harveys hitlist: ein Leben auf dem Plattenteller hitlist - ein leben auf dem plattenteller
Hitlist
 




Indie Hits: 1995


Kyuss: ...And the circus leaves town
 

Kyuss: ...And the circus leaves town (51:12)

Mit einem Donnergrollen stampften Kyuss durch die Musiklandschaft und als endlich alle ihre Genialität erkannt hatten, da waren sie auch schon wieder weg.

Auch ich war da etwas spät dran.

Meine erste Begegnung mit Kyuss fand wieder über das Fernsehen statt. Ich sah einen Bericht über ein Heavy-Festival und dabei Ausschnitte von ihrem Auftritt. Das konnte mich nicht überzeugen.
Allerdings war ich wohl schon voreingenommen wegen des Heavy-Festivals und der Sänger sah auch sehr stark in dieser Richtung aus (und machte auch später auf mich immer einen etwas sehr schlichten Eindruck).
Zu jener Zeit hatte ich auch wirklich Null Interesse an Dingen die auch nur entfernt an Heavy-Mucke erinnerten. Die alten und sehr guten Scheiben von Black Sabbath, Deep Purple, Blue Öyster Cult usw. entdeckte ich erst später.

So hatten Kyuss also schlechte Karten und der Name tat ein übriges. Eine Abwandlung von Chaos - sehr einfallsreich, ganz toll.
Vor kurzem las ich dann, dass sie den Namen von einer Figur entliehen hatten, die in ihrem D&D Rollenspiel auftauchte.
Das macht die Jungs nun gleich deutlich sympathischer. Ich war nämlich selber jahrelang Fantasy-Rollenspieler, wenngleich ich D&D immer scheisse fand.

Denn Höhepunkt erreichte mein Rollenspielinteresse bereits ziemlich am Anfang, so im Alter von 14-17. Damals habe ich sogar ein eigenes Rollenspielfanzine herausgegeben.
Als sich der Fanatismus relativierte, änderte sich auch mein Blickwinkel auf die "Szene" und andere fanatische Rollenspieler. Ich stellte fest, dass viele von denen doch etwas durchgedreht oder weltfremd sind (und ich es auch war). Wer weiss, vielleicht geht es mir in ein paar Jahren genauso, wenn ich mir Harvey als Musikfreak rückblickend betrachte.
Andererseits: ich mag Freaks trotzdem, gleich welches Interesse sie auch besonders intensiv verfolgen. Sie laden zwar manchmal zum Kopfschütteln ein, aber sie beleben auch die grauen Massen, bringen Farbe in den Alltag.

Für diejenigen, die gar nicht wissen was Fantasy-Rollenspiele eigentlich sind, erkläre ich das mal kurz (und karikiere die Freaks ein wenig):

Es versammeln sich drei bis acht Personen um einen Tisch, um nur in ihrer Phantasie Situationen aus der Zeit von König Arthus, den Geschichten von H.P. Lovecraft oder J.R.R. Tolkien zu erleben. Einzige Hilfsmittel sind Würfel (um das Gelingen von Taten in der Gedankenwelt zu überprüfen) und ein Datenblatt, das die Fähigkeiten der gespielten Rolle festhält und die Phantasie anregen soll.
Diese Art Spiel ist sehr zeitaufwändig: das reine Spiel dauert ca. 3 bis 30 Stunden, zusätzlich muss einer der Spieler das ganze leiten (also quasi die Gegebenheiten in der Phantasiewelt modellieren) und somit auch vorbereiten und hat dadurch noch einen ganzen Batzen Arbeit (die aber Spaß macht). Irgend jemand sollte auch zumindest ein rudimentäres Regelwerk für das Spiel kennen, denn kein Spiel kommt ohne Regeln aus - schon gar nicht eines, das nur in der Phantasie stattfindet. Solche Regelwerke (inklusive der Welten in denen man spielt: Settings) kann man käuflich erwerben. Eventuell lassen sich alle benötigten Regeln auf zwei DINA4 Seiten zusammenfassen, oft sind aber dicke Wälzer notwendig, die dann wenigstens der Spielleiter gelesen haben sollte.

Das eigentliche Spiel wird auch "Abenteuer" genannt, denn genau solche erleben die imaginären Charaktere (die Rollen) in der erdachten Welt. Ganz wie in einem Fantasy- oder Science Fiction Roman. Oft sind die Phantasiewelten auch ebenso klischeehaft und von einer klaren gut-böse Trennung, wie man dies von solchen Geschichten kennt. In der Regel lassen Probleme sich zumindest zum Teil mit Waffengewalt lösen, was ja bekanntlich im wirklichen Leben nur selten funktioniert.
Trotz des Spiels den Anschluss an die wirkliche Welt nicht zu verlieren ist wichtig, für psychisch gesunde Menschen allerdings auch kein Problem. Daher gehe ich jetzt nicht auf die hin und wieder zu lesenden Schlagzeilen "18jähriger brachte Bruder beim Rollenspiel um" oder "Das Schwarze Auge erhöht die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen" ein.

Rollenspiele regen nicht nur die Phantasie und Kreativität an, sie sind auch sehr gesellig und kommunikativ. Deswegen veranstalten die Rollenspieler und Rollenspielerinnen auch öfter Treffen, sogenannte Cons.
Wobei die Verwendung der weiblichen Form eigentlich ein reiner Euphemismus ist, denn Frauen spielen ja schon deutlich weniger Gesellschaftsspiele als Männer und noch mal weitaus weniger Fantasyspiele.
Nunja, so war das jedenfalls auf allen Rollenspielertreffen, die ich besucht habe. Eigentlich gab es dort auch nur zwei verschiedene Sorten Frauen:
a) die Alternativschnitte. Sie liest gerne mal ein esoterisches Buch, trägt Batikklamotten und Birkenstocksandalen, hat lange auch vielleicht verfilzte Haare und ist ein "irrer Fan von Marion Zimmer Bradley". Sie hat richtig Spaß am intensiven Ausleben von erdachten Charakteren. Wenn es schlimm kommt, macht sie auch noch Live-Rollenspiel und rennt verkleidet im Wald herum.
b) das Mauerblümchen. Sie trägt die gebrauchten Klamotten ihrer Oma auf, hat ziemlich viele Pickel im Gesicht und eine Frisur, die jegliches Konzept vermissen läßt. Für sie ist das Spiel eine Realitätsflucht, denn beim Rollenspiel kann sie eine Schönheit spielen, die sich zudem immer durchsetzt und heldenhafte Taten vollbringt. Daher macht es ihr auch nichts aus, die mehr als hundertseitigen Regelwerke durchzuarbeiten und in Nacht- und Nebelaktionen eigene Szenarien zu konzipieren. Sie hat sowieso keine Bekannten (außer den Spielerkollegen, alles Männer natürlich) und damit unendlich viel Zeit.

Da diese beiden Typen der Rollenspielerin gerade mal fünf Prozent der Teilnehmer eines Spielertreffens ausmachen, kann man sich vorstellen, was passiert: die restlichen fünfundneunzig Prozent - nur Männer - baggern wie die Blöden.
Schließlich lassen sich von ihnen die meisten ebenfalls in die Gruppen a) und b) einteilen, wenn man nur die weiblichen Formen durch männliche ersetzt. Und so kommt es durchaus öfter vor, daß die abgedrehten Typ b) Männchen und Weibchen einander finden und dann dieses komische Hobby auch recht schnell vergessen, weil sie eine Familie gründen. Oder zwei Individuen vom Typ a) treffen aufeinander und gehen fortan zu zweit in ihrer Lederrüstung mit Pappschwertern bewaffnet auf jedes Mittelaltertreffen.
Die allermeisten der Kerle baggern also völlig umsonst, weil die Frauen schon auf dem letzten, vorletzten oder vorvorletzten Treffen erfolgreich angegraben wurden und ihr Typ jetzt gerade die Runde nebenan leitet.

Das stimmt natürlich so alles nicht. Es gibt auch sehr viele normale, nette Menschen unter den RollenspielerInnen.
Kyuss gehören vermutlich auch dazu, denn immerhin hatten sie noch wenigstens ein weitere Interesse neben dem Spiel: das Musikmachen.

...And the circus leaves town kann man als ihr Meisterwerk ansehen, obgleich vielleicht einige Leute den Vorgänger noch besser fanden, da dort längere und etwas experimentellere Songs vertreten waren.
Diese CD hier geht ein wenig in die Richtung, die z.B. Fu Manchu auch machen. Die Roots (psychedelic-doom-Rock der 70er) sind also deutlich vertreten aber auch eine Prise Punk und Modernität.

Hurricane leitet das Album ein, mit zum Titel passenden fetzenden Gitarren und düsterem Bassgrollen. Das Schlagzeug klingt für mich sehr punkig. Black Sabbath schlagen noch nicht ganz so stark durch, wie beim nächsten Song One inch man, der auch ein kleiner Indie-Dancefloor-Hit war.
Im weiteren Verlauf der Platte gibt es dann noch mehr Black Sabbath (z.B. Gloria Lewis), aber auch gelegentliche improvisative Elemente oder auch mal etwas Blues- und Pink Floyd-ähnliche Passagen (z.B. Phototropic). Der Bass groovt meistens ziemlich gut, Gitarren sind oft zwei vorhanden und bei Tangy zizzle leitet ein akustisches Intro das Abgerocke ein.
An anderen Stellen fällt das Schlagzeugspiel durch seinen vertrackten Stil auf, bei Spaceship landing gibt's (ganz im space-Bild) besonders lange Gitarrensoli.
Das Gesang passt sehr gut zum Ganzen, erinnert NICHT an Ozzy, artet aber öfter mal in ungestümes Geschrei aus (nicht zu verwechseln mit death-Gegrunze).

Insgesamt muss man der Platte einen hohen Abwechslungsreichtum, eine hervorragende Produktion und eine hohe Halbwertszeit bescheinigen. Wer sich angesprochen fühlt, sollte unbedingt mal reinhören!





Kyuss
(USA)
Gegründet 1991, aufgelöst 1996
Erste VÖ 1991 "Wretch"-CD

Besetzung 1995:
John Garcia: voc
Alfredo Hernandez: dr
Scott Reeder: b
Josh Homme: guit

Link
Sky valley
Fatso forgetso

Anspieltipp:

Whipping Boy: Heartworm
 

Whipping Boy: Heartworm (44:25)

Hierzulande gänzlich unbekannt, so dass die CDs auch nur schwer aufzutreiben sind, gibt's von Whipping Boy dennoch diesen Renner, den man haben sollte.

Und als erstes danke ich mal wieder dem Hank! Denn dies ist noch so eine Kapelle, die ich durch ihn kennen gelernt habe.
Die CD hätte auch wirklich einen der ersten fünf Plätze dieser Hitlist verdient, wenn hier nicht der Faktor "persönliche Verbindung zur Musik" eine Rolle spielen würde.
Heartworm ist eine wirklich geniale Platte, mit der ich trotzdem nichts besonderes verbinde. Das mag daran liegen, dass ich sie erst einige Jahre nach 95 erworben habe, vielleicht auch daran, dass ich die Stimmung der CD zwar gut nachempfinden kann, jedoch mich selber nicht in einer solchen befunden habe seit ich das Teil besitze.

Was ist dies für eine Stimmung? Für mich kommt hier eine sehr große Unzufriedenheit rüber, Kritik an der Gesellschaft, ein wenig Pessimismus und das Gefühl ein Aussenseiter zu sein. Dies könnte bei entsprechender Musik sehr gut zu Wave oder dergleichen passen, zu tun haben wir es aber mit poppigem Gitarrengeschrammel - sicherlich mit Waveeinflüssen, allerdings auch mit Einflüssen von Punk und ein klein wenig Britpop (uäh!).

Die CD beginnt mit einem Geigenintro, dann setzt die typische melodische Gitarre, die zum Beispiel ähnlich zu derjenigen von Coldplay klingt, ein und kurz darauf die zweite typische sehr verschrammelte Gitarre. Dazu gibt's eine sehr tiefe Stimme mit ruhigem Gesang, der vielfach eher ein Sprechgesang ist.
Vor allem dieser Gesang bringt die Texte (die eben genannten Weltsichten) mit beklemmender Intensität rüber. Zwei Gitarren sind gerne am Werk und hin und wieder auch verhaltene Keyboards, die aber (siehe Booklet) niemand spielt.

Der zweite Song ist schon gleich einer meiner Favoriten: When we were young. Der Titel verrät schon einiges über den Text: es geht um Dinge, die ich letzte Woche schonmal angesprochen habe. Erwähnenswert hier besonders die gelungenen Backgroundchöre, die ausdrucksstarke Stimme und das flotte Tempo des Liedes (in nichmal drei Minuten ist es schon wieder vorbei).
Bei Tripped hört man dann am Anfang auch mal eine akustische Gitarre, die schon fast Country-mässig klingt, doch nach diesem Beginn wird ordentlich losgerockt, wobei das Tempo des Songs trotzdem ein langsameres bleibt.
Die Gitarren liebe ich einfach: sie bewegen sich zwischen Schrammel und Süsse, teilweise ziemlich verzerrt, erinnern sie etwas an Cure zu Wish-Zeiten.
We don't need nobody else: Verzweiflung, Frust aber auch Eigensinnigkeit, Überzeugung und ein wenig Romantik sprechen aus dem Text. Gegen Ende wird's hier ziemlich abgefahren und irgend jemand zaubert auch noch eine dritte Gitarre aus dem Hut.

Es folgen einige Stücke, die auch nicht schlecht aber weniger einfallsreich sind, zum Teil die zuvor gehörten Elemente wieder aufgreifen und noch einmal neu interpretieren. Hier leidet auch etwas die Unterscheidbarkeit der einzelnen Songs.
Zum Abschluss kommt dann aber noch mal die Stimmung der Platte hervorragend rüber: Morning rise ist sehr akustisch und durch zusätzliche Streicher auch sehr traurig, A natural spricht von "acute paranoid schizophrenia" und man kann sich (wenn auch nicht ganz wirklich) vorstellen, was der Sänger damit meint.

Eine schöne Platte, ein verstörende Platte, eine rockende Platte.
Wäre die Instrumentierung eine andere, so könnte man aus dem Gesang und den Texten vielleicht auch Symphonic Metal oder sowas wie Marylin Manson machen. So jedoch erhält man einen unverwechselbaren Indie-Rock, der mitreisst und trotz seiner Düsternis nicht zur Selbstaufgabe oder zu Hass einlädt.
Ein wenig bedrückt darf man aber sein.


Stay alive and rock on,
Harvey
(18.7.02)

 

Whipping Boy

(England)
Gegründet 19??
Erste VÖ 1989 "Sweet mangled thing"-EP

Besetzung 1995:
Colm Hassett: dr
Myles McDonnell: b
Ferghal McKee: voc
Paul Page: guit


Für Statistik-Freaks:
Statistik die; -, -en:
1. (ohne Plural) wissenschaftliche Methode zur zahlenmäßigen Erfassung, Untersuchung u. Darstellung von Massen- erscheinungen.
2. [schriftlich] dar-
gestelltes Ergebnis einer Untersuchung nach der statistischen Methode.
3. Auswertung einer großen Zahl physika-
lischer Größen zur Bestimmung von physikalischen Gesetzen.
Statistik: