harveys hitlist: ein Leben auf dem Plattenteller hitlist - ein leben auf dem plattenteller
Hitlist
 




Hey Punk! 1990


Badtown Boys: s.t.
 

Badtown Boys: Badtown boys
(26:21, 1990)

Man stelle sich die Ramones der frühen Tage vor. Dann baue man einen Turbo an.
Und fertig sind die Badtown Boys. So in etwa jedenfalls.

Ich merke doch, dass diese Hitlist 1990 sich sehr, sehr stark auf alte Renner stützt, die ich schon lange kenne und mit denen ich besonders viel verbinde.

Aber 1990 war natürlich auch ein besonders gut geeignetes Jahr. Platten, die ich damals oder in den darauffolgenden zwei, drei Jahren gekauft habe, wurden von mir schon deshalb so häufig gehört, weil ich nicht so eine große Auswahl hatte.
Aber ca. 1993 entdeckte ich dann den CD-Verleih und nahm wie verrückt Tapes auf.

Gerade jener CD Verleih war es, aus dem ich als eine der ersten CDs überhaupt genau diese hier auslieh.
Und zwar hatte ich bis dato nur von den Badtown Boys gelesen.
Nun hatte ich aber gesehen, dass sie demnächst live vorbei kommen sollten und habe mir daher die CD ausgeliehen, um den Kram mal zu hören. Es gab dann für mich als Ramones-Fan kein Halten mehr, die musste ich mir anschauen!

Das leichte Rock'n'roll Image finde ich auch nicht schlecht: schaue man sich das Cover an: Tolle und Lederjacke kommt doch ganz gut!

Das Konzert war jedenfalls der Hit und als ich sie später nochmal sah, war das nicht anders. Genau meine Musik.

Wie soll ich die beschreiben, schwierig.
Also: schrammelige Gitarren machen Punk-Akkorde. Der Bass holpert songdienlich dahin und bringt hin und wieder ein klein wenig das R'n'R-Feeling mit. Der Schlagzeuger hat vier Arme.
Extrem Tempo! Wer bescheuerte Radiopopmusik gewöhnt ist, wird hier weggeblasen von der Mucke.
Der Sänger hat auch ein bisschen was von einem 60s-Mann, sehr eigenständige Stimme und natürlich schafft er es auch sehr fix die Wörter rauszukriegen, sonst würde er ja nicht hinterher kommen.
Wörter: Die Songtexte sind nix besonderes, aber vermitteln eine Stimmung: es geht um Freundinnen, gute Laune, schlechte Laune und ein paar schlichte Alltagsbeobachtungen. Keine große Message, keine politische Aussage, aber das muss auch nicht.

Die Songs sind sämtlich geil. Trotzdem erwähne ich zwei: My baby loves me ist eine wunderschöne Poppunk-Ballade für klischeeresistente Romantiker. Rockin a go-go sagt vom Titel her schon alles: eine Art Bandhymne, die extrem nach vorne geht!

Was den Punkrock angeht, so habe ich mir gerade dieser Tage die UK Subs mal wieder angesehen.
War schon ein paar Jahre her, dass ich die das letzte Mal live erlebt hatte.

Im Prinzip war's wie immer, also gut.
Charlie Harper noch immer im 79er Punkoutfit und inzwischen ganz schön alt geworden. Steht schon vor dem Konzert im Publikum rum und unterhält sich mit den Leuten, cool.

Alle Hits wurden gespielt und eine Handvoll neuerer Sachen. Geschwindigkeit dabei höher als 79, auch fein. Der Drummer sieht ziemlich jung aus, macht seine Sache aber gut. Der Sound der Drums ist vielleicht ein wenig zu metallisch. Etwas wärmer hätte mir besser gefallen.

Bass-Mann und Gitarrist sind schon älter und könnten auch die Steuerberater von Nebenan sein. Kein Kritik! Ich sehe ja auch nicht wie 'n Punk aus. Die beiden sind auch ganz gut auf der Bühne rumgesprungen. Ich weiss nicht, ob die schon länger dabei sind, das hat sich bei den Subs ja immer wieder geändert, da habe ich keinen Überblick.
Stören tut allerdings, dass der Gitarrerro ein ums andere Mal 'n Solo hinlegen muss. Punkrock mit Solos??? Ohne zweite Rhythmusgitarre?
Na gut, ein Kurzes mal so ist ja drin, aber doch nicht immer wieder!

Publikum war etwas zurückhaltend und interessant zusammengesetzt. Da waren einige Iros, ein paar ältere Veteranen, die trotzdem noch im Style rumliefen und auch eine ganze Menge relativ normal aussehender Leute. Auffallend die hohe Anzahl an Frauen. Nicht schlecht, sogar beim (gemäßigten) Pogo haben die mitgemacht!

Eine Stunde mit Zugaben ist natürlich wenig. Ohne Zugaben hätte ich das ok gefunden (wenn die dann noch kommen).
Aber trotzdem: ein lohnenswertes Konzert. Wäre mit zehn Pils vielleicht noch etwas lustiger gewesen, aber das geht unter der Woche nicht.

Diese Badtown Boys-Scheibe ist ideal, um sich auf die Schnelle (nur 25 min) in extreme Partylaune zu versetzen. Samstags kurz vorm Losgehen gehört und der Abend... kann eigentlich nur scheisse werden, denn so geniale Musik wird man wahrscheinlich nicht mehr hören. Jedenfalls nicht an öffentlichen Plätzen.





Badtown Boys

(USA)
Gegründet 1985
Erste VÖ 1988 "Don't you know"-Single

Besetzung 1990:
Greg Keith: voc
Tommy Komisar: guit
Chris Keith: b
Johnny Esposito: dr


Link
My baby loves me
Pennyless in paradise

Anspieltipp:


Die Skeptiker: Harte Zeiten
 

Die Skeptiker: Harte Zeiten
(44:44, 1990)

Eine der besten Deutschpunk-Scheiben überhaupt!

Und eine der ganz wenigen, die ich heute noch höre.

Mal abgesehen, dass ich ja sowieso deutschsprachige Musik nicht so besonders mag, bin ich auch weniger aggressiv und polemisch drauf als früher. Von daher macht Deutschland halts Maul für mich heute nicht mehr soviel Sinn.
Es muss also textlich etwas tiefgründiger und gemäßigter gehen.

Geht es bei den Skeptikern auf ihrer Debut-CD und es ist doch Punk. Leider wurde die Band durch den Nachfolger Sauerei sehr stark in die extreme Politpunk-Ecke gedrängt, obwohl auch da nachdenklichere Texte dabei sind. Aber wenn man natürlich schon Polizisten, die sich gegenseitig ihre Knüppel in den Hintern schieben, auf dem Cover zeigt...

Kennen lernte ich die Skeptiker mehr oder weniger durch meine Schwester. Ich glaube, ich hatte bei einem Kumpel ein paar Songs gehört und ihr davon erzählt und sie hatte dann auch bei Freunden irgendwas gehört und sich daraufhin diese CD gekauft.

Da waren wir erstmal enttäuscht, denn die gehörten Songs waren vom Zweitwerk gewesen und von den Texten mal abgesehen ist Harte Zeiten auch weniger Reingeknüppel und musikalisch vielschichtiger. Aber eben das wollten wir ja eigentlich haben!

Trotzdem gefiel uns die Scheibe nach ein paar Hördurchgängen und nicht viel später besorgte ich mir dann Sauerei. Beide CDs haben heute Kultwert für mich, aber bei dieser hier sind die Identifikationsmöglichkeiten größer.

Ich habe auch noch die dritte Schwarze Boten, die auch sehr gut ist und ein wenig in die Hardcore-Ecke geht. Dann gab's 'ne Live-CD, die recht gut die Konzertatmosphäre rüberbringt, aber dafür leider ziemlich scheisse aufgenommen ist. Danach kam Stahlvogelkrieger, das ich mir nur aufgenommen habe, weil's bis auf drei Songs schlecht war. Und danach waren mir Deutschpunk und wegen der schlechten letzten Platte auch die Skeptiker egal.
Wenn ich allerdings lese, in welcher Größenordnung sich ihre Plattenverkäufe bewegten, dann wundere ich mich doch: 5000 zirka.
Hmm, ich hatte den Eindruck bei Sauerei seien sie ziemlich gut im Rennen gewesen.
Harte Zeiten gibt es heute nicht mehr zu kaufen, dafür aber eine Compilation namens Frühe Werke, auf der fast alle der Stücke zu finden sind, plus ein paar Extrasongs und die erste Single. Ich glaube aber, das sind alles Demoversionen. Keine Ahnung, ob die sich von denen hier unterscheiden (ach doch, die sollen mehr nach Keller klingen, im positiven Sinne; wobei Harte Zeiten jetzt nicht gerade besonders intensiv produziert ist).

Die Skeptiker habe ich einmal live gesehen und zwar spielen sie da als Vorgruppe der noch nicht ganz durchgestarteten H-Blockx.
Seltsame Kombination.

So waren auch die Zuschauer: ca. 50 Leute, die nur wegen der Skeptiker gekommen waren und ca. 100 Leute, die nur wegen der H-Blockx gekommen waren (damals noch mehr Rap dabei und dementsprechend viele Kappen-Baggy-Pants-Kids).
Die Skeptiker waren aber extrem genial! Selten soviel Pogoing auf einem Konzert und wegen der Freiräume vor der Bühne bestand auch keine so große Ellenbogen-in-die-Fresse-Gefahr.
Die H-Blockx haben wir dann nur noch halb gesehen, weil wir zum Zug mussten. Waren aber auch ganz ok.

Fehlerhafterweise ließ ich mich von meinem Punk-Kumpel überreden, mir ein Skeptiker-Shirt zu kaufen, auf dem das Sauerei-Cover abgebildet war. Habe ich dann so selten angezogen wie kein anderes Bandshirt, weil ich mich mit dem Cover dann doch nicht ganz wohl fühlte.
Diese ganze Hetzerei gegen die Polizei habe ich sowieso nie verstanden. Klar gibt's da Arschlöcher, aber die gibt's überall. Klar sind die Staatshüter, aber wenn man jetzt den Staat zersetzen wollte, dann wären die ja nun nicht gerade der richtige Ansatzpunkt.
Aber vielleicht habe ich da auch nicht die richtigen (schlechten) Erfahrungen gemacht. Einmal bin ich mit so einem Anarchoblock auf 'ner Demo rumgelaufen und links und rechts standen Dutzende grüner Typen in Kampfanzügen Spalier, das war schon etwas unheimlich.
Aber andererseits, wenn nicht gerade die eigenen Freunde zu den Anarchotypen gehören, dann sehen die wohl en Block genauso unangenehm aus.
Aber für Anarchie war ich eh noch nie. Das führt nur zum Recht des Stärkeren und ich bin ziemlich schwach, würde da also voll verkacken.

Mal wieder zu den Skeptikern. Die ideale Musik für den 18-22jährigen in diversen Sinnkrisen und im absoluten NICHT-Einklang mit der Welt. Viele gute Texte dabei, z.B.:
Deadmanstown - ich komme irgendwo vom "Arsch der Welt"
Pierre und Luce - Liebe in den Zeiten des Kriegs, bedrückend und treffend, eines der genialisten Skeptiker-Lieder überhaupt
JaJaja und Besinnung - gegen die Anpassung
Anders - "Doch im Grunde ist mir alles scheißegal, ist sie groß oder klein, dick, mittig oder schmal."
Q.T. - was ist denn nun dieser verfickte Sinn des ganzen Daseins?

Dabei ist die Musik manchmal eher deutschrockig, sogar mal mit Akustikgitarren und ein wenig naiv und sehr schnörkellos gespielt, was dann wieder das Punkfeeling ausmacht. An anderen Stellen wird voll reingebraten. Das klingt aber trotzdem anders als viele der sonstigen Deutschpunkbands dieser Zeit, was vielleicht auch an der Entstehungsgeschichte liegt: in der noch-DDR aufgenommen und vorher schon erprobt, dabei natürlich nicht an die Westdeutsche Szene angekoppelt.

Hervorheben sollte man natürlich auch noch den Gesang von Eugen Balanskat, der kaum mit irgendwas vergleichbar ist. Auch Jello Biafra finde ich ungeeignet als Vergleich.
Eugen schreit manchmal, singt aber meisten eher "schön", denn er kann auch richtig singen. Manchmal schaut seine klassische Gesangsausbildung durch. Dabei aber auch sehr variabel, zwischen süß und lieblich und hart und brutal. Das ist was Eigenes.

Von daher: diese Platte sollten viel mehr Leute kennen. Ein Zeitdokument, das man auch heute noch hören kann.


Stay alive and rock on,
Harvey
(19.2.04)

 

Die Skeptiker

(Deutschland)
Gegründet 1986
Erste VÖ 1989 "Die anderen Bands"-7"
2000 aufgelöst

Besetzung 1990:
Eugen Balanskat: voc
Marcel Hofer: dr
Christoph Buntrock: guit
Andreas Kupsch: guit
Andreas Welfle: b


Link
Ein Lied...
Wehr dich!

Für Statistik-Freaks:
Statistik die; -, -en:
1. (ohne Plural) wissenschaftliche Methode zur zahlenmäßigen Erfassung, Untersuchung u. Darstellung von Massen- erscheinungen.
2. [schriftlich] dar-
gestelltes Ergebnis einer Untersuchung nach der statistischen Methode.
3. Auswertung einer großen Zahl physika-
lischer Größen zur Bestimmung von physikalischen Gesetzen.
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