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Kyuss: ...And the circus
leaves town (51:12)
Mit einem Donnergrollen stampften Kyuss durch
die Musiklandschaft und als endlich alle ihre
Genialität erkannt hatten, da waren sie
auch schon wieder weg.
Auch ich war da etwas spät dran.
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Meine erste Begegnung mit
Kyuss fand wieder über das Fernsehen statt. Ich
sah einen Bericht über ein Heavy-Festival und dabei Ausschnitte
von ihrem Auftritt. Das konnte mich nicht überzeugen.
Allerdings war ich wohl schon voreingenommen wegen des Heavy-Festivals
und der Sänger sah auch sehr stark in dieser Richtung
aus (und machte auch später auf mich immer einen etwas
sehr schlichten Eindruck).
Zu jener Zeit hatte ich auch wirklich Null Interesse an Dingen
die auch nur entfernt an Heavy-Mucke erinnerten. Die alten
und sehr guten Scheiben von Black Sabbath, Deep
Purple, Blue Öyster Cult
usw. entdeckte ich erst später.
So hatten Kyuss also
schlechte Karten und der Name tat ein übriges. Eine Abwandlung
von Chaos - sehr einfallsreich, ganz toll.
Vor kurzem las ich dann, dass sie den Namen von einer Figur
entliehen hatten, die in ihrem D&D Rollenspiel
auftauchte.
Das macht die Jungs nun gleich deutlich sympathischer. Ich
war nämlich selber jahrelang Fantasy-Rollenspieler, wenngleich
ich D&D immer scheisse fand.
Denn Höhepunkt erreichte
mein Rollenspielinteresse bereits ziemlich am Anfang, so im
Alter von 14-17. Damals habe ich sogar ein eigenes Rollenspielfanzine
herausgegeben.
Als sich der Fanatismus relativierte, änderte sich auch
mein Blickwinkel auf die "Szene" und andere fanatische
Rollenspieler. Ich stellte fest, dass viele von denen doch
etwas durchgedreht oder weltfremd sind (und ich es auch war).
Wer weiss, vielleicht geht es mir in ein paar Jahren genauso,
wenn ich mir Harvey als Musikfreak rückblickend betrachte.
Andererseits: ich mag Freaks trotzdem, gleich welches Interesse
sie auch besonders intensiv verfolgen. Sie laden zwar manchmal
zum Kopfschütteln ein, aber sie beleben auch die grauen
Massen, bringen Farbe in den Alltag.
Für diejenigen, die
gar nicht wissen was Fantasy-Rollenspiele eigentlich sind,
erkläre ich das mal kurz (und karikiere die Freaks ein
wenig):
Es versammeln sich drei bis
acht Personen um einen Tisch, um nur in ihrer Phantasie Situationen
aus der Zeit von König Arthus, den Geschichten von H.P.
Lovecraft oder J.R.R. Tolkien zu erleben. Einzige
Hilfsmittel sind Würfel (um das Gelingen von Taten in
der Gedankenwelt zu überprüfen) und ein Datenblatt,
das die Fähigkeiten der gespielten Rolle festhält
und die Phantasie anregen soll.
Diese Art Spiel ist sehr zeitaufwändig: das reine Spiel
dauert ca. 3 bis 30 Stunden, zusätzlich muss einer der
Spieler das ganze leiten (also quasi die Gegebenheiten in
der Phantasiewelt modellieren) und somit auch vorbereiten
und hat dadurch noch einen ganzen Batzen Arbeit (die aber
Spaß macht). Irgend jemand sollte auch zumindest ein
rudimentäres Regelwerk für das Spiel kennen, denn
kein Spiel kommt ohne Regeln aus - schon gar nicht eines,
das nur in der Phantasie stattfindet. Solche Regelwerke (inklusive
der Welten in denen man spielt: Settings) kann man käuflich
erwerben. Eventuell lassen sich alle benötigten Regeln
auf zwei DINA4 Seiten zusammenfassen, oft sind aber dicke
Wälzer notwendig, die dann wenigstens der Spielleiter
gelesen haben sollte.
Das eigentliche Spiel wird
auch "Abenteuer" genannt, denn genau solche erleben
die imaginären Charaktere (die Rollen) in der erdachten
Welt. Ganz wie in einem Fantasy- oder Science Fiction Roman.
Oft sind die Phantasiewelten auch ebenso klischeehaft und
von einer klaren gut-böse Trennung, wie man dies von
solchen Geschichten kennt. In der Regel lassen Probleme sich
zumindest zum Teil mit Waffengewalt lösen, was ja bekanntlich
im wirklichen Leben nur selten funktioniert.
Trotz des Spiels den Anschluss an die wirkliche Welt nicht
zu verlieren ist wichtig, für psychisch gesunde Menschen
allerdings auch kein Problem. Daher gehe ich jetzt nicht auf
die hin und wieder zu lesenden Schlagzeilen "18jähriger
brachte Bruder beim Rollenspiel um" oder "Das
Schwarze Auge erhöht die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen"
ein.
Rollenspiele regen nicht
nur die Phantasie und Kreativität an, sie sind auch sehr
gesellig und kommunikativ. Deswegen veranstalten die Rollenspieler
und Rollenspielerinnen auch öfter Treffen, sogenannte
Cons.
Wobei die Verwendung der weiblichen Form eigentlich ein reiner
Euphemismus ist, denn Frauen spielen ja schon deutlich weniger
Gesellschaftsspiele als Männer und noch mal weitaus weniger
Fantasyspiele.
Nunja, so war das jedenfalls auf allen Rollenspielertreffen,
die ich besucht habe. Eigentlich gab es dort auch nur zwei
verschiedene Sorten Frauen:
a) die Alternativschnitte. Sie liest gerne mal ein esoterisches
Buch, trägt Batikklamotten und Birkenstocksandalen, hat
lange auch vielleicht verfilzte Haare und ist ein "irrer
Fan von Marion Zimmer Bradley". Sie hat richtig
Spaß am intensiven Ausleben von erdachten Charakteren.
Wenn es schlimm kommt, macht sie auch noch Live-Rollenspiel
und rennt verkleidet im Wald herum.
b) das Mauerblümchen. Sie trägt die gebrauchten
Klamotten ihrer Oma auf, hat ziemlich viele Pickel im Gesicht
und eine Frisur, die jegliches Konzept vermissen läßt.
Für sie ist das Spiel eine Realitätsflucht, denn
beim Rollenspiel kann sie eine Schönheit spielen, die
sich zudem immer durchsetzt und heldenhafte Taten vollbringt.
Daher macht es ihr auch nichts aus, die mehr als hundertseitigen
Regelwerke durchzuarbeiten und in Nacht- und Nebelaktionen
eigene Szenarien zu konzipieren. Sie hat sowieso keine Bekannten
(außer den Spielerkollegen, alles Männer natürlich)
und damit unendlich viel Zeit.
Da diese beiden Typen der
Rollenspielerin gerade mal fünf Prozent der Teilnehmer
eines Spielertreffens ausmachen, kann man sich vorstellen,
was passiert: die restlichen fünfundneunzig Prozent -
nur Männer - baggern wie die Blöden.
Schließlich lassen sich von ihnen die meisten ebenfalls
in die Gruppen a) und b) einteilen, wenn man nur die weiblichen
Formen durch männliche ersetzt. Und so kommt es durchaus
öfter vor, daß die abgedrehten Typ b) Männchen
und Weibchen einander finden und dann dieses komische Hobby
auch recht schnell vergessen, weil sie eine Familie gründen.
Oder zwei Individuen vom Typ a) treffen aufeinander und gehen
fortan zu zweit in ihrer Lederrüstung mit Pappschwertern
bewaffnet auf jedes Mittelaltertreffen.
Die allermeisten der Kerle baggern also völlig umsonst,
weil die Frauen schon auf dem letzten, vorletzten oder vorvorletzten
Treffen erfolgreich angegraben wurden und ihr Typ jetzt gerade
die Runde nebenan leitet.
Das stimmt natürlich so alles nicht. Es gibt auch sehr
viele normale, nette Menschen unter den RollenspielerInnen.
Kyuss gehören vermutlich auch dazu, denn immerhin
hatten sie noch wenigstens ein weitere Interesse neben dem
Spiel: das Musikmachen.
...And the circus leaves
town kann man als ihr Meisterwerk ansehen, obgleich vielleicht
einige Leute den Vorgänger noch besser fanden, da dort
längere und etwas experimentellere Songs vertreten waren.
Diese CD hier geht ein wenig in die Richtung, die z.B. Fu
Manchu auch machen. Die Roots (psychedelic-doom-Rock der
70er) sind also deutlich vertreten aber auch eine Prise Punk
und Modernität.
Hurricane leitet das
Album ein, mit zum Titel passenden fetzenden Gitarren und
düsterem Bassgrollen. Das Schlagzeug klingt für
mich sehr punkig. Black Sabbath schlagen noch nicht
ganz so stark durch, wie beim nächsten Song One inch
man, der auch ein kleiner Indie-Dancefloor-Hit war.
Im weiteren Verlauf der Platte gibt es dann noch mehr Black
Sabbath (z.B. Gloria Lewis), aber auch gelegentliche
improvisative Elemente oder auch mal etwas Blues- und Pink
Floyd-ähnliche Passagen (z.B. Phototropic).
Der Bass groovt meistens ziemlich gut, Gitarren sind oft zwei
vorhanden und bei Tangy zizzle leitet ein akustisches
Intro das Abgerocke ein.
An anderen Stellen fällt das Schlagzeugspiel durch seinen
vertrackten Stil auf, bei Spaceship landing gibt's
(ganz im space-Bild) besonders lange Gitarrensoli.
Das Gesang passt sehr gut zum Ganzen, erinnert NICHT an Ozzy,
artet aber öfter mal in ungestümes Geschrei aus
(nicht zu verwechseln mit death-Gegrunze).
Insgesamt muss man der Platte
einen hohen Abwechslungsreichtum, eine hervorragende Produktion
und eine hohe Halbwertszeit bescheinigen. Wer sich angesprochen
fühlt, sollte unbedingt mal reinhören!
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