harveys hitlist: ein Leben auf dem Plattenteller hitlist - ein leben auf dem plattenteller
Hitlist
 




Yesmusic 1989


Anderson Bruford Wakeman Howe
 

Anderson Bruford Wakeman Howe: s.t.
(59:26, 1989)

Jon Anderson der alte Esoterik-Hippie möchte Yes ja gerne als ein Kollektiv, das in wechselnder Besetzung zeitlose Musik kreiert, auffassen.
Daher hat er für die Musik den Begriff "Yesmusic" erfunden.

Und nach dieser Definition geht es heute zweimal um Yesmusic, auch wenn keinmal Yes draufsteht.

Quizfrage: wer hat die meisten Jahre "Yes-Mitgliedschaft" auf dem Buckel?

Man würde vermuten es sei bestimmt der Anderson. Aber nein! Chris Squire ist es!
Chris Squire, der Bassist, war als Einziger von der ersten Platte (1969) bis heute immer in der Band.
Daher ist er auch der Inhaber des Namens. Das bedeutete 1989, dass man nur unter dem Namen Yes eine Platte machen konnte, wenn Squire mit dabei war. Da dies bei Anderson Bruford Wakeman Howe nicht der Fall war, erschien die Platte unter diesem sehr prägnaten und sicher verkaufsfördernden Namen.

Rückblick: eine "neue" Zusammensetzung von Yes hatte 1983 mit 90125 einen richtigen Volltreffer gelandet und 1987 einen schwierigen Nachfolger Big generator produziert. Dann war erstmal Pause, denn alle waren gestresst.

Nicht so gestresst waren allerdings ein paar alte Yes-Veteranen mit den Namen Rick Wakeman (aka Keyboard Wizard), Steve Howe (aka Guitar Master) und Bill Bruford (aka Drum Hero). Und natürlich der Jon Anderson (aka Voice without Balls), denn er machte ja eine Ausgleichsmeditation nach der anderen und war deshalb super locker und gar nicht stressig.

So kam es also, dass hier zwar nicht Yes draufsteht, aber doch Yes drin ist.
Nicht vergessen sollte man dabei aber den Tony Levin, denn der darf auch an ein paar Stellen seine typischen Bass-Grooves loslassen und damit positiv auffallen.

Nun muss nicht alles, wo Yes drin ist auch gut sein. In diesem Fall ist das auch durchaus eine zweifelhafte Angelegenheit. Denn mit den 14 Jahren, die das Teil jetzt auf dem Buckel hat, klingt doch einiges davon nicht mehr so ganz zeitgemäß.

Dabei geht es vor allem um die Electronic Drums. Bruford hatte leider mal so eine Phase, in der hat er wie wild auf Schlagzeugen mit einprogrammierten Sounds rumgehauen. Das kann ich nicht gut ab.
Dazu kommen in diesem Fall Passagen mit nervigen Keyboards.

Rick Wakeman sagte zu dieser Platte, sie hätten zusammen die alten Zeiten wiederbelebt und wären auf das Werk genauso stolz wie auf Fragile oder dergleichen.
Es mag ja sein, dass die Stimmung tatsächlich derart toll war. Das Resultat jedoch lässt die Innovation der alten Scheiben vermissen und es werden eben auch öfter mal ein bis zwei Knöpfe oder Schlagzeugfelle zuviel bearbeitet. Dadurch klingt das Ganze dann überladen.

Sehr gut zu hören direkt beim ersten Song Themes. Durch das viele hastige Abgedrumme und -gefiepe macht dieser mich heute total hibbelig. Da kann auch die schöne E-Gitarre nicht mehr helfen.
Früher fand ich nur das Computer-Drum-Intro nicht so toll, doch heute erscheint mir der gesamte Song zu verspielt und unausgegoren. Vielleicht waren die Leute auch nur total zugedröhnt. Genau, das meinten die auch mit den "alten Zeiten"! Jetzt wird mir einiges klar.

Allen anderen Stücken, die ein bisschen mehr Schwung haben und keine reinen Balladen sind, geht es grob gesagt genauso. Keyboards die etwas nerven und vor allem auch total künstlich wirken und die manchmal aufkommende Atmosphäre sofort wieder erdrücken.
Der absolute Horror ist Teakbois, das ich schon früher richtig scheisse fand. Hier versuchen die Leute sowas wie Karibik-Flair zu erzeugen aber eben nicht mit echten Instrumenten, sondern mit Elektronik-Instrumenten. Uahh!
Am besten schneidet bei mir von diesen Songs noch Birthright ab, bei dem dann doch Atmosphäre aufkommt. Aber das ist auch schon ein etwas ruhigerer Song.

Diese eben angesprochenen Songs machen ungefähr die Hälfte der CD aus. Es bleiben ca. 27 sehr ruhige Minuten, die mir auch heute noch sehr gut gefallen.
Da sind zu hören ganz besonders schöne Gitarren, oftmals akustisch, wabernde Keyboards oder seichte Klaviere und eine Rhythmusfraktion, die songdienlich und mit Gefühl die Stücke trägt.
Wenn man die Yes-Stimme mag und auch solchen älteren (und ruhigen) Liedern wie Hearts (von 90125), Onward (von Tormato) oder Turn of the century (von Going for the one) zugetan ist, wird man hier komplett für den Rest entschädigt.
Das ist natürlich symphonisch und nicht besonders abgefahren. Aber muss ja auch nicht.

Ich lernte diese CD nicht lange nach ihrem Erscheinen kennen, indem ich sie einmal bei einem Freund hörte.
Da sie mir gefiel - ich kannte noch nicht so viel von Yes - bestellte ich sie bei der nächsten Disc-Center-Sammelbestellung mit.
Ich bekam eine USA-Pressung geliefert, nämlich ein großes Pappcover als zusätzlich Verpackung des Jewelcase. Diese Pappe habe ich mir dann an die Wand gehängt. Inzwischen existiert sie allerdings nicht mehr.

Und dann hörte ich mir die Neuerwerbung an und war zu Tränen gerührt.
Ja, echt! War mir vorher auch noch nicht passiert, aber ich fand diese Musik sowas von schön und traurig, dass ich nur dasitzen und zuhören konnte, fast eine Stunde lang.
Und als die letzten Noten verklungen waren, verharrte ich weiterhin auf meinem Bett und musste erstmal wieder ins Hier und Heute zurück finden.

Das ist für mich inzwischen auch nur noch schwer nachvollziehbar, aber ich weiss es noch genau, so war es.
Fortan hörte ich die CD häufiger und zwar insbesondere in so träumerischen Momenten und Zeiten des Verliebtseins.
Als ich dann mal richtig schnullige Kuschel-Mixkassetten aufnahm, mussten natürlich auch gleich mehrere Songs von dieser CD mit drauf.

Und es war nicht nur die Musik - in erster Linie natürlich Steve Howe und die sanfteren Töne der Keyboards - sondern auch die Texte, die wunderbar dem Romantiker aus der Seele sprachen.

"Surely I could tell, when I sleep tonight, a dream will call, and raise its head in majesty, dividing all my energy, to the meeting of your love." (The meeting)
"I believe that all the fear you've had, can gently fly away, we experience we hold together, lost in one embrace." (Quartet)

Das ist natürlich dick aufgetragen und auch floskelhaft und nichtssagend. Eben Jon Anderson, dessen Lieblingsworte ja schon immer "Love" und "Sun" waren. Aber wenn man jung ist und noch Träume hat, dann wirkt das trotzdem.

Das ist die Bedeutung, die diese CD für mich hatte. Deswegen kann sie auch heute in dieser Hitlist nicht unerwähnt bleiben. Egal wie schlecht ich einen Teil der Lieder inzwischen finde. Das wurde mir übrigens auch erst vor kurzem klar. Vorher hatte ich immer in alter Routine und ohne das Gehörte nochmal genauer wahrzunehmen die Platte durchlaufen lassen und dabei nicht gemerkt, was da zum Teil für ein Mumpitz veranstaltet wird.

Warnen möchte ich noch vor der Live-Doppel-CD, die es von der Tour zu ABWH gibt. Da werden schöne alte Songs mit den Electronic Drums total verhunzt, furchtbar!
Diese Studioplatte dagegen lohnt sich trotz der schlechteren Stücke schon. Wenn man denn die langsamen Sachen mag. Am besten die beiden oben zitierten Teile antesten, noch extremer wird's nicht!





Anderson Bruford Wakeman Howe

(England)
Einmaliges Projekt aus (ehemaligen) Yes-Mitgliedern

Besetzung:
Jon Anderson: voc
Rick Wakeman: keys
Bill Bruford: dr
Steve Howe: guit
+
Tony Levin: b
Matt Clifford: keys, prg
Milton McDonald: guit


Link
Five per cent for nothing
Heart of the sunrise
Yessongs
Soon
Awaken
Going for the one
Drama
90125
Quartet
Union
Keys to ascension 2

Anspieltipp:


Trevor Rabin: Can't look away
 

Trevor Rabin: Can't look away
(55:35, 1989)

Denkt man sich Jon Andersons Gesang weg, so sind die Unterschiede zu "Big generator" und insbesondere "Talk" nur gering.

Ja, man könnte es auch anders herum sehen: es gelang Trevor Rabin ganz gut, Yes seinen Stempel aufzudrücken. Hat man diese Platte hier gehört und Talk von 1994, so möchte man denn Talk auch eher als eine seiner Soloplatten bezeichnen. Part Zwei von Can't look away sozusagen.

Aber wenn man das mag, ist es genial:
sehr gut gespielte, filigrane und doch rockende Gitarren mit dezenten Keyboards und diversen einprogrammierten Geräuschen und Rhythmen. Dazu am Schlagzeug unter anderem der alte Yes-Kollege Alan White.

Und singen kann der auch der Trevor. Zumindest wenn man so AOR-Gesang mag. Nicht sonderlich tiefgründig (auch von den Texten her), aber angenehm und eingängig.

Und der Titelsong war sogar ein Mini-Hit. Ich erinnere mich, dass ich damals irgendwo auch mal das Video gesehen habe.
Smart sieht er auch aus.
Könnte natürlich ein Schleimer sein, aber ich finde ihn schon ganz sympathisch. Der erste Hit seiner ersten Band in seiner Heimat in den 70ern war eine Coverversion von Jethro Tull. Das ist doch fein.

Man hört es der Platte allerdings ein wenig an, dass hier keine echte Band am Werk ist. Die Musik kann nicht als live eingespielt durchgehen, im Gegenteil, sie klingt recht stark produziert. Und auch wenn die Länge der Songs zwischen einer und sieben Minuten variiert (darunter mehrere Instrumentals), so sind diese nicht so wahnsinning abwechslungsreich. Aber er hat ja auch nur eine derartige Platte gemacht (Talk klingt ähnlich aber ist doch eine andere).

Diese Scheibe war die erste Yes-Solo-Platte, die ich überhaupt hatte. Das war wahrscheinlich 1990 und ich fand sie von Anfang an gut.
Allerdings hatte ich sie jahrelang nur auf Vinyl (kriegt man ja auch schwer auf CD) und deswegen wurde sie nur sporadisch gehört.

Um einen Eindruck von der Musik zu bekommen, kann man im Prinzip jedes beliebige der 12 Lieder herausgreifen. Wer Yes kennt, wird die Gitarre sofort erkennen, die Stimme sowieso.
Besonders innovativ ist das nicht, aber trotzdem sehr nett zu hören. Und im Gegensatz zu der ABWH auch heute noch. Da braucht man keine Songs wegprogrammieren oder sowas.

Das hier ist also genau die Art Pop, die ich mag: die Musiker haben was drauf, sie machen Musik, die ins Ohr geht mit Refrains und so, aber es ist dennoch echte handgemachte Musik. Man hört kreischende E-Gitarren und softe Akustikklampfen. Und das Schlagzeug kommt sehr druckvoll rüber.

Also, für mich eine gelungene Platte, die aber eben eindeutig in Richtung Pop geht und weniger Rock oder Prog.
A propos Genres. Ich habe mal die bisher vorgestellten Sachen unter die Lupe genommen:

Bis zum Ende der letzten Hitlist (1993, welches schon die 9. war) hat der Harvey hier insgesamt 142 Tonträger vorgestellt.
Gab es da Schwerpunkte? Kann man erkennen, welches Genres besonders beliebt sind?

Diese Fragen stellte ich mir und teilte die 142 Sachen in Kategorien ein. Das war natürlich gar nicht so einfach. Sind die Stone Temple Pilots Indie oder Crossover? Wo hört Folk auf und Rock fängt an? Kate Bush: eher Pop oder Rock oder gar Prog-Rock?

Naja, ich habe das eben so nach spontanem Gefühl gemacht. Folgendes kam heraus (Stand also 22.5.03):

Von den 142 Tonträgern handelt es sich
- einmal um Deutschrock
- viermal um Crossover
- siebenmal um Folk und
- siebenmal um Wave/Gothic
- zehnmal um Hardrock/Heavy
- 19 mal um Gitarren-Rock und
- 19 mal um Pop
- 24 mal um Punk
- 25 mal um Indie
- 26 mal um Progressive-Rock

Sosiehddas aus.

Was lernen wir daraus?
Erstens: Harvey mag deutsche Musik nicht so sehr. (Außer vielleicht Punk.)
Zweitens: die fünf Favoriten spiegeln ganz gut den Querschnitt der gesamten CD-Sammlung wider. Wobei allerdings dort bisher solch eine Einteilung wie oben nicht gemacht wurde. Wäre auch zu mühsam.
Drittens: im Prinzip sollte für alle Leute, die mehr die nicht-computergestützte Musik mögen was dabei sein.
Viertens: ich bin sehr gespannt, wie die Verteilung ausfällt, wenn ich in ca. einem Jahr nochmal nachzähle. Genaugenommen müsste ich mir dazu notieren, in welche Kategorie ich die jetzt vorhandenen Platten eingeteilt habe, um es nicht beim nächsten Mal zufällig anders zu machen. Aber da habe ich nun echt kein Bock drauf. Macht der Zufall eben mit bei der Verteilung.

Diese Woche würde ich also einen Strich bei Prog-Rock (obwohl das zweifelhaft ist) für ABWH und einen bei Pop für Trevor Rabin machen.
Übrigens auch zwei ganz unterschiedliche Beispiele, wie eine Platte in meiner Hitlist landen kann. Im ersten Fall vor allem die Erinnerung und frühere Begeisterung, im zweiten Fall nur sehr wenig Erinnerung aber Qualität, die auch heute noch gültig ist.


Stay alive and rock on,
Harvey
(19.6.03)

 

Trevor Rabin

(Südafrika)
Zunächst bei Rabbitt, 1982-95 Mitglied von Yes
Erste Solo-VÖ 1978 "Trevor Rabin"-LP

Musiker 1989:
Trevor Rabin: voc, guit, b, keys
Lou Molino III: dr
Alan White: dr


Anspieltipp:

Für Statistik-Freaks:
Statistik die; -, -en:
1. (ohne Plural) wissenschaftliche Methode zur zahlenmäßigen Erfassung, Untersuchung u. Darstellung von Massen- erscheinungen.
2. [schriftlich] dar-
gestelltes Ergebnis einer Untersuchung nach der statistischen Methode.
3. Auswertung einer großen Zahl physika-
lischer Größen zur Bestimmung von physikalischen Gesetzen.
Statistik: