harveys hitlist: ein Leben auf dem Plattenteller hitlist - ein leben auf dem plattenteller
Hitlist
 




Folksmusik 1990


Bob Geldof: The vegetarians of love
 

Bob Geldof: The vegetarians of love
(57:24, 1990)

Jeder kennt Bob Geldof.
Oder etwa nicht mehr?

Live Aid ist nun schon lange her. Aber der Hit von dieser CD dürfte noch bekannt sein: "The great song of indifference".

Vorweg noch eine Erklärung: Hitlist ist diese Woche einen Tag zu spät dran. Das war keine Absicht, sondern liegt daran, dass ich mir eine beschissene, heftige Erkältung geholt habe und gestern nix ging.

Aber mir scheint, die Zahl der "Stammgäste" hier ist 'eh recht gering, so dass es nicht so drauf ankommt. Jedenfalls hat sich das Gästebuch bisher ja als absoluter Mumpitz erwiesen und im Gegenzug kriege ich durch den Wegfall des Kontaktformulars gar keine Emails mehr (obwohl ja jeder die Adresse weiss: Harvey at hitlist-online.de).

In dieser Ausgabe geht es im weiteren Sinne im Folkplatten. Nix für Puristen, denn die einzige Gemeinsamkeit dieser Platten besteht darin, dass auf allen Violine und Gitarre verwendet werden.

Als Live Aid im Fernsehen zu sehen war, sagte der Name Bob Geldof mir gar nichts. Auch von den Boomtown Rats hatte ich noch nie etwas gehört.

Bis heute bin ich nicht so richtig ein Fan des Songs I don't like mondays und zwar vor allem, weil er viel zu oft zu hören ist und auch weil das Video dazu richtig 80er Jahre mässig scheisse ist.
Die entsprechende LP The fine art of surfacing ist jedoch ein sehr gelungenes Stück poppigen Post-Punks.

Diese CD von Bob Geldof habe ich dann wegen des Great song of indifference gekauft, der damals ein Partyknaller war. Lief auf allen Stufenfeten und es wurde immer so schön Arm in Arm dabei getanzt. Die Verbrüderung der Enthemmten. Ähnlich wie bei Was wollen wir trinken, nur musikalisch gehaltvoller.

Allerdings hatte ich die komplette Platte schon bei Freunden gehört und wusste somit in etwa was mich erwartete: ein eher nachdenkliches Werk mit leisen Untertönen, das sich sehr stark auf den Gesang von Geldof stützt.

Das ist keine Musik, zu der man auf Anhieb sagt "is ja geil!". Und bei mir war es so, dass ich nach zehnmal Hören dieses noch nicht fand. Bis heute finde ich die Scheibe gut. "Nur" gut. Solide, nett, aber kein extremer Knaller.
Dennoch taucht sie hier auf und der Grund ist die Konstanz, mit der ich sie höre. Es gab keine Phase seit ich sie besitze, in der ich sie nicht gelegentlich mal gerne gehört hätte. Daher hat sie für mich inzwischen eine Art Kultwert.

Zumal ich auch nichts sonst von Geldof habe (von den Boomtown Rats mal abgesehen). Ich hatte mal seine nächste CD The happy club (oder so ähnlich?) angehört und für uninteressant befunden.
Aber ich brauche auch nix sonst. Diese CD steht für sich.
Das ist genau die CD, die ich auflege, wenn ich nicht so richtig weiss, was ich eigentlich hören will, nur dass es nicht so heftig laut sein soll.

Lange habe ich überhaupt nicht kapiert, was der Titel uns sagen soll. Ich habe ihn immer mit "die Liebesvegetarier" übersetzt und konnte dann nix damit anfangen. Vegetarierer essen keine Tiere, so mein Gedanke. Erst nach Jahren wurde mir klar, dass hier wohl die "fleischlose Liebe" gemeint ist. Warum Geldof und seine Musiker diese so gut finden ist mir aber schleierhaft. Allerdings habe ich mir die Texte auch nie so ganz genau angesehen, vielleicht steht da was zur Erklärung drin.
Grundsätzlich geht es durchaus in den meisten Songs im Liebe. Oder eher um Beziehungen. Oder Probleme und so'n Zeuch.

Bob Geldof hat eine sehr eigene Art zu singen. Man möchte fast meinen, dass sei gar kein richtiger Gesang, eher gepresste Ausrufe. Ist aber interessant.

Musikalisch hat das Akkordion sehr viel zu sagen, dazu Klavier, Akustikgitarre und Violine. Das klingt wie eine passende Folkbesetzung, aber das Produkt ist dann doch sehr eigenwillig. Zumal die restlichen rechts aufgeführten Instrumente auch alle mit dabei sind (nicht alle gleichzeitig! Das war doch wohl klar!).

Von den schnelleren Stücken gefällt mir besonders Love or something, von den langsameren das entzückende A rose at night und der gemächliche Siebenminüter Walking back to happiness.
Man lässt sich Zeit. Ruhe regiert.
Ich mag sogar das überlange Thinking voyager 2 type things, obwohl das nur so vor sich hin plätschert, ohne Höhepunkte oder Refrain. Aber vor meinem inneren Auge blitzen dabei Erinnerungen auf, zu schnell um sie wirklich zu fassen, aber langsam genug, um für Sekunden in Gefühle versetzt zu werden, die nicht mehr zugeordnet werden können aber doch eng mit dieser Musik verbunden sind.

Einfach eine gelungene Platte. Zeitlos, wenn man so will.





Bob Geldof

(England)
Seit der Trennung der Boomtown Rats 1984 solo
Erste VÖ "This is the world calling"-Maxi 1986

Musiker 1990:
Bob Geldof: guit, voc
Pete Briquette: b, keys
Phil Palmer: guit
Geoff Richardson: viola, guit, sax,...
Steve Fletcher: piano, organ
Alan Dunn: organ, accordion
Rupert Hine: piano, keys
Bob Loveday: violin, b
+
Gäste


Anspieltipp:


New Model Army: Impurity
 

New Model Army: Impurity
(49:16, 1990)

Es gibt drei essentielle New Model Army-Platten und dies ist eine davon.

Es war meine zweite und sie ist besonders atmosphärisch.

Die anderen beiden sind Thunder and consolation (welches meine erste war) und The ghost of cain (die ich schon vorher kannte, aber lange nur auf Tape hatte).

Während ich Thunder and consolation explizit wegen der Hits ausgesucht hatte, ging ich hier einfach in den Laden und kaufte noch eine NMA-CD. Das war aber auch schon 1993, glaube ich.

Hier ist nur ein Hit drauf, nämlich Purity. Im Prinzip der beste von NMAs Hits, denn er ist nicht ganz so abgenudelt und dazu sehr atmosphärisch, (Aber) auch sehr hymnenhaft.

Vergleicht man die drei genannten Scheiben, so ergibt sich ein unterschiedlicher Gesamteindruck.
Bei The ghost of cain ist noch ein wenig Punk dabei. Die Stimmung ist düster und wütend. Genau wie auch die Leute im Booklet gucken.
Thunder and consolation ist dagegen viel positiver. Zwar oft zynisch und kritisch aber Schönheit, insbesondere von Landschaften, findet auch ihren Platz. Musikalisch allerdings etwas heterogen und zusammen gewürfelt.

Impurity ist die logische Fortentwicklung. Landschaften und Momente voller nachdenklicher Schönheit stehen im Mittelpunkt. Keyboards sind deutlich stärker vertreten. Nur das Intro Get me out ist aggressiv, an anderen Stellen klingen Musik und Text richtig versöhnlich. Außerdem ist die CD in sich geschlossen, vom Anfang bis zum Ende gut und zueinander passend.

Meine Favoriten sind eher die ruhigsten Stücke wie Marrakesh, Bury the hatchet und das rockigere aber eingängige Lurhstaap.

 

New Model Army

(England)
Gegründet 1982
Erste VÖ 1983 "Bittersweet"-Single

Besetzung 1990:
Justin Sullivan: voc, guit, keys
Robert Heaton: dr, guit
Nelson: b, guit, keys
+
Ed Alleyne Johnson: violin


Link
The ghost of Cain
Thunder and consolation
Living in the rose
Navigating by the stars

Lou Reed and John Cale: Songs for Drella
 

Lou Reed / John Cale: Songs for Drella
(54:54, 1990)

Lou Reed und John Cale gedenken demjenigen, der sie bekannt machte: Andy Warhol.

Dazu kommen sie nach ewigen Jahren wieder zusammen und sind gar nicht so weit von dem weg, mit dem sie aufhörten.

Erst kürzlich hatte ich von meinen ersten Kontakten mit der Musik von Velvet Underground berichtet.

Einer der Kumpels aus meiner früheren Hippie-artigen Clique, hatte diese CD hier.
Sie ist für mich bis heute mit Gedanken an Meetings mit ihm verbunden. Der war ein bisschen abgespaced drauf und man konnte immer damit rechnen, mit ihm zusammen sonderbare Sachen zu erleben. Ich sage nicht "gute Sachen"!

Dazu gehörte, in einem schwarz gestrichenen Raum bei schwarzem Tee stundenlang Dead Can Dance zu hören. Oder mit Tarot-Karten die Zukunft vorausgesagt zu bekommen (ich weiss nicht mehr was rauskam...).

Gerade letztens wurde ich auch wieder an eine sonderbare Aktion erinnert. Ich latsche so durch die Stadt und sehe auf einmal eine Ecke wieder, an der ich mit dem Kumpel vor ca. zehn Jahren saß.
Whow! Soll ich mich jetzt freuen, dass ich mich noch erinnere, oder soll ich erstarren, ob dieser langen Zeit?
Damals wohnte ich noch ganz woanders und er wohnte in dem Ort, in dem ich jetzt wohne. (Ja, so verzwickt ist das gar nicht. Einfach den Satz nochmal lesen.) Ich war zu Besuch und nachdem wir eingekauft hatten und einen großen Gemüseeintopf gemacht hatten (ich weiß das noch genau, weil ich normalerweise nie dieses tiefgekühlte Suppengemüse kaufe), setzten wir uns bei Räucherstäbchen zusammen und hörten abgefahrene Musik wie zum Beispiel die CD von Lou Reed und John Cale oder auch die Fields Of The Nephilim.
Er erzählte, dass er letztens festgestellt hätte, die meiste Musik sei scheisse und daraufhin den größten Teil seiner CDs verschenkt hätte. Ich konnte es nicht fassen, vor allem auch dass ich keine einzige abbekommen hatte.
Dann spielte ich ihm die neue Iggy vor (American caesar) und er fand bis auf einen Song alles scheiße.
Daraufhin schnappten wir uns jeder eine Flasche Wein und wollten rocken gehen. Er allerdings führte mich zu einem Jazz-Rock-Konzert, bei dem so Hyperinstrumentalisten sich ewig einen abimprovisieren. Das kostete auch noch höllisch Eintritt und man konnte dabei nicht den Wein trinken. Ich war ziemlich sauer.
Schließlich war es schon 12 und wir immer noch nicht bedröhnt. Also setzten wir uns draußen vor den Veranstaltungsort und zogen uns recht flott den Wein rein. Bzw. er wollte nicht so richtig und ich musste noch mithelfen. Das war dann genau an der Ecke, an der ich letztens vorbei kam.
Wie Schuppen fiel es mir von den Augen und ich erkannte die Häuser rundum wieder. Sehr eigenartig. Was wir nach dem Wein noch so gemacht haben, weiss ich nicht mehr. War wohl nicht der Renner.

Ein andermal besuchte ich ihn und kam in den Genuss meiner ersten (und bisher einzigen) Karibik-Party. Was nun so ziemlich das letzte war, mit dem ich gerechnet hätte. Keine Ahnung was da genau für Musik lief: Salsa, Samba oder was auch immer? Ich glaube, ein Reggae-Song war auch mal dabei. Und da tummelten sich südländische Leute, schicke Frauen, heldenmässige Typen und auch ein paar Ethno-Studenten und dazwischen der Harvey: lange Matte, zerschlissene Klamotten, hohe Docs. Passte ganz toll und lud mich auch richtig zum tanzen ein. Aber wie gesagt, spannend war sowas immer.

Jedenfalls lernte ich die Songs for Drella CD so kennen und hörte die auch immer mal wieder. Mit Entdeckung des CD-Verleihs wurde sie dann aufgenommen und später auch mal richtig gekauft. Und ich höre sie immer noch gerne, wenn sie auch nur für besondere Stimmungen geeignet ist.

Die Instrumentierung ist schonmal ungewöhnlich: hier gibt's kein Schlagzeug und keinen Bass. Zusätzlich hat John Cale manchmal eine Tendenz zu schrägen Tönen. Und gerade wegen der sparsamen Instrumentierung steht der Gesang stark im Vordergrund.

Viele der Songs sind kaum richtige Songs als eher Fragmente. Kurze Skizzen aus dem Leben von Andy Warhol (Drella). Und genau das sollen sie ja auch sein.

Die Stimmungen sind unterschiedlich: mal nachdenklich, mal optimistisch, mal traurig. Alles sehr eindringlich und nicht jedermanns Sache.
Mag man aber Velvet Underground, so ist die Wahrscheinlichkeit schon nicht so klein, dass diese CD auch gefällt. Ich wage sogar zu vermuten, dass die Platte mit zwei weiteren Leute nahtlos an White light/white heat angeknüpft hätte.

In jedem Fall ist diese Platte innovativ und ungewöhnlich. Dass ich sie schon damals so gut fand, kann eigentlich nur mit den spannenden Momenten, in denen wir sie hörten, erklärt werden. Hätte ich zuerst die ganze CD für mich alleine gehört (statt sie dauernd mit Leuten zusammen zu hören), so hätte ich mich wahrscheinlich nicht dafür erwärmen können.
Einmal hatte ich das Tape im Auto mit meiner Mutter und Schwester an und wurde gezwungen, es wieder abzustellen. Ich erinnere mich noch gut, wie meine Schwester meinte, das sei ja wohl absolut nervtötend.

Trotzdem hat es was. Und stimmt auch nicht ganz, denn einige Lieder sind auch sehr melodisch und schon fast schnulzenhaft. Insgesamt eben abwechslungsreich.
Und eines dieser gefürchteten Konzeptalben.
A propos: mir fiel letztens auf, dass meine Aussage, in dieser Hitlist kämen alle meine beliebtesten Musikrichtungen vor, nicht ganz stimmt. Der Progressive Rock fehlt völlig.
Ja, tatsächlich, unter den noch kommenden fünf Plätzen kein Prog. Damit ich nun kein fieser Lügner bin, taufe ich den heißen Scheiss, den Cale und Reed hier machen auch mal "progressiv". Vielleicht Progressive Folk? Ich glaube, da fällt eigentlich sowas wie die Strawbs drunter. Egal.

Weil man ja am Ende nochmal so'n Fazit machen muss, das alles genau auf den Punkt bringt hier also ein äußerst eloquenter Abschlusssatz:
Songs for Drella
ist eine tolle Platte zum mehrfachen genauen Hören, die nicht einfach ist, aber auch sehr stimmungsvoll.


Stay alive and rock on,
Harvey
(5.3.04)

 

Lou Reed / John Cale

(USA)
Gründeten 1965 Velvet Underground
Cale stieg 1968 aus, erste Solo-VÖ 1970 "Fairweather friend"-Single
Reed stieg 1971 aus, erste Solo-VÖ "Going down" -Single 1972

Instrumente:
Lou Reed: voc, guit
John Cale: voc, keys, viola


Link
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Anspieltipp:

Für Statistik-Freaks:
Statistik die; -, -en:
1. (ohne Plural) wissenschaftliche Methode zur zahlenmäßigen Erfassung, Untersuchung u. Darstellung von Massen- erscheinungen.
2. [schriftlich] dar-
gestelltes Ergebnis einer Untersuchung nach der statistischen Methode.
3. Auswertung einer großen Zahl physika-
lischer Größen zur Bestimmung von physikalischen Gesetzen.
Statistik: