harveys hitlist: ein Leben auf dem Plattenteller hitlist - ein leben auf dem plattenteller
Hitlist
 




Too old to rock'n'roll... 1979


Camel: I can see your house from here
 

Camel: I can see your house from here
(46:05, 1979)

Ab 1977 hatten Camel mit zwei Problemen zu kämpfen:
1. vielfacher Musikerwechsel
2. geringe Plattenverkäufe

Das erste Problem endete damit, dass 1982 nur noch Andrew Latimer von der Urbesetzung übrig war. Seitdem ist Camel gleich Latimer (und schon etwas eher auch).

Das zweite Problem führte in den Jahren 77-84 zu krampfhaften Versuchen, Singles zu produzieren und die Songs kurz und radiotauglich zu halten.

Trotz dieser beiden Schwierigkeiten sind in dieser Zeit noch einige gute Platten entstanden. Raindances von 1977 zeigt noch am ehesten eine Verbundenheit zu älterem Material. Auch wenn die Songs kürzer und poppiger werden, klingen sie noch ein wenig nach experimentierfreudigen 70ern.
Von den restlichen Platten bis zur vorläufigen Auflösung 1984 kann man meiner Meinung nach I can see your house from here und den Nachfolger Nude auch als kritischer Hörer als gelungen einstufen. Ich selber finde auch das sehr uneinheitliche The single factor besonders toll, aber da ist mir klar, dass es viele Gegenmeinungen geben wird.

I can see your house from here ist eine Abkehr von dem leicht Jazz-Rock-beeinflussten Sound von Breathless. Einzig Wait lässt hier noch als erster Song der Platte eine Verbindung erkennen. Trotzdem gefällt es mir (auch wegen der Eingängigkeit) sehr gut. Auch ein schöner Gesang von Colin Bass.

Davon abgesehen findet man sieben kurze Songs und einen ziemlich langen vor.
Von den kurzen sind wiederum zwei reine Instrumentalstücke. Diese schaffen es jedoch nicht ganz, sich vom relativ einfachen Aufbau der anderen Songs zu lösen und nutzen deshalb die Freiheiten, die sie als Instrumental haben (schonmal keine Single!) nicht ganz aus. Für mich eher Übergänge denn richtige Songs.

Remote romance als ein weiterer der kurzen Songs ist ein Versuch, den noch neuen Sequencer einzusetzen und fällt ziemlich aus dem Rahmen. Für mich eines der schlechtesten Camel-Stücke überhaupt. Der technoide Anstrich des Lieds ist genau das Gegenteil von dem, was man von Camel kennt und liebt (nämlich sanfte, angenehme Sounds).
Es bleiben also vier kurze Songs, die sämtlich sehr gelungen sind. Als längster davon ist Who we are recht abwechslungsreich, ein bisschen orchestral und mit Flöteneinsatz. Nicht ganz so einschläfernd wie vieles von Caravan, aber grob die Richtung und eben ruhig.
Die anderen drei sind dann schon eher die Singles, wobei Your love is stranger than mine tatsächlich eine war (null Erfolg) und durch sehr schöne Melodien und ein klasse Saxofon von Mel Collins besticht.
Hymn to her präsentiert Latimers Gitarre in Vollendung: das ist der typische Camel-Sound, so mag ich das! Lange Solos, flinke aber zurückhaltende Klavierfinger und Latimers softe Stimme. Mancher würde das als Bombast oder Schmalz abtun, ich find's großartig.
Neon magic dagegen ist ein wesentlich schnelleres und im Jahre 1979 seiner Zeit vorausstrebendes Stück Musik. Damit hätte man zwei, drei Jahre später bestimmt mehr Erfolg gehabt, denn dieser Song klingt deutlich nach 80ern - dem erträglichen Teil derselben - und schraubt sich schnell ins Gehör. Sehr rhythmusorientierte Drums, effektvolle Gitarre und ein orgelndes Keyboardgedrücke, das schon an einige spätere Kapellen, die es dann aber übertrieben haben, erinnert.

Bleibt noch Ice, der Schlussepos. Nicht so wahnsinnig abwechslungsreich, aber dennoch gut. Ich denke, insgesamt ist dieses Lied oder auch eher die Aufnahme davon, etwas zu zurückhaltend. Übrigens auch rein instrumental und mit ausschweifenden Einzel- und Gesamtdarstellungen vor allem des Keyboard- und Gitarrenspiels. Ruhige Vangelis-Songs mit Pink Floyd-Gitarren würde ich mir so ähnlich vorstellen. Wobei natürlich auch durchaus Schlagzeug und Bass dabei sind und hörbar sind. Man muss sich aber darauf einlassen: zehn Minuten genau hinhören, in der Darbietung versinken - ohne das bringt dieser Song nichts.

I can see your house from here war die erste der älteren Camel-Platten, die ich auf dem Flohmarkt erstanden hatte. Es störte mich bei der LP immer Remote romance und daher legte ich mir ziemlich bald die CD zu. Allerdings auch vom Flohmarkt, und erst zuhause merkte ich, dass ich nur einen Farbausdruck als Cover hatte. Man sieht das beim Scan oben sogar besser als beim "Original".

Verdammte Schweinerei! Müsste man anzeigen die Penner, die sowas verkaufen.
Wenigstens scheint die CD echt zu sein, wenn sie nicht gerade eine wirklich exakt gefertigte Ostraubkopie ist.





Camel

(England)
Gegründet 1969 als
"The Brew"
Erste VÖ 1972 "Camel"-LP

Besetzung 1979:
Andy Latimer: guit, voc
Colin Bass: b, voc
Andy Ward: dr
Jan Schelhaas: keys, piano
Kit Watkins: keys, piano
+
Gastmusiker


Link
Camel
Lady Fantasy
Rhayader
Moonmadness
Raindances
The single factor
Pressure points
Harbour of tears
Rajaz

Anspieltipp:


Eloy: Silent cries and mighty echoes
 

Eloy: Silent cries and mighty echoes
(43:23, 1979)

Da habe ich lange überlegt, ob diese Eloy-CD mit rein soll oder nicht.

Aber sie bedeutet mir etwas und das hat den Ausschlag gegeben.

Gegen Silent cries and mighty echoes spricht nämlich auf jeden Fall, dass der Gesang wiedermal grottig ist. Frank Bornemann singt sowieso schon nicht so richtig gut und dazu kommt noch die mieserable englische Aussprache. Wenn man dann aber noch eine überwiegend ruhige Platte wie diese hat, fällt das natürlich gleich besonders auf.

Astral entrance startet als sphärische Pink Floyd-Kopie, so in etwa Wish you were here-Zeit und geht nach drei Minuten in einen groovenden, keyboardstrotzenden und mit Sprechgesang (a la Bahnhofsansager) unterlegten sehr eigenwilligen Song über wie ihn nur Eloy machen können. Hier kann man sehr deutlich den Bassisten und den Keyboarder loben, die ziemlich loslegen. Lange Gitarrensolos, wie man sie 1979 schon gar nicht mehr machte, sind natürlich auch dabei. Das klingt (wie vieles von Eloy) etwas naiv aber dennoch gelungen und mit sehr eigenem Charme. Althippies oder auch mittelalte Späthippies, die einfach ihr eigenes Ding machen. Ein sehr geiler Einstieg in diese Platte.

Dieses ist übrigens meiner Meinung nach die letzte der komplett anhörbaren und relativ guten Eloy-Platten. Danach wurde es zunächst poppiger (und kürzer) und dann hartrockiger. Da muss man doch immer ein paar Songs weglassen, manche Platten (wie Ra, Metromania oder Destination) lässt man sogar besser ganz weg.
Im Gegensatz dazu war's davor meistens sehr gut (Floating finde ich weniger gelungen, die allererste kenne ich nicht).

Ach, wenn ich den Einstieg von The apocalipse, dem zweiten Song, höre dann weiss ich, dass die CD hier richtig platziert ist. Epische Gitarrensolos mit dicken Keyboardteppichen unterlegt, machmal ungewöhnlichen Übergängen und wieder einem Gesang, bei dem die Ohren schlackern. Aber da habe ich mich ja längst dran gewöhnt. Schon mit 17, 18 hörten wir mal in Eloy rein, doch die Platten wurden als nicht anhörbar (v.a. wegen des Gesangs) abgetan. Lediglich der Chimpy fand das trotzdem gut und hatte als erstes diese Scheibe hier. So kam es, dass es meine meistgehörte Eloy-Platte war - jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich selber deren Platten nach und nach anschaffte.

Und wie kam das? Naja, so um 1994 begann ich, öfter auf Plattenbörsen zu gehen und dort dann auch LPs aus den Wühlkisten zu kaufen. Und da kamen mir häufiger Eloy-Scheiben unter die Nase und in alter Erinnerung dachte ich, die könnte ich mir doch mal etwas genauer anhören. Nach und nach habe ich sämtliche Platten (bis auf die erste eben, aber die wurde auch nur sehr wenig verkauft als sie 1971 erschien) dort bekommen.
Und nach etwas Eingewöhnungszeit gefiel mir die Sache immer besser. Vor allem entdeckte ich Inside (mein Favorit unter allen) und diese hier, die ich ja schon kannte.

Musikalisch ist das alles sehr gut gemacht. Zwar deutlich an Vorbildern orientiert aber trotzdem beeindruckend. Die "alten" Eloy aus den 70ern hätte ich wirklich gerne mal live gesehen. Muss ein spirituelles Happening gewesen sein.
Leider hat die Musikpresse sich meist eher lustig gemacht über Eloy und ich glaube irgendwie auch nicht, dass sie jemals Ehre erfahren werden, wie manche anderen Band aus dieser Zeit. Vielleicht aber auch deshalb, weil Bornemann immer weitergemacht hat und dabei auch viel Mist rauskam.

Die letzten drei Songs sind etwas kompakter, halten sich aber trotzdem an die Mischung aus Meditationsmusik, 70er Rock und Suggestionskassetten-Gesang (na, das stimmt nicht ganz, dafür ist er zu hart und laut).
Das ist dick aufgetragen und quillt manchmal vor Effekten über, aber man kann eben auch drin schwelgen und sich in eine von verschiedensten Düften und Nebeln geschwängerte Luft enger 68er Studentebutzen versetzt fühlen.
De labore solis ist mir dann doch etwas zu öde und schnuli-mässig. Auch vom Text her sollte man die Ergüsse, die so bei frisch Verliebten rauskommen, vielleicht nicht unbedingt als Songs veröffentlichen. Jedenfalls nur in Ausnahmefällen. Aber hier sind es auch nur fünf Minuten.

Wer mag diese CD wohl gut finden? Tja, wenn man auf Pink Floyd (Roger Waters), Krautrock und Esoterik steht, ist man sicher gut bedient.
Nun treffen zwei von diesen drei Dingen auf den Harvey nicht zu, und trotzdem findet er die Platte toll. Das liegt natürlich an der Erinnerung, aber nicht nur. Da ist auch der Prog-Fan und jener Teil von mir, der zum Beispiel auch Rendez-vous von Jean-Michel Jarre gut finde, mit dabei.

Nun habe ich letztens noch so über deutsche Bands, die deutsch klingen oder schlechtes Englisch singen gemeckert und diese hier ist doch auch eine davon. Allerdings ist das etwas anderes, denn Eloy sind ein Teil der Musikhistorie, sie sind anders als das meiste was sonst so in Deutschland gemacht wurde und sie haben Instrumente und Songwriting ganz gut drauf, sind 1979 ja auch schon eine Weile dabei.

Deshalb Eloy hier als Retro-Kapelle des Jahres 79 mit in mancherlei Hinsicht extremer Musik mit dabei. Liebe sie oder hasse sie!


Stay alive and rock on,
Harvey
(4.9.03)

 

Eloy

(Deutschland)
Gegründet 1970
Erste VÖ 1971 "Eloy"-LP

Besetzung 1979:
Frank Bornemann: voc, guit
Detlev Schmidtchen: keys, piano
Klaus-Peter Matziol: b
Jürgen Rosenthal: dr


Link
Power and the passion
Ocean

Für Statistik-Freaks:
Statistik die; -, -en:
1. (ohne Plural) wissenschaftliche Methode zur zahlenmäßigen Erfassung, Untersuchung u. Darstellung von Massen- erscheinungen.
2. [schriftlich] dar-
gestelltes Ergebnis einer Untersuchung nach der statistischen Methode.
3. Auswertung einer großen Zahl physika-
lischer Größen zur Bestimmung von physikalischen Gesetzen.
Statistik: