|
|
|
Die Skeptiker: Harte Zeiten
(44:44, 1990)
Eine der besten Deutschpunk-Scheiben überhaupt!
Und eine der ganz wenigen, die ich heute noch höre.
|
Mal abgesehen, dass ich
ja sowieso deutschsprachige Musik nicht so besonders mag,
bin ich auch weniger aggressiv und polemisch drauf als früher.
Von daher macht Deutschland halts Maul für mich
heute nicht mehr soviel Sinn.
Es muss also textlich etwas tiefgründiger und gemäßigter
gehen.
Geht es bei den Skeptikern
auf ihrer Debut-CD und es ist doch Punk. Leider wurde die
Band durch den Nachfolger Sauerei sehr stark in die
extreme Politpunk-Ecke gedrängt, obwohl auch da nachdenklichere
Texte dabei sind. Aber wenn man natürlich schon Polizisten,
die sich gegenseitig ihre Knüppel in den Hintern schieben,
auf dem Cover zeigt...
Kennen lernte ich die Skeptiker
mehr oder weniger durch meine Schwester. Ich glaube, ich hatte
bei einem Kumpel ein paar Songs gehört und ihr davon
erzählt und sie hatte dann auch bei Freunden irgendwas
gehört und sich daraufhin diese CD gekauft.
Da waren wir erstmal enttäuscht,
denn die gehörten Songs waren vom Zweitwerk gewesen und
von den Texten mal abgesehen ist Harte Zeiten auch
weniger Reingeknüppel und musikalisch vielschichtiger.
Aber eben das wollten wir ja eigentlich haben!
Trotzdem gefiel uns die Scheibe
nach ein paar Hördurchgängen und nicht viel später
besorgte ich mir dann Sauerei. Beide CDs haben heute
Kultwert für mich, aber bei dieser hier sind die Identifikationsmöglichkeiten
größer.
Ich habe auch noch die dritte
Schwarze Boten, die auch sehr gut ist und ein wenig
in die Hardcore-Ecke geht. Dann gab's 'ne Live-CD, die recht
gut die Konzertatmosphäre rüberbringt, aber dafür
leider ziemlich scheisse aufgenommen ist. Danach kam Stahlvogelkrieger,
das ich mir nur aufgenommen habe, weil's bis auf drei Songs
schlecht war. Und danach waren mir Deutschpunk und wegen der
schlechten letzten Platte auch die Skeptiker egal.
Wenn ich allerdings lese, in welcher Größenordnung
sich ihre Plattenverkäufe bewegten, dann wundere ich
mich doch: 5000 zirka.
Hmm, ich hatte den Eindruck bei Sauerei seien sie ziemlich
gut im Rennen gewesen.
Harte Zeiten gibt es heute nicht mehr zu kaufen, dafür
aber eine Compilation namens Frühe Werke, auf
der fast alle der Stücke zu finden sind, plus ein paar
Extrasongs und die erste Single. Ich glaube aber, das sind
alles Demoversionen. Keine Ahnung, ob die sich von denen hier
unterscheiden (ach doch, die sollen mehr nach Keller klingen,
im positiven Sinne; wobei Harte Zeiten jetzt nicht
gerade besonders intensiv produziert ist).
Die Skeptiker habe
ich einmal live gesehen und zwar spielen sie da als Vorgruppe
der noch nicht ganz durchgestarteten H-Blockx.
Seltsame Kombination.
So waren auch die Zuschauer:
ca. 50 Leute, die nur wegen der Skeptiker gekommen
waren und ca. 100 Leute, die nur wegen der H-Blockx
gekommen waren (damals noch mehr Rap dabei und dementsprechend
viele Kappen-Baggy-Pants-Kids).
Die Skeptiker waren aber extrem genial! Selten soviel
Pogoing auf einem Konzert und wegen der Freiräume vor
der Bühne bestand auch keine so große Ellenbogen-in-die-Fresse-Gefahr.
Die H-Blockx haben wir dann nur noch halb gesehen,
weil wir zum Zug mussten. Waren aber auch ganz ok.
Fehlerhafterweise ließ
ich mich von meinem Punk-Kumpel überreden, mir ein Skeptiker-Shirt
zu kaufen, auf dem das Sauerei-Cover abgebildet war.
Habe ich dann so selten angezogen wie kein anderes Bandshirt,
weil ich mich mit dem Cover dann doch nicht ganz wohl fühlte.
Diese ganze Hetzerei gegen die Polizei habe ich sowieso nie
verstanden. Klar gibt's da Arschlöcher, aber die gibt's
überall. Klar sind die Staatshüter, aber wenn man
jetzt den Staat zersetzen wollte, dann wären die ja nun
nicht gerade der richtige Ansatzpunkt.
Aber vielleicht habe ich da auch nicht die richtigen (schlechten)
Erfahrungen gemacht. Einmal bin ich mit so einem Anarchoblock
auf 'ner Demo rumgelaufen und links und rechts standen Dutzende
grüner Typen in Kampfanzügen Spalier, das war schon
etwas unheimlich.
Aber andererseits, wenn nicht gerade die eigenen Freunde zu
den Anarchotypen gehören, dann sehen die wohl en Block
genauso unangenehm aus.
Aber für Anarchie war ich eh noch nie. Das führt
nur zum Recht des Stärkeren und ich bin ziemlich schwach,
würde da also voll verkacken.
Mal wieder zu den Skeptikern.
Die ideale Musik für den 18-22jährigen in diversen
Sinnkrisen und im absoluten NICHT-Einklang mit der Welt. Viele
gute Texte dabei, z.B.:
Deadmanstown - ich komme irgendwo vom "Arsch der
Welt"
Pierre und Luce - Liebe in den Zeiten des Kriegs, bedrückend
und treffend, eines der genialisten Skeptiker-Lieder
überhaupt
JaJaja und Besinnung - gegen die Anpassung
Anders - "Doch im Grunde ist mir alles scheißegal,
ist sie groß oder klein, dick, mittig oder schmal."
Q.T. - was ist denn nun dieser verfickte Sinn des ganzen
Daseins?
Dabei ist die Musik manchmal
eher deutschrockig, sogar mal mit Akustikgitarren und ein
wenig naiv und sehr schnörkellos gespielt, was dann wieder
das Punkfeeling ausmacht. An anderen Stellen wird voll reingebraten.
Das klingt aber trotzdem anders als viele der sonstigen Deutschpunkbands
dieser Zeit, was vielleicht auch an der Entstehungsgeschichte
liegt: in der noch-DDR aufgenommen und vorher schon erprobt,
dabei natürlich nicht an die Westdeutsche Szene angekoppelt.
Hervorheben sollte man natürlich
auch noch den Gesang von Eugen Balanskat, der kaum mit irgendwas
vergleichbar ist. Auch Jello Biafra
finde ich ungeeignet als Vergleich.
Eugen schreit manchmal, singt aber meisten eher "schön",
denn er kann auch richtig singen. Manchmal schaut seine klassische
Gesangsausbildung durch. Dabei aber auch sehr variabel, zwischen
süß und lieblich und hart und brutal. Das ist was
Eigenes.
Von daher: diese Platte sollten
viel mehr Leute kennen. Ein Zeitdokument, das man auch heute
noch hören kann.
Stay alive and rock on,
Harvey
(19.2.04)
|