leuten 'ne
Kiste Pils allemachen kam schon vor. Nicht jede Woche, aber
manchmal, insbesondere an Angelegenheiten wie Karneval, Geburtstage
usw.
Das erscheint mir heute ganz schön heftig. Ein arbeitender
Mensch würde sicher sowas nicht machen. Geht auch gar
nicht, weil man ja Leistung bringen muss.
1990 musste ich nicht so
viel Leistung bringen. Bzw. die Sauferei machte einfach auch
nicht so viel aus. Mein Motto damals war "Ich kotze nie!"
und zusätzlich fühlte ich mich auch immer ganz ok
am Tag Danach.
Allerdings wurde dieses Motto dann auch hinfällig, als
ich bei einer Stufenfete so wunderschön am Göbeln
war, dass die Freunde gleich die ganze Belegschaft der Party
nach Draußen holten, damit sie sich dieses Schauspiel
ansehe. Im Gegenzug hab' ich dann die letzten Brocken an Chimpys
Jacke abgewischt, auch nett.
Später bin ich noch rücklings umgekippt und habe
mir 'ne böse Beule geholt und zwischendurch habe ich
noch mit netten Mädels gesprochen, woran ich mich aber
leider später absolut nicht mehr erinnern konnte (ich
hab's nur dadurch erfahren, dass sie sich danach mit mir treffen
wollte - also so scheisse kann ich gar nicht gewesen sein!).
Die Mädels waren 1990
natürlich sowieso sehr wichtig. Ich war andauernd "vernarrt".
Ich nenne das absichtlich so und nicht "verliebt",
weil das mehr eine übertriebene Verehrung von Schnitten,
die ich gar nicht richtig kannte, war.
Oder ich kannte sie schon und konnte mich in Begeisterungsstürmen
ergehen, aber trotzdem fehlte das tiefgehende Gefühl
und es war eher unrealistische Euphorie, wahrscheinlich weil
es keine anderen gab oder weil das eben so ist in dem Alter.
Letztlich war ich viel zu schüchtern und ängstlich,
als dass aus dieser Vernarrtheit mehr geworden wäre.
Aber solange man Träume hat, gibt's auch Hoffnung für
die Zukunft.
Ansonsten war 1990 Musik
ein immer größer werdendes Thema. Während
ich die Jahre davor nur sporadisch Platten gekauft hatte,
kam ich in diesem Jahr ein ums andere Mal in Geldnöte,
weil neue CDs her sollten. Konzerte waren auch dabei und ich
kaufte mir auch öfter mal 'ne Musikzeitschrift. Allerdings
meistens Heavy Metal-Hefte.
Zwar war 1990 auch der Erstkontakt mit den Ramones
und Bad Religion und einigen
Indie-Bands, aber erst Ende des Jahres. Vorher lag das Schwergewicht
neben den alten Prog und Rock-Sachen eben auch auf Heavy Metal.
Diese Phase ging allerdings nur so von 1989-1992
in etwa.
Meine Lieblingsgruppen im
Jahre 1990 erwähne ich jetzt mal noch nicht alle, denn
ich würde einigen Hits vorgreifen, aber ein paar Namen
droppe ich trotzdem mal:
Bad Religion hatte
ich schon erwähnt. Die wurden nach und nach und vor allem
1991 dann zu Favoriten.
Ihr damals aktuelles Album Against
the grain wäre auf einem der ersten Plätze 1990
gelandet, wenn ich es nicht schon früher mal vorgestellt
hätte.
Big
Country waren sehr angesagt und veröffentlichten
1990 zwei schöne Singles, die auf keinem Longplayer sind,
nämlich Heart of the world und Save me.
Auf beiden Maxi-CDs ist jeweils noch ein sehr gutes Bonusstück
mit drauf.
Mucky Pup habe ich
wohl 1990 noch nicht so richtig wahrgenommen, aber ein Jahr
später wurde auf jeden Fall wild zu Hippies hate water
abgetanzt. 1989 hatten
die uns Little pigs beschert, ein feiner Dancefloor-Rocker,
das Restwerk der vier Jungs ist aber eher vernachlässigbar.
Die Toten Hosen fand
ich damals super und auch das mit Obskuritäten und einer
Art Musikhörspiel angefüllte Doppelteil Auf dem
Kreuzzug ins Glück wurde häufig von mir gehört.
So gesehen könnte man die auch als meinen Einstieg in
den Punk bezeichnen (Ein kleines Bisschen Horrorschau
hatte ich auch schon), andererseits sind für mich heute
Punk und Tote Hosen sich widersprechende Begriffe.
Und ich habe auch zunächst nicht gewusst, dass sich sowas
Punk nennt, für mich waren eher die Ähnlichkeiten
zu schnellem Hardrock offensichtlich.
Victory
brachten den Nachfolger zur überragenden Culture
killed the native Platte raus mit dem Namen Temples
of gold. Die war auch nicht schlecht, erfüllte aber
die Erwartungen nicht ganz. Ich habe mir damals extra die
Vinyl-Version geholt, weil da limitiert noch eine Live-EP
dabei war. Jene rockt gut, muss ich nochmal auf CD überspielen.
Auch noch viel gehört
habe ich die Heroen der Jahre zuvor wie Marillion,
Genesis, Jethro
Tull und Peter Gabriel
und einige neue Heavy-Helden wie Doro (und Warlock),
Loudness, Running Wild
und Savatage.
Seltsame Mischung.
Und ich kam mir vor wie Mr. Hard, obwohl ich doch noch recht
wenig Ahnung von dem Genre hatte.
Heute führt das bei mir auch ein Nischendasein. Vor allem
diese CDs von 89-92 höre ich noch hin und wieder, aber
davon abgesehen liegt mein Interesse wieder bei Prog und 70er
Rock und noch immer bei Punkrock.
Aber abgesehen von EBM, Techno, Hip Hop und deren Seitenstilen
habe ich alles mal angetestet. Selbst Reggae habe ich mal
eine Chance gegeben und mir ein paar Platten angehört.
Da ist allerdings momentan nur die Bob Marley best of,
die jeder hat, in meiner Sammlung vertreten.
Unter den acht Rangplätzen
für 1990 werden wohl auch alle Musikrichtungen, die bei
mir überhaupt vorkommen, vertreten sein. Die genaue Reihenfolge
habe ich aber heute noch nicht. Muss ich am Wochenende nochmal
durch intensives Reinhören rausfinden.
Es sind auch diverse Sachen dabei, die ich erst später
kennen gelernt habe. Ich hatte 1990 gerade mal 50 CDs.
Trotzdem hat dieses Reinhören ein bisschen was von einer
Zeitreise, denn - wie immer - fallen mir viele Ereignisse
und Assoziationen wieder ein, wenn ich ehemalige Lieblingsplatten
höre. Die Auswahl ist jedenfalls ganz schön schwer
in diesem Jahr.
... zum Abschluss noch das wichtige Textzitat:
You can grin but you can't hide
All the emptiness inside
Since she left you like spit in the rain
And you can try to find her
But you'll be looking in vain
Because love disappears like spit in the
rain
Hitlist: [hit-list]
engl.-amerik.; ergibt sich aus hit und list
Hit:
Hit: [hit] engl.-amerik.;
Schlag m; (Seiten)Hieb m; Glücksfall
m; Treffer m; thea., (Musik-Bizz)
Schlager: ein Song, der nicht zwingend gut sein
muss, aber sehr populär ist.
List:
List:
[list] engl.-amerik.; Liste f, Ver-
zeichnis n; Auflistung: besonders Männer
neigen dazu Ranglisten zu erstellen. Zum einen gibt
es ihrem Fetisch einen gewissen wissenschaftlichen
Anstrich, zum zweiten läßt sich herrlich
darüber diskutieren.
Anspieltipp:
Für Statistik-Freaks:
Statistik die; -, -en:
1. (ohne Plural) wissenschaftliche Methode zur zahlenmäßigen
Erfassung, Untersuchung u. Darstellung von Massen-
erscheinungen.
2. [schriftlich] dar-
gestelltes Ergebnis einer Untersuchung nach der
statistischen Methode.
3. Auswertung einer großen Zahl physika-
lischer Größen zur Bestimmung von physikalischen
Gesetzen.