harveys hitlist: ein Leben auf dem Plattenteller hitlist - ein leben auf dem plattenteller
Hitlist
 




Jethro Tull: Rock island
(1989, 50:37)


Jethro Tull: Rock island
 

Damit hätte ich ein Tripel von Jethro Tull voll.
"Rock island" ist genau die Mitte.

So fehlt denn nur noch "Broadsword and the beast" von 1982, dann habe ich alle seit 1980 erschienenen wirklich guten Tull-Studio-Platten beisammen.

Das ist nur meine Meinung natürlich.

Und diese ist stark davon geprägt, dass ich jene Scheiben früher sehr, sehr häufig gehört habe.
Wenn ich versuche, das "objektive" Ohr einzuschalten, dann ist von den genannten bestimmt Catfish rising die beste. Und alle vier kommen nicht an die wirklich coolen Teile bis 1972 heran.

Im Jahre 1989 war ich in diesem verrückten Alter, in dem man sich schon für sehr erwachsen hält, vielleicht manchmal auch so behandelt wird, aber es noch gar nicht wirklich ist.

Das ist besonders dann zu erkennen, wenn kindliche Verhaltensweisen voll durchschlagen.
Beispiele:
Ein Freund von uns hatte Geburtstag. Damals war so ein Spruch, den alle (warum auch immer) urkomisch fanden: "du wohnst wohl Gulli 17", oder so in der Art. Als gingen wir auf dem Weg zum Kumpel mal eben beim nächsten Gulli vorbei, nahmen den Deckel mit (schwer!) und schenkten ihm den.
Ja... sein Vater, der wütete ziemlich. Dabei hatten wir extra ein abgelegenes Teil genommen, damit keiner da reinfährt. Aber dennoch musste der Deckel auf Papas Anweisung unverzüglich wieder zurück gebracht werden.

Ich selber wohnte nicht im Gulli, sondern im Saustall. Jedenfalls laut Mutter. Hätte wohl eher Schwein- oder Eber-Stall heißen müssen. Vor allem deswegen, weil ich laut Mama zusätzlich noch der "Schweinepriester" war.
Immer muss die Kirche hinhalten, echt gemein das.
Wie kam die auf sowas? Ich weiss es absolut nicht.
Das kann jedenfalls auf keinen Fall mit den Bergen von dreckiger Wäsche unter meinem Bett und den Tellern mit gammeligen Essensresten auf der Fensterbank zu tun haben!

Wenn dann mal Freunde spontan zu Besuch kamen, konnte das schon etwas peinlich sein. Muss sich ja auch nicht jeder über Form und Muster meiner Unterhosen auslassen.
Die Essensreste kamen vor allem deswegen ins Zimmer, weil ich immer dort Abendbrot aß. Da war nämlich nix mit Familiensitzung, die gab's nur morgens und mittags (meistens jedenfalls).
Wenn allerdings der Chimpy zu Besuch kam, um C64 zu zocken, dann war es völlig egal wie es im Zimmer aussah. Die alten Socken störten den nicht und bestimmt sah er sie noch nichtmal, denn er war genauso wild und fanatisch wie ich, wenn es um Hanse, Vermeer oder Kaiser ging. Ich hatte den C64 schon einige Jahre und diese Spiele waren auch schon alt, aber ich glaube, ich würde die sogar heute noch gerne spielen. Das waren halt so Strategie- Handelsspiele. Nix Action, Musik auch nicht und schlimme Blockgraphik am Bildschirm, aber alles egal.

Natürlich habe ich auch alle anderen C64-Spiele (jeglicher Genres) ausprobiert und teilweise sogar intensiv gespielt, aber bis 1989 hielten nur diese Teile durch. Und sie wurden auch nur selten gespielt, denn man musste 6 Stunden mindestens einplanen, oft trafen wir uns auch mehrfach und mussten das Spiel fortsetzen (bei Hanse unumgänglich).
Ach, was war es eine Schweinearbeit bei Vermeer die Felder zu bestellen, indem man in jeden Quadranten per Hand ein Saatgut (oder was war das?) setzte! Und dann die Versteigerungen! Man konnte nur in winzigen Schritten höher bieten und er zeigte jedesmal den aktuellen Stand für alle anwesenden Bieter an. Da legten wir dann ein Buch auf die Space-Taste (die war es glaube ich) und gingen mal 'ne Viertelstunde weg.
Ein weiteres Problem war, dass ich nur die Datasetten-Version hatte. Wenn man also abspeichern wollte, kam immer "Press play on tape", ich hatte aber ein Diskettenlaufwerk! Da half dann das Action Cartridge III, mit dem man alles mitten im Spiel abspeichern konnte.
Leider lief diese Spielstand dann aber nur in 50% der Fälle. Wieder ein paar Stunden umsonst vorm Bildschirm gehockt!

Das war das Leben vor 14 Jahren. Dazu natürlich ganz wichtig die Schule und Partys, egal wo und was. So fuhren wir um diese Zeit auch mal zu einer großen, öffentlichen Faschingsparty auf der Klaus und Klaus auftraten! Muss aber denn schon 1990 gewesen sein, denn Jethro Tull kamen 1989 erst nach Karneval auf Tour und die waren ja mein erstes Konzert (wie schon an anderer Stelle berichtet). Andererseits waren Klaus und Klaus nicht unbedingt wirklich ein Konzert...

Zusätzlich war dieses auch meine erste eigene JT-Platte, nachdem ich schon einige auf Tape hatte.

Ich setze das Teil trotzdem nur auf den fünften Platz, warum?
Weil ich in den letzten paar Jahren, wenn ich mal Tull hören wollte, nur ganz selten das Bedürfnis verspürte, gerade diese CD hier zu hören.
Wieso dem so ist, kann ich auch nicht genau sagen. Manchmal stören mich die Keyboards ein bisschen, stellenweise ist die Gitarre etwas hardrockmässig - aber das ist es nicht. Da müsste ich Crest of a knave ja viel seltener hören.
Letztlich vermute ich, dass der Grund (neben einer gewissen "Ermüdung", weil ich die Songs schon so unendlich oft gehört habe) die Produktion bzw. Abmischung der ganzen Platte ist.
Irgendwie sind hier wenig Nuancen zu hören. Auch wenn die Songs kompositorisch sehr unterschiedlich sind, vermögen sie nicht, diese Unterschiede auch in der Instrumentierung bzw. eben dem Mix derselben zum Ausdruck zu bringen. Und etwas glatt und aufgemotzt klingt das Ganze auch.

Aber es ist trotzdem noch ziemlich toll.

Zu den Songs im einzelnen:
Kissing Willie, The rattlesnake trail und Heavy water sind nette, etwas schnellere Rocker, die aber nix besonderes bieten. Heavy water vielleicht am eingängigsten von ihnen.
Ears of tin ist ein Höhepunkt der Platte: stimmungsvoll, eher ruhig mit Mandoline und vorsichtiger Gitarre. Komplexer arrangiert und sehr schön. Ich befürchte fast, das wird auf der angedrohten Weihnachtsplatte dieses Jahr sein. Big riff and mando ist da prinzipiell vergleichbar, wenn auch weniger ruhig und etwas poppiger.
Undressed to kill ist für mich der schwächste Song.
Rock island ist atmosphärisch mit dichten Keyboards (stellenweise) und sich steigernder Spannung. Gut gemacht und mit viel Flöteneinsatz. The wahlers dues geht in dieselbe Richtung und ist auch sehr toll. Ich erinnere mich noch, dass beim Konzert das Publikum an der richtigen Stelle "No!" rufen sollte, aber es nicht raffte. Die hatten wohl (ebenso wie ich) die neue Scheibe gar nicht.
Another christmas song ist eine wirklich dick aufgetragene Ballade. Da sie von JT ist, kann man sie noch ertragen. Natürlich auch für den Weihnachtssampler.

Dabei fällt mir der Ulf ein. Jener war mein Zivikollege und der fand Tull auch ganz gut. Er erzählte mir begeistert von einer 3er LP, die er hatte und die supertoll wäre. Könnte ein Bootleg gewesen sein. Ja, er würde sie mir aufnehmen. Bzw. die Höhepunkte, eine Kassette würde reichen. Ich gab ihm also ein Tape und wartete.
Nix passierte.
Ich fragte nach und er sagte "kommt bald".
Es passierte weiter nix.
Ich fragte nochmal nach und er erzählte eine wilde Story, ihm wäre letztens irgendein Getränk auf die Platten gelaufen und er wüsste nicht, ob die noch gehen, müsste er mal probieren.
Es passierte wieder nix.
Dann meinte er (auf Nachfrage), die Platten wären im Eimer, aber er hätte da noch ein paar gute Tull-Scheiben und er würde mir davon was aufnehmen.
Es tat sich aber absolut nix.
Ich nervte wieder und er sagte, ja, jetzt würde er das aber echt mal machen, käme bald das Tape.
Dann war der Zivi zuende und ich sah Ulf nie wieder.
Inzwischen denke ich, der hatte überhaupt null Platten von Jethro Tull und der brauchte einfach noch ein leeres Tape! Blöde Arschkrampe.

Weiter im Text: bleibt noch Strange avenues, an dem man viel kritisieren kann wie oberflächliche Effekte, üble Keyboards und übermäßig viel Flöte. Klingt am ähnlichsten wie einiges von Crest und ist trotzdem toll. Nur vier Minuten lang wirkt es doch episch und abwechslungsreich und ich mag den Gesang auch ganz besonders. Ein pompöser aber ruhiger, nachdenklicher Ausklang der Platte, der trotzdem noch ordentlich E-Gitarren und Schlagzeug dabei hat. Könnte mein Lieblingslied von dieser hier sein, aber ich lege mich nicht fest, von den anderen sind auch Kandidaten dabei.

Ja, das ist sie also die Rock island. Kein Folk und kein Hardrock, auch kaum Bluesrock dabei. Ich würde das vor allem Leuten empfehlen, die Poprock der 80er gut finden und dabei natürlich auch den Flöteneinsatz mögen. 1989 war sowas noch recht angesagt, es gab sogar ein Video zu Kissing Willie und man konnte das Erscheinen der CD nicht verpassen, wenn man aufmerksam war. Das könnte heute schon eher passieren.
Ich mag die Platte noch immer, sie hat auf jeden Fall einige große Momente. Und 1989 (und folgende), wenn es mal wieder darum ging, auf unserem Wohnzimmertisch Tequila zu verschütten oder das Sofa einbrechen zu lassen, dann gehörte sie sowieso zu den ca. zehn CDs die ich zur abendlichen Unterhaltung runterbrachte. Die Auswahl war zwar auch nicht so groß, aber der Grund war eher, dass wir sie alle ausgesprochen gut fanden.

Stay alive and rock on,
Harvey
(10.7.03)



Jethro Tull

(GB)
Gegründet 1967
Erste VÖ 1968 "Sunshine day" -Single

Besetzung 1989:
Ian Anderson: voc, guit, mand, flute, dr, keys
Martin Barre: guit
David Pegg: b, mand
Doane Perry: dr
+
Martin Allcock: keys
Peter Vettese: keys


Link
Wondring aloud
One white duck
The whistler
Stormwatch
Broadsword and the beast
Budapest
Crest of a knave
Catfish rising
A little light music

Anspieltipp:

Für Statistik-Freaks:
Statistik die; -, -en:
1. (ohne Plural) wissenschaftliche Methode zur zahlenmäßigen Erfassung, Untersuchung u. Darstellung von Massen- erscheinungen.
2. [schriftlich] dar-
gestelltes Ergebnis einer Untersuchung nach der statistischen Methode.
3. Auswertung einer großen Zahl physika-
lischer Größen zur Bestimmung von physikalischen Gesetzen.
Statistik:
^