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Alanis Morissette: Jagged little pill
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(1995, 57:24)
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"Traue dem Hype nicht!", riefen die
Stimmen, wieder und wieder.
"Solch komischen Pop-Kram findest du sowieso
scheisse", mahnten sie.
"Hör dir nur den Drumsound an, das
ist viel zu wenig bodenständig", kreischten
sie verzweifelt.
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Tatsächlich: die Drums
klingen oft recht technoid, überhaupt nicht warm, manchmal
sogar nach Computer, was ich ja absolut hasse!
Und ich war dieser Platte
gegenüber zunächst sehr skeptisch. Lieder, die dauernd
überall laufen können schnell nerven, auch wenn
sie zunächst interessant klingen. Ausserdem kann ich
es im allgemeinen als schlechtes Zeichen interpretieren wenn
besonders viele meiner Bekannten eine bestimmte CD erwerben:
meistens ist das absolut nicht die Musik, die ich gut finde.
Aber wie es sich so ergab,
wurde die neuerworbene CD dann natürlich auch dauernd
auf irgendwelchen Meetings gehört und sie klang immer
noch interessant. Ich lieh sie mir aus und musste feststellen,
dass sie mir sehr gut gefiel.
All I really want bildet da eigentlich die einzige
Ausnahme. Meine Lieblingsstücke sind Head over feet
und Ironic. In ersterem kommt die total deplazierte
Mundharmonika extrem gut, letzteres wirkt tiefgründig
und gefällt mir auch vom Text her. "one thousand
spoons when all you need is a knife" ist ein so gelungener
Vergleich, bzw. Ausspruch im allgemeinen, dass ich mir den
direkt gemerkt habe und er mir jetzt bei den seltsamsten Gelegenheiten
in den Kopf kommt, vor allem aber natürlich immer dann,
wenn etwas irgendwie nicht passt.
Ich glaube, da diese Platte
sowieso jeder kennt, kann ich die Beschreibung der Musik kurz
halten:
Es gibt Gitarren-orientierten, rhythmischen und sehr tanzbaren
Rock/Pop, bei dem fast jeder Song unerwartete oder "neue"
Elemente aufweist, die ihn interessant machen. Ist es einmal
ein wirklich abgefahrener, im Vordergrund stehender Bass (You
oughta know), so ist es ein andermal ein vor Energie sprühendes
jugendliches (und leicht naives) Feeling, oder auch ein wenig
Traurigkeit (Mary Jane). Alles sehr professionell aufgenommen
und von Leuten gespielt, die mit ihren Instrumenten umgehen
können.
Warum das dann solch ein
Bestseller wurde, ist mir aber nicht ganz klar. Sicher, verdient
hat diese CD es. Auch wenn ich das gerade Hype genannt habe,
so kann man sich natürlich freuen, wenn Leute solche
relativ innovative Musik mit schönen echten Gitarren
hören statt der neusten Scooter-Scheibe. Aber
trotzdem verwundert mich der Erfolg.
Aber ich bin kein Marktanalysator
und weiss auch nicht, welche Wege diese CD genau genommen
hat von der ersten Promo-Version bis zur Platinplatte. Ob
das Musikfernsehen dabei eine Rolle gespielt hat, habe ich
auch vergessen. Heutzutage hat ja kaum eine Platte Chancen
auf größeren kommerziellen Erfolg, wenn sie nicht
im Musikfernsehen läuft. Mir persönlich geht es
bei Musik nur um die akustische Komponente. Musikvideos kaufe
ich nur von Leuten, die ich ausgesprochen gut finde und dabei
finde ich Livekonzerte wichtiger als Video-Collections.
Andererseits ist das mit
der akustischen Komponente glatt gelogen. Natürlich wird
meine Aufmerksamkeit durch ein interessantes Video geweckt!
Zum Beispiel finde ich das Video zum neuen Chili Peppers
Song ausgesprochen lustig und wegen der schnellen Schnittfolge
muss man auch sehr aufmerksam hinschauen. Aber natürlich
hat sich auch dieser Clip beim zweiten Sehen dann erledigt.
Das letzte Tool-Video war
vielleicht dreimal interessant.
Aber es geht wohl wirklich nur um das Wecken der Aufmerksamkeit.
Das haben zum Beispiel System
Of A Down geschafft mit Toxicity: schon allein
der Part, bei dem der Gitarrist mit höherer Abspielgeschwindigkeit
gezeigt wird und dementsprechend wild abrockt, ist ja nur
genial! Auch der Song von Son Goku hat meine Aufmerksamkeit
geweckt, wenn auch alle Rezis sagen, die CD sei nicht so toll.
In dem Video kommt jedenfalls das, was ich mir unter Partystimmung
vorstelle, sehr gut rüber.
Und von diesen Helden mal abgesehen, wer schaut nicht mal
gern ein absolut ätzendes Popvideo an, weil die Schnitte
(der Typ) gerade so heiß aussieht? Damit meine ich noch
nichtmal, dass möglichst wenig bekleidete Körper
möglichst sexy Bewegungen machen, sowas finde ich schon
wieder albern. Aber zum Beispiel diese Wonderwall Mädels
versprühen jugendlichen Charme und verleiten vielleicht
erst dazu, den ganz netten aber nicht weltbewegenden Song
auch mal bis zum Ende anzuhören.
Es stellt sich die Frage,
wie Menschen heute überhaupt in Kontakt mit neuer Musik
kommen.
Vermutlich ist es wirklich ein großer Prozentsatz gerade
der jüngeren Menschen, der über die Glotze in diesen
Kontakt kommt. Wie eben erwähnt habe auch ich schon das
eine oder andere Lied dort kennen gelernt. Aber ich unternehme
noch einiges mehr, denn ich bin ja sogar nicht nur passiv
sondern aktiv auf der Suche nach neuer Musik.
So lasse ich mir immer von Freunden Musik vorspielen, von
der die meinen, sie könnte mich auch interessieren. Auf
diese Art habe ich schon eine Menge guter Sachen kennen gelernt,
auch wenn der Groschen manchmal erst später fällt
(z.B. Del Amitri).
Weiterhin verfolge ich einige der Gruppen und Einzelinterpreten,
die ich besonders gut finde, sehr genau. Ich schaue nach,
wer dort mitspielt, in welchen Gruppen diese Leute eventuell
vorher waren und ob es Soloalben gibt. Ich lesen die musikalische
Biographie der Bands und finde weitere Bezugspunkte. Dann
mache ich mich, mal sehr zielgerichtet und mal nur im tiefsten
Hinterkopf, auf die Suche nach diesen Sachen. Über Peter
Gabriel habe ich z.B. schon eine Menge anderer sehr interessanter
Künstler kennen gelernt, weil er bei diesen irgendwann
einmal auf einer Platte zu Gast war.
Zu guter Letzt lese ich Musikzeitschriften.
Im Moment vor allem das Visions und den Musikexpress.
Ich lese nicht nur Artikel und Plattenrezensionen von Bands,
die ich kenne, sondern überfliege alles nach interessanten
Stichworten. Früher habe ich mir dann markiert, in was
ich mal reinhören will. Weil ich das aber sowieso fast
nie tatsächlich tue (keine Zeit, kein Nerv, CDs eh zu
teuer), merke ich mir nur die wichtigsten Namen, die immer
wieder als potenziell interessant auffallen. Ich merke mir
diese natürlich nicht willentlich, sie bleiben einfach
hängen. Wenn ich dann in ein, zwei Jahren eine CD solch
einer Gruppe im Wühltisch sehe, schlage ich zu.
Aber die Zeitschriften haben ja auch noch nette CDs dabei
und die höre ich natürlich sehr genau. Mit Musik
prägen sich Namen noch besser ein. Ich gebe zu, dass
ich mir erst äußerst selten nach dem Hören
eines Songs auf solch einer CD den Longplayer gekauft habe.
Ich schätze mal, vier bis fünf CDs in meiner Sammlung
könnte es so ergangen sein. Aber das liegt natürlich
auch an meiner Abneigung gegen so hohe Geldbeträge, wie
sie für neue CDs verlangt werden.
Allerdings lade mich mir auch nicht statt dessen irgendwo
MP3s runter. Ich warte einfach. Oft kommt irgendwann mal wieder
ein Song derselben Leute auf einem Zeitschrift-Sampler und
zu diesem Zeitpunkt gibt es dann die alte Scheibe schon billiger.
Oder halt die erwähnten Wühltische, Flohmärkte
(da verbringe ich Stunden), Second-Hand Läden und natürlich
ebay.
ebay ist super! Was ich
da schon an Raritäten oder auch ganz gewöhnlichen
Sachen zu reellen Preisen bekommen habe! Nachteil dabei: man
muss oft reingucken und rumsuchen, ähnlich wie bei den
Wühltischen. Ausserdem ist die Versuchung groß,
doch etwas mehr zu bieten als ursprünglich geplant. Aber
es macht auch Spass.
Um noch einmal auf die Musikzeitschriften
zurück zu kommen. Meine allerersten davon erwarb ich
1990. Es waren insgesamt
vier Hefte, die ich in diesem Jahr kaufte (ich habe sie alle
aufgehoben) und zwar folgende: Break Out, Rock Hard, Metal
Star und Metal Hammer.
Tja, so war das mit meiner stahlharten Phase! Kurz darauf
entdeckte ich das Zillo (damals noch "bunter")
und hielt ihm jahrelang die Treue. Diese ersten Metalzeitschriften
habe ich sowas von genau gelesen! Ich kannte ja die meisten
Gruppen nicht, ich wollte etwas über sie erfahren, also
habe ich wirklich jeden Artikel durchgelesen und auch sehr
viele der genannten Gruppen dann mal im Laden angehört
oder direkt - nur wegen einer Rezension! - gekauft.
Schauen wir uns mal die Redaktionscharts
Rock Hard März 1990 an:
1. Savatage - Gutter ballet
2. Sanctuary - Into the mirror
3. Kai Hansen - Heading
for tomorrow (=Gamma Ray)
4. Vicious Rumors - Vicious Rumors
5. Terrorizer - World downfall
Äh - ja. Rannte ich
also erstmal in den Laden und kaufte mir die Nr. 1. Mit der
ich dann allerdings (zunächst) so meine Schwierigkeiten
hatte. Nr. 3 besaß ich auch bald (weniger Schwierigkeiten).
Im Rock Power (1991)
hingegen legte man zur ersten Ausgabe eine feine Single bei,
auf der sich Axxis (sofort gekauft, ach du Kacke),
Crossroads (zum Glück vorher reingehört und
zurückgestellt), Chroming Rose (vom Freund aufgenommen)
und Fate (grosser Mumpitz - aber auch gekauft) befanden.
Sehr schön auch das
Interview mit Yngwie Malmsteen im Break Out:
F: Sag mir, ob du das Live-Album durch ein paar Gigs promotest.
A: Nö, das werde ich nicht machen.
F: Wer wird auf dem nächsten Album singen?
A: Keine Ahnung.
F: Warum hat Jens Johannson die Band verlassen?
A: Keine Ahnung.
F: Wer wird auf dem nächsten Album Keyboards spielen?
A: Weiss nicht.
...
Zurück zu Jagged
little pill. Nachdem ich mir die CD auf Tape gebannt hatte,
entwickelte sie sich zu einem kleinen Dauerbrenner. Sie gefiel
mir immer besser und meines Eindrucks nach konnte ich mit
häufigerem Hören die eigenartige Stimmung der Platte
(fröhlich, selbstbewusst aber gleichzeitig wütend
und einsam) besser nachvollziehen.
Das Tape hörte ich auch im Sommer 1996
besonders häufig, so dass es sich zu einem persönlichen
Sommerhit entwickelte. Ich verbinde damit noch heute eine
sommerliche Luft und oben genannte Stimmungen.
In jedem Fall ist dieses Werk tiefgründiger als es zunächst
scheint - mehr als nur eine reine Hitansammlung. Und es ist
allemal mehr Energie vorhanden als bei späteren Sachen
von Alanis, auch mehr Frische und sicher ein wenig
Naivität, aber ich finde, Naivität kann auch sehr
sympathisch sein.
Stay alive and rock on,
Harvey
(8.8.02)
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