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King Crimson: Thrak
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(1995, 56:39)
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Das Comeback des Jahres!
King Crimson mark IV melden sich und das ganz
schön heftig.
Diese Platte ist verstörend, rockend, nervenaufreibend,
schön.
Mit das progressivste, was das stockkonservative
Genre Prog Rock in den 90ern zu bieten hatte.
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Mein Weg zu King Crimson
war lang und steinig. Fast wie eine anstrengende Selbstfindung,
nur dass ich heute trotz KC noch genauso planlos durch
die Gegend renne.
Wenn man grundsätzlich
an Prog Rock interessiert ist, muss man unweigerlich irgendwann
auf KC stoßen. Es gibt Links zu so vielen anderen
Gruppen, als bekanntere seien mal ELP und Asia
genannt. Bei mir gestaltete sich das so, dass mein experimentierfreudiger
Kumpel sich irgendwann eine oder mehrere Platten von denen
zulegte und ich da auch mal reinhört. Wir beide verwarfen
das Interesse an der Gruppe ziemlich schnell wieder. Denn:
so einen vertrackten Kram konnte man sich ja nicht anhören!
Zwei bis drei Jahre später
hatte ich einige der Connections zu KC entdeckt und
wurde langsam wieder neugierig. Da sagte mir der Hank, dass
er die legendäre erste Scheibe In the court of the
crimson king hätte. Hank legte immer viel Wert aufs
Image und da er als grosser Musikexperte gelten wollte, kaufte
er sich alle möglichen Sachen, nur weil sie irgendwo
gerühmt wurden oder ein "Jahrhundertalbum"
sein sollten.
Da hatte er Lamb bei sich rumstehen und meint, das
wär langweilig. Oder die hier bereits angepriesene Thieving
magpie von Marillion und
fand sie schlecht. Dazu hatte Hank dermaßen viele Compilations,
wie ich sonst noch nie bei jemandem gesehen habe. Aber um
den Experten raushängen zu lassen, ist das natürlich
ideal.
Kommt dann jedoch mal der Harvey vorbei und will z.B. die
Hawkwind Comp hören, heißt es "ach,
die ist scheisse". Na gut, aber er hat sogar Ramones
Mania - "die höre ich fast nie". Deep
Purple best of? So dick Staub drauf, dass man Fingerkrätze
kriegt. Staring at the sea von Cure?
Schon biologisch abgebaut. Selbst die Del
Amitri Singles collection findet er langweilig!
So ist der Hank.
Ok, aber er lieh mir die
KC CD aus und ich fand sie richtig gut. Das Teil war
1969 'ne Art Hippie-Renner, wobei die ziemlich soft drauf
gewesen sein müssen, denn zum rocken taugt das überhaupt
nicht. Dafür ist es aber sehr (be)-ruhige(nde)r Prog
Rock wie man ihn auch als Fan der alten Genesis
gut finden würde. Fand ich also gut.
Das Interesse war entflammt und der Erwin nahm mir Three
of a perfect pair auf. Das war nun eine ganz andere Angelegenheit,
denn außer dem einzigen Dauermitglied Robert Fripp
waren hier komplett andere Leute dabei als bei Court.
War auch aus den 80ern. Auf dieser sind einige sehr schwer
verdauliche Stücke, aber auch ein paar melodischere.
Den Gesang von Adrian Belew mochte ich und langsam
begann sich auch bei mir ein Gehör für geile Bässe
zu entwickeln. Trotzdem sackte das Teil nur schwer.
Dann kam Thrak raus
und ich konnte die Scheibe einmal hören und fand sie
nicht ganz verkehrt. KC sollten auf Tour kommen und
ich willigte spontan ein, mit hinzugehen, obwohl die Karten
gar nichtmal billig waren. Dann war ich in irgendeinem versifften
Schuppen beim Konzert und hörte die großen KC
endlich.
Doch es waren nicht KC die spielten, sondern vorerst
lief nur die Dosenbeschallung. Es sollte eine Punkcombo spielen.
Und zufällig hatte irgend jemand vorher "zum warm
werden" Thrak reingeworfen. Komische Kiste, da
habe ich Thrak auf einem Punkkonzert gehört und
am nächsten Tag ging ich in die Stadt und besorgte mir
die CD. Zum Teil allerdings auch, weil Konzerte immer mehr
Spass machen, wenn man die neuen Lieder der Band kennt.
Jedenfalls fand ich diese
CD ausgesprochen gut und bis heute bin ich der Meinung, dass
es die beste seit 1974 ist.
Das Konzert war dann auch ganz gut, wobei ich allerdings nicht
so der Fan von endlosen Improvisationen mit wilden Soundscapes
und Gitarreneffekten bin. Wahrscheinlich bin ich zu wenig
ausgebildet im Bereich Musik, so dass ich die Klasse dieser
Endlosimpros nicht erkenne.
Die haben sogar eine ganze CD nur mit solchem abgedrehten
Livezeug vollgemacht (Thrakattak). Wer mal Besuch hat
und den garantiert vergraulen will, sollte diese CD besonders
laut anmachen. Das kommt besser als heftigster Trashmetal!
Weil bei Trashmetal, da kann man vielleicht irgendwie auf
Durchzug stellen und an was anderes denken. Aber bei Thrakattak,
da graben sich die Sounds in die Nervenbahnen und bohren und
sägen dort bis der Arzt kommt.
Aber dennoch, es war ein echtes Erlebnis, die alten und ehrwürdigen
Herren, diese Genies an ihren Instrumenten zu sehen. Wobei
die natürlich noch gar nicht so alt sind, verglichen
etwa mit den Stones. Und Trey Gunn erst recht
nicht, der ist der jüngste im Club.
Was nun Thrak so grandios
macht, ist zum einen der moderne, recht harte Sound. Wenn
man an die spartanischen, steril produzierten 80er Platten
denkt, ist hier irgendwie die Jugend zurückgekehrt.
Das liegt natürlich auch an der Doppeltrio-Formation
(die leider, leider nicht mehr existiert): einmal Drums, einmal
electronic drums. Zwei Gitarren, Bass und dazu noch die Warr
Guitar, welche ein extrem abgefahrenes Mittelding zwischen
Gitarre und Bass ist. Ich habe ja von sowas keine Ahnung,
aber die sah wild aus, hatte sehr viele Seiten und Trey
Gunn hat sie gespielt, indem er mit beiden Händen
auf dem Griffbrett hantierte.
Also: die Band klingt erstmal wie neugeboren. Dazu kommt ein
guter Mix aus Instrumentalsongs unterschiedlicher Schwierigkeit
und Liedern mit Gesang von unterschiedlicher Melodiösität.
Schwierigkeit bedeutet hier:
einige der Stücke klingen beim ersten Hören nicht
wirklich wie Musik. Vertrackte Strukturen und ein Sperrfeuer
von Instrumenten machen den Zugang nicht leicht. Inzwischen
bin ich ja lange eng befreundet mit der Musik und dennoch
programmiere ich des öfteren die beiden Doubles BBoom/THRAK
und VROOM VROOM/Coda weg, z.B. wenn ich noch Sachen
nebenbei machen will, die ein wenig Aufmerksamkeit verlangen.
Das bedeutet aber nicht, dass die Songs schlecht sind. In
der richtigen Stimmung sind sie sehr gut. Man erkennt vielleicht
nicht genau, was die Musiker wollten, aber das Ergebnis ist
dann doch eindeutig Musik.
Was die melodischeren Songs mit Gesang angeht, so brät
Dinosaur ganz gut rein und klingt so gar nicht wie
KC. Walking on air, People und One time
dagegen werden vom unglaublich groovigen Bass getragen und
ersteres und letzteres strahlen Entspannung aus. Phantastische
Songs, wobei ich People sogar am besten finde, da es
etwas rockiger und abgefahrener ist.
Die ganze Sache ist schon
fast ein Konzeptalbum, denn die Songs gehen ineinander über
und Themen werden wieder aufgegriffen. Von daher ist es echter
Frevel da Stücke rauszuprogrammieren. Aber ich kann mir
die anderen Songs auch nicht immer so lange aufsparen, bis
ich mal wieder alles hören will.
Es lohnt sich aber durchaus, die CD vom Anfang bis zum Ende
durchzuhören. Dazu könnte man die Lichter dimmen
und Kopfhörer aufsetzen und einfach nur zuhören.
Macht das einer?
Nur Musik hören, so als würde man einen Film sehen.
Tue ich selbst viel zu selten. Bei Thrak wird einem
in solchen Fällen eine Entdeckungsreise durch die sagenhafte
Welt der verrückten Instrumentengeräusche und -melodien
geboten.
Man sollte übrigens Adrian Belews Anteil bei der
Sache nicht unterschätzen. Ich habe eine Soloplatte von
ihm, die extrem verrückte Instrumentalmusik bietet, für
mich unhörbar. Damit will ich sagen: nur weil er nicht
singt, heisst das nicht, dass er keinen Anteil an den komplizierteren
Instrumentalstücken hat.
Schade nur, dass dieses ultimative
Comback weitgehend unbemerkt geblieben ist. Das hängt
aber sicher auch mit Robert Fripps starrer Anti-Business
und Anti-Medien Haltung zusammen. Er gilt als kompliziert.
Wahrscheinlich ist er aber bloß ein liebenswerter, genialer
Freak.
Stay alive and rock on,
Harvey
(22.8.02)
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