harveys hitlist: ein Leben auf dem Plattenteller hitlist - ein leben auf dem plattenteller
Hitlist
 




Punk Rock: 1987


EA 80: Mehr Schreie
 

EA 80: Mehr Schreie (1987, 42:39)

Jetzt ist es doch soweit gekommen, dass ich hier tatsächlich Deutschpunk vorstelle!
Allerdings hat der Deutschpunk von EA 80 mit anderen Vertretern dieser Richtung wenig gemein.

Es geht hier weder um Karlsquell-saufen noch um Bomben unter Autos legen.
Und vor allem deswegen kann ich mir EA 80 auch heute noch anhören.
Sicher, in entsprechender Stimmung finde ich auch wieder Gefallen an den alten Sachen von Slime, Toxoplasma, Molotow Soda und den Skeptikern. Doch dieser Gefallen liegt mehr an Nostalgie als an irgendetwas anderem. Neuere Deutschpunk-Bands interessieren mich nicht. Das liegt zum einen an den platten Parolen, zum anderen an der oftmals grottigen Musik und Produktion aber auch daran, dass ich einfach nicht mehr so aggressiv diesem Staat und den Mitmenschen gegenüber bin.
Wobei ich allerdings auch nie wirklich aggressiv war - ich bin viel zu friedlich und ruhig dafür. Aber eine zeitlang hatte ich jedenfalls viel Spass an sehr radikalen "ich bin dagegen"-Haltungen.

Heute sehe ich Punk viel eher als eine Lebenseinstellung denn als ein politisches Mittel. Diese Lebenseinstellung hat prinzipiell gar nichts mit der Musikrichtung zu tun. Letztlich leben zwar viele der Punkbands das was ich mir unter Punk vorstelle, aber viele eben auch nicht. Daher rede ich im Musikkontext auch lieber von Punk Rock, dann ist klar dass es primär um die Musik geht.

Punk Rock als Musik zeichnet sich durch hohe Geschwindigkeit, wenige Akkorde und viel Spass aus. Eine Anti-Haltung kann man auch hier feststellen, nämlich gegenüber radiotauglicher Musik. Aber natürlich sind die Grenzen fließend.
Punk als Einstellung ist eigentlich genau das, was ich mir als Individualität vorstelle: seinen eigenen Weg etwas abseits der Massen gehen, den Normen und Regeln nicht blind folgen und sich dabei nicht von der Meinung der Mitmenschen beirren lassen. Und natürlich nebenbei und gerade wegen dieser Lebensweise mächtig viel Spass haben!

Spass ist nun gerade etwas, das EA 80 NICHT verbreiten. EA 80 machen einen Punk, wie er in ähnlicher Form auch von den Boxhamsters oder Muff Potter gespielt wird, nur noch düsterer! Depri-Punk würde ich das nennen.
Dabei geht es allerdings nicht um Show, so á la "wir zelebrieren unsere Traurigkeit". Nein, EA 80 legen null Wert auf Effekte. Die Musik wird von den üblichen Instrumenten flott und ohne Schnörkel runtergespielt und die Leute sehen recht normal aus. Einmal hatte ich das Vergnügen sie live zu sehen (mit den Boxhamsters) und das waren einfach vier Typen wie du und ich. Allerdings fand ich das Liveerlebnis nicht ganz überzeugend, weil die Stimmung der Platten dabei nicht richtig übersprang. Da ergibt sich nämlich das Problem, dass man von Punkkonzerten nun mit Sicherheit mächtig viel Spass erwartet und nicht kollektiven Selbstmord oder so.

Das Düstere an EA 80s Musik wird zunächst einmal vom Sänger geliefert, der absolut grabestief singt, dabei aber nicht so pathetisch röchelt wie irgendwelche Leute aus der Gothic-Ecke. Hinzu kommen die tiefsinningen Texte, die das ganze Elend, das einem so im Leben begegenen kann beschreiben. Oft geht es um spezielle Situationen, manchmal bleibt alles fragmentartig, doch die passende Wortwahl und die Art des Vortrags vermitteln Stimmungen und wissen den Hörer in ihren Bann zu ziehen. Mich jedenfalls. Aber ich denke, jeder wird die geschilderten Ängste, die verklemmten Typen, die missglückten Situationen wenigstens zu einem Teil bereits selbst erlebt haben.

Die Musik, die zu diesen Texten geboten wird, bewegt sich zwischen knallhartem Haudrauf-Punk und fast besinnlichen schrammeligen Stücken. In der Mitte liegt einiges, das gar nicht so wenig mit härteren Songs der Hamburger Schule gemeinsam hat (rein musikalisch gesehen). Neben der punkmässigen Rhytmusgitarre gibt es oft auch noch eine schöne Leadgitarre. Die schnelleren Songs vor allem haben einen hohen Melodiefaktor. Andere Stücke sind fast komplex aufgebaut und sehr untypisch für Punk Rock. Da geht es nicht einfach straight zwei Minuten durch's Lied, sondern es gibt Breaks und sehr unterschiedliche Geschwindigkeiten. Ausgesprochen gut gemacht und innovativ. EA 80 sind anders und somit eine der wenigen Gruppen, die den Ursprung des Punk Rock, nämlich Grenzen zu überschreiten und dabei heftig zu rocken, tatsächlich noch verfolgen und nicht konservativ im Genre-üblichen hängen bleiben.

Für mich bietet diese Gruppe die beste mögliche Melange aus Traurigkeit, Frust und Punk Musik. Alles was man so als Horror Punk, Death Punk usw. einordnen könnte, hat überhaupt nichts hiermit zu tun. Und der ganze Wave und Gothic Kram ebenfalls nicht. Dennoch dürften EA 80 für Fans beider Richtungen interessant sein.

Anspieltipp: 5.29 und Nr 1





EA 80

(Deutschland)
Gegründet 1980
Erste VÖ 1982 "Der Mord fällt aus"-7"

Besetzung 1987:
Nico: dr
Junge: voc
Nick: b
Hals Maul: guit


Link
Alle Ziele

Anspieltipp:


Ramones: Halfway to sanity
 

Ramones: Halfway to sanity (1987, 30:14)

Bestimmt man die Wichtigkeit der Ramones-Platten dadurch, dass man die Anzahl der Lieder, die in den 90ern noch live dargeboten wurden zählt, so gibt's hier nur einen Punkt:

I wanna live

Mit drauf ist aber auch noch Bop til you drop, welches auch recht bekannt ist (früher sogar in meiner Stammdisco gespielt wurde).

Ansonsten nix bekanntes und trotzdem eine ausgezeichnete Platte. Hier wird eine schöne Mischung aus langsamen Stücken (DIE Punkschnulze zum Abschied: Bye bye baby), extrem schnellen Songs (I'm not Jesus wird geradezu runtergeprügelt) und einer großen Anzahl Songs in mittlerer Geschwindigkeit. Dabei gibt's wie immer schöne Melodien, keinerlei Solos und selten dezente (aber passende) Keyboards. Insgesamt ist Halfway to sanity deutlich rotziger ausgefallen, als der Vorgänger Animal boy, es scheint mir sogar ein leichter Metal-Einfluss da zu sein.
Am wenigsten gefallen mir dabei I lost my mind und Worm man. Diese beiden Songs wirken etwas lieblos und sind eher als Lückenfüller zu betrachten. Dafür ist der Rest ohne Makel und sowieso lohnt sich der Kauf dieser CD schon wegen der beiden anfangs genannten Hits. Allerdings ist anzunehmen, dass auch diese CD demnächst wiederveröffentlicht wird und dabei diverse Bonustracks enthält, weswegen man vielleicht noch ein paar Monate warten sollte.

Als ich die Ramones kennen lernte, war es für mich geradezu unfassbar, wie man so kurze Songs spielen konnte. Insbesondere wenn man Suppers Ready und Grendel liebt, ist dies die Antithese jener Langsongs. Aber das war nicht das einzige, was mich an dieser Musik verwunderte.
Ich fand sie auch ausgesprochen hart. Obwohl ich das von heutiger Sicht aus nicht mehr sagen würde, denn inzwischen habe ich auch CDs mit brutalem Hardcore und auch wenn ich keinen Trash und Death Metal höre, so habe ich doch schonmal wahrgenommen, wie sich sowas anhört. Damals war ich der Meinung gewesen, meine Metal Bands seien extrem heftig und musste feststellen, dass Punk Rock auf eine andere Art noch heftiger war.
Die Leute bei mir in der Schule, die solche Musik hörten, waren RICHTIGE Außenseiter. Dagegen waren die Hardrock-Freunde nur in punkto ihres Musikgeschmacks Außenseiter, ansonsten waren sie voll akzeptiert.
Allerdings finde ich es wirklich erstaunlich, wie wenig Verständnis da so für Metal herrschte. Es gab Leute, die konnten Sermonen ablassen, wie man denn so ein Zeug hören konnte. Das passierte den Punkleuten nicht, denn mit denen unterhielten sich die Normalen gar nicht erst. Die Punk Leute bei mir an der Stufe, die natürlich auch andere alternative Mucke hörten (v.a. Velvet Unterground, Pixies, Sisters usw.) waren nur ein kleines Grüppchen. Mögen so fünf bis zehn Leute in der gesamten Oberstufe gewesen sein, die vor allem im Aufenthaltsraum durch ihre Musik und ihre Kleidung auffielen. Das bot reichlich Stoff zum Ablästern und ich muss zugeben, dass ich auch eifrig mitlästerte, bevor ich die Leute kannte. Ich war der Meinung, die wären planlos und hätten seltsame Frisuren. Dass sie eher links waren, war für mich kein Grund zum lästern, jedoch für viele andere ("scheiss Ökos!"). Aber die Alternativen hatten ein dickes Fell und fühlten sich vermutlich durch diese Sprüche nur bestätigt.
Das ist ja das schöne als Außenseiter, daß man sich mit anderen Außenseitern zusammen tun kann. Wenn man da die richtigen und genügend viele findet und dann zusammen etwas mehr Selbstbewusstsein entwickelt, kann man sich gegenüber den "Innenseitern" emanzipieren und ist nicht länger Außenseiter. Man kann es sogar so weit treiben, dass man fortan immer wenn eine zahlenmäßige Überlegenheit gegenüber den "Innenseitern" besteht diese als Außenseiter gegenüber der eigenen Gruppe darstellt. Dann dürfen die sich auch mal so blöd fühlen. Aber ob das alles in der Praxis funktioniert, weiß ich nicht so genau, denn ich jedenfalls fand niemals genügend befreundete Außenseiter, um als Gruppe nicht mehr wie Außenseiter zu wirken.
Im Gegenteil, selbst in den Gruppen und Cliquen, zu denen ich gehörte, für die ich also kein Außenseiter war, fühlte ich mich selber manchmal, als wäre ich doch ein Außenseiter. Zum Beispiel als ich auf das Pult im Hörsaal mit Edding kritzelte "Exterminate the whole human race" und niemand verstand, was das bedeuten sollte. Dabei handelte es sich lediglich um eine Zeile aus dem Misfits-Song Astro zombies, aber ich habe noch nie jemanden kennen gelernt, der die alten Misfits ebenfalls unschlagbar toll findet.

Noch einmal zurück zu den Ramones. Nachdem ich meine ersten Platten von denen besaß, nahm ich mir auch ziemlich bald die Mania-Compilation auf. Immer wieder bin ich Leuten begegnet, die meinten, es würde reichen, diese CD zu besitzen.
Das mag daher kommen, dass hier besonders viele der live gebotenen Songs vertreten sind, oder auch weil einige Hits, die man hin und wieder mal irgendwo hört dabei sind. Ich möchte der Meinung jedoch vehement wiedersprechen: Mania ist eine super Zusammenstellung, doch wenn man diese Lieder gut findet, sollte man unbedingt die regulären Platten anschaffen, denn da gibt's noch Massen mehr von jenen Songs! Und ob jetzt alles gleich klingt oder nicht, ist sowieso nur eine Frage genauen Hinhörens. Ich habe mir selber mal eine best-of der Ramones aufgenommen, bei der ich gerade vermieden habe, die bekannten Stücke zu nehmen. Es sind dann darauf gelandet:

Chainsaw / Now I wanna sniff some glue / Today your love, tomorrow the world / Suzy is a headbanger / Now I wanna be a good boy / Babysitter / Locket love / I don't care / Why is it always this way? / I'm against it / Questioningly / She's the one / Don't go / Sitting in my room / Somebody like me / My-my kind of a girl / Mental hell / Something to believe in / I know better now / Bye bye baby / Punishment fits the crime / Palisades park / Anxiety / Strength to endure / The shape of things to come / Can't seem to make you mine / Cretin family / Got alot to say

Genialer Mix, oder?


Gabba gabba hey,
Harvey
(26.9.02)

 

Ramones

(USA)
Gegründet 1974, aufgelöst 1996
Erste VÖ 1976 "Ramones"-LP

Besetzung 1987:
Joey Ramone: voc
Johnny Ramone: guit
Dee Dee Ramone: b, voc
Richie Ramone: dr


Link
Ramones
Blitzkrieg bop
I wanna be your boyfriend
Leave home
Gimme gimme shock treatment
Rockaway beach
Rocket to russia
It's alive
Road to ruin
7-11
Howling at the moon
Brain drain
Loco live
Mondo bizarro
Acid eaters
I don't want to grow up
The family tree

Für Statistik-Freaks:
Statistik die; -, -en:
1. (ohne Plural) wissenschaftliche Methode zur zahlenmäßigen Erfassung, Untersuchung u. Darstellung von Massen- erscheinungen.
2. [schriftlich] dar-
gestelltes Ergebnis einer Untersuchung nach der statistischen Methode.
3. Auswertung einer großen Zahl physika-
lischer Größen zur Bestimmung von physikalischen Gesetzen.
Statistik: