harveys hitlist: ein Leben auf dem Plattenteller hitlist - ein leben auf dem plattenteller
Hitlist
 




U.K.: UK
(1978, 45:14)


U.K.: UK
 

Wie unterschiedlich die Cover sein können.
Auch hier sind die vier Protagonisten dargestellt und im Vergleich zu Rainbow (Platz 5) erkennt man sofort:
Es geht UK nicht primär um's rocken, sondern eher um Kunst.

Uäh, Kunstrock! Kann man durchaus denken. Ist auch nicht so abwegig, denn das hat etwas von "künstlich" und gerade ich kann es sehr gut nachvollziehen, wenn jemand nicht auf künstliche Musik abfährt.

Aber: so künstlich sind UK nicht und Kunstrock trifft es auch vom Begriff her nicht ganz. Progressive Rock könnte man sagen, muss sich aber die symphonischen und tief in den 70ern verwurzelten Elemente vieler Bands dieser Richtung wegdenken. UK klingen nach modernem Progressive, soll bedeuten: sie verharren nicht in alten Klischees und sie werfen diverse Elektronik an, die 1978 sicher noch in den Kinderschuhen steckte.

Aber vorsicht, es ist keine elektronische Musik. Dominante Instrumente sind Schlagzeug und Bass. Jo, die beiden entsprechenden Musiker bilden ja auch schon mindestens die Hälfte der zwei Jahre vorher aufgelösten King Crimson. Dass wir es aber nicht mit Crimson ohne Robert Fripp zu tun haben, dafür sorgen die anderen beiden Musiker. Zum einen Holdsworth (der mal bei Gong und Soft Machine war), dessen Gitarre wenig mit Fripp gemeinsam hat, eher spartanisch aber dennoch gelungen daher kommt und zum anderen Eddie Jobson. Dieser haut nicht nur auf den Keyboards rum (hin und wieder leider auch etwas nervig), sondern betätigt auch noch die ziemlich feine E-Violine. Was man damit für verrückte Sachen machen kann, hat zwar auch David Cross bei King Crimson schon gezeigt, hier geht's aber noch besonders spacig zur Sache. Dazu das besagte Elektronik-Wabern und -Fiepen und wir haben eine aufgepeppte Version des alten Progressive Rock vom Anfang der 70er.

Diese UK-Platte war eine meiner allerersten Erwerbungen aus den LP-Wühlkisten der Plattenbörsen. Um meinen musikalischen Horizont kostengünstig zu erweitern, hatte ich beschlossen, fortan eifrig LPs für billig zu erstehen und zwar alles, was auch nur entfernt interessant sein könnte. Bill Bruford war ein bei mir sehr angesehener Drummer, da er nicht nur bei den geschätzen Yes zugange gewesen war, sondern vor allem auch ein kurzes Gastspiel bei den noch viel mehr geschätzten Genesis aufweisen konnte. In seiner Diskographie konnte ich von der Existenz von UK erfahren. Diese LP gab es dann also für zwei oder drei DM und ich fand sie zunächst nur "ganz nett". Allerdings war ich zu der Zeit auch noch kein besonderer Fan der King Crimson Ära 72-75 sowie von John Wetton. Erst als dies sich entwickelte, legte ich die Platte mal wieder öfter auf und insbesondere die Liveversionen einiger Songs, die von John Wetton solo dargeboten werden, führten zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit der Musik von UK.

Deswegen also das Fazit schonmal vorweg: jeder der King Crimson mit Wetton und Bruford gut findet, ist auch hier richtig. Einziges kleines Manko wie gesagt, die an einigen Stellen etwas übertriebenen Keyboards.
Im einzelnen: wir starten mit In the dead of night, dem längsten und sehr abwechslungsreichen Stück. Hier kommt vor allem Wetton - sowohl als Bassspieler als auch als Sänger - voll zur Geltung. Eingängige Passagen wechseln sich mit eigenartigen Passagen ab, die Violine hält sich meistens im Hintergrund, die Gitarre fräst öfter mal ganz nett.
Thirty years dagegen ist ein Song für Jobson und Bruford. Neben Keyboards und ausufernden Violinen (manchmal etwas zu laut) gibt es ein famoses Schlagzeugspiel mit mächtig vielen Breaks. Hier hätte ich ganz gerne etwas mehr Gitarren gehört, aber trotzdem gut.

Die erste Seite ist auch schon vorbei. Ein 13-Minuten-Song und ein Achtminüter - da kommen die Longsongfetischisten auf ihre Kosten! Klingt fast wie irgendwas Versautes, aber nein! ich habe nicht Longdongfetischisten geschrieben!

Auf die Seite 2 passen dann sogar vier Stücke.
Alaska ist ein atmosphärisch beginnendes Stück, das erst nach zwei Minuten überhaupt die üblichen Rockinstrumente hören lässt. Wieder etwas viel Keyboards aber ansonsten wird hier gut abgerockt - hohe Spielkunst inklusive. Dabei erinnert mich das Knistern daran, dass ich vielleicht doch mal die CD anschaffen sollte.
Die ganze Sache geht direkt in Time to kill über. Hier meine ich deutlichere Klassik-Einflüsse rauszuhören, was möglicherweise auch noch an anderen Stellen des Longplayers der Fall ist. Und wieder ein sehr cooler Bass.
Nevermore ist mein Favorit, wenn man mal von In the dead of night absieht. Der Song ist weniger abgefahren, eher "klassisch" und wartet mit besonders intensivem Gesang von John Wetton auf. Wer meine Texte hier verfolgt mag es schon geahnt haben: jetzt ist endlich mal der Moment für eine John Wetton Lobhudelei gekommen!
John du bist super!
Wer nicht weiss, wer John Wetton überhaupt ist, rufe sich kurz den Hit Heat of the moment vom Anfang der 80er von Asia ins Gedächtnis, dort singt Wetton ebenfalls. Die erste Asia empfehle ich übrigens auch wärmstens jedem, der poppigeren und hittigen 80er Gitarre-Keyboard-Rock mag.
Es gibt den Schlussakt: Mental medication. Ist das wirklich nötig, nach den vorherigen fünf Songs? Ich glaube eigentlich nicht. Ich meine, wer dreißig Jahre nachts tot ist und dann auch noch in Alaska Leute umbringt, der braucht niemalsmehr mentale Medizin. Da ist alles zu spät.
Hach, sind wir wieder wortwitzisch heute.
Ok, also dieses letzte Stück ist in meinen Ohren glatt bei King Crimson abgekupfert (irgendein Song von Starless and bible black), wenn man mal davon absieht, dass die Instrumentierung halt eine andere ist. Ausserdem etwas hastig gespielt, stellenweise auch ganz toll, aber insgesamt nicht das Highlight der Platte.

Summa sumarum haben wir also eine Platte, die sicher neue Zeichen setzte für den Progressive Rock 1978. Dennoch blieb sie ziemlich unbeachtet, wurde unter Punk und der nicht so sehr leichten Zugänglichkeit begraben. Was man hier hört sind trotzdem einige großartige Momente und ein paar mittelmäßige Momente... und natürlich Mister John Wetton!!!

Tanzflächen-geeignet ist das natürlich überhaupt nicht. Trotzdem: ich persönlich fänd' es richtig fein mal sowas in Discos zu hören. Aber ich hab' ja auch früher zu Script for a jester's tear getanzt.
Grundsätzlich kann man ja zu ALLEM abrocken. Einzige Bedingung: Gehirn möglichst vollständig abschalten. Dann nämlich kommt der Rhythmus durch die Ohren ungehindert direkt zum Rückenmark, wo nur noch die Zappelnerven angeregt werden müssen.
Wie kann man also diesen Zustand erreichen? Nun, da gibt's natürlich Leute, die befinden sich immer in jenem. Toll, tanzen ohne Ende! Da ist man gut bei so mega-langen Trance-Sessions aufgehoben.
Alle anderen müssen nachhelfen und das geht nur mit Drogen.

Oder Rauschgift. Was ist eigentlich der Unterschied? Meine Mutter sagte jedenfalls immer "Rauschgift" statt "Drogen" und der Begriff weckt ja sogleich die Assoziation Rausch = Gift. Fuck it! So eine Kacke.
Ich jedenfalls find Rausch gut. Und da braucht man gar nicht mal Gift dazu. Man kann sich auch in einen Rausch tippen, welsvdsklnbvfjkhrkgreolkhghiu4rgziufewuirfhgr, uahh, dreh ab...

Also was das Abrocken unter vorheriger Verwendung der Gehirnausschaltungsutensilien angeht, so habe ich an anderer Stelle schonmal was dazu gesagt. Aber hier muss ich nochmal was beichten: ich habe so gehirnlos schonmal zu Rammstein gerockt! Bäh!
Unrein, Sünder, blöde Hackfresse - jawoll, bin ich alles.

Will man ohne Gehirnverlust tanzen, so hat man es oft schwer, denn vielfach läuft dauernd Scheissmucke in den Discos. Progressive geht schonmal gar nicht und meine herbei gesehnte reine Punkdisco habe ich auch noch nicht gefunden. Ich kannte zwar mal einen Laden, wo nur Punk gemischt mit Garage Rock und dreckigem Rock'n'Roll gespielt wurde, aber leider war der so schlecht besucht, dass immer nur drei Leute am rocken waren und die Aktion irgendwann nicht mehr stattfand.

Ne Zeitlang dachte ich mal: DJ sein wär total genial! Da könnte man bestimmen was laufen soll, super, nur die Lieblingslieder natürlich!
Aber so ist es natürlich nicht. Sogar im Gegenteil: außer bei so speziellen Themenparties muss der DJ natürlich das spielen, was die Menge, d.h. die Mehrheit der Anwesenden, zum Kochen bringt. Und wenn die Menge scheisse is' und blöde Musik hören will, dann muss er eben das auflegen. Mit anderen Worten: der DJ prostituiert sich total.

Abgesehen davon, muss der arme DJ (und ich sage DER, weil ich noch nie eine Frau als DJ gesehen habe) bis 5 Uhr aufbleiben, ohne dabei Saufen zu können. Und wenn mal ein gutes Lied kommt, darf er auch nicht tanzen, denn er muss ganz wichtig mit zwei Kopfhörern gleichzeitig die nächsten Songs antesten!
Dabei gibt's doch inzwischen für jede Stilrichtung 'ne aktuelle Compilation und die unterscheidet sich tatsächlich nicht so sehr von dem, was dann gespielt wird.
Naja, also DJ = Mistjob. Kann man mal aus Spass auf 'ner Privatparty machen, gerne. Aber nicht 'ne silberne Hochzeit oder so (hab' ich auch gar nicht die Platten dafür)! Wenn man so mit Freunden unter sich ist, dann weiss man ja auch ganz gut, was die gerne hören und wo's da Schnittmengen mit dem eigenen Geschmack gibt. Da braucht man dann nicht unbedingt Robbie Williams reinlegen (auch wenn das sicher viele gut finden), es gibt genügend Alternativen.

Aber letztlich muss ich sagen, musikmässig habe ich doch am meisten Spaß wenn ich ganz alleine bin. Denn je nach Stimmung gibt es unterschiedliche Favoriten und ausserdem: wer hört schon so eine "wilde" Mischung? Andererseits kann ich gut auch mal ein bis mehrere Abende mit nur einem Ausschnitt meines Spektrums leben und von daher gibt's doch Freunde und Parties, die auch musikmässig sehr geil passen können.
Ich erinnere mich noch gerne an Silvester 199?, als Carsten und ich so ca. 1,5 Bad Religion Platten komplett durchlaufen ließen (aber nicht New America oder sowas, sondern No control oder dergleichen!) und dabei am pogen waren wie die Irren.

Oder dieses Jahr Weihnachten.
Wie, eben mal hellsehen (Fachausdruck: Präkognition)?
Nein, kann ich nicht.
Aber ich weiss schon, dass der Erwin und der Harvey auch dieses Jahr an Weihnachten wieder neue und alte exzellente Musik reinwerfen werden, während reichlich der Glühwein geschüttet wird.
Das löst doch eine wunderbare Vorfreude auf die Feier zur Geburt des Jesuskindes aus!


Stay alive and rock on,
Harvey
(19.12.02)



U.K.

(GB)
Gegründet 1977
Erste VÖ 1978 "UK"-LP
Aufgelöst 1980

Besetzung 1978:
Allan Holdsworth: guit
John Wetton: voc, b
Eddie Jobson: violin, keys
Bill Bruford: dr


Anspieltipp:

Für Statistik-Freaks:
Statistik die; -, -en:
1. (ohne Plural) wissenschaftliche Methode zur zahlenmäßigen Erfassung, Untersuchung u. Darstellung von Massen- erscheinungen.
2. [schriftlich] dar-
gestelltes Ergebnis einer Untersuchung nach der statistischen Methode.
3. Auswertung einer großen Zahl physika-
lischer Größen zur Bestimmung von physikalischen Gesetzen.
Statistik:
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