harveys hitlist: ein Leben auf dem Plattenteller hitlist - ein leben auf dem plattenteller
Hitlist
 




Elastica: Elastica
(1995, 40:29)


Elastica: Elastica
 

Jetzt wird's richtig modern britisch:
Ich würde das hier Britpop nennen, aber der Begriff ist ja schon vergeben.

Also Britgitarren. Klingt zwar scheisse, aber Rock wäre auch nicht so ganz angemessen.

Auf jeden Fall gibt's hier jede Menge Gitarren mit tonnenweise Melodien und deutlichem Punk-Appeal. Aber für Punk ist es dann doch nicht schnell genug oder zu rund oder zu gut produziert. Wahlweise - nicht alles auf einmal.
Denn manche Songs klingen nach Kellerdemo (Blue, Vaseline), andere sind gar nicht rund sondern eher sperrig und seltsam (Hold me now, Indian song) und wieder andere fetzen in eineinhalb Minuten mal so eben runter (Annie, Smile).

Also von allem etwas und das ist auch das Schöne an der Sache. Es wird NICHT ein Song 16mal gespielt, sondern alle haben etwas Eigenes, wenn sich auch insgesamt der Stil flotter, poppiger Gitarrenmusik durchsetzt.

Und dazu netter Frauengesang. Ja, die Hitlist 95 hat dann endlich auch musizierende Frauen zu ihrem Recht kommen lassen und hier sogar welche davon als Oberhit des Jahres!
Bandleaderin Justine Frischmann war mal ganz kurz bei Suede aktiv, bevor die richtig loslegten, und ein Song wurde auch mit einem von denen zusammen geschrieben. Suede sind denn als Vergleich auch nicht so ganz weit weg von dieser Mucke hier, wobei die Vocals eben nicht weinerlich, dann schon eher selbstbewusst (aber nicht immer) klingen. Ausserdem haben die Songs etwas mehr Tempo als bei Suede und natürlich fehlt auch deren typischer Gitarrensound. Na und der Bass grollt und wummert auch meistens wie in dunklen Grotten. Manchmal gibt's dabei auch noch so'ne Art New Wave Keyboard. Insgesamt eine eigene und unverwechselbare Mischung.

Elastica waren auch recht erfolgreich mit ihrem Erstling: No. 1 in Britain! Und dann hätte man ganz gerne ein Jährchen oder so den Nachfolger gehabt und sie wären heute echt groß. Aber... nix. Es gab Personalwechsel und vermutlich auch andere Probleme, aber darüber war wenig zu erfahren. Erst 1999 erschien eine EP, die ich mir nicht superteuer beim Importeur bestellen wollte und deshalb bis heute nicht habe. Allerdings sagte mir ein Kumpel sie sei scheisse, also auch egal. Letztes oder vorletztes Jahr gab's dann mal 'ne neue Platte mit einem Video dazu, welches dermassen abschreckend war (weil ganz anders und auch nicht gut), dass ich dieses neue Release absichtlich völlig ignoriert habe.

Dieses ist aber eine sehr geile Platte, die gute Laune verbreitet, erfrischend spontan daherkommt und abwechslungsreich ist. Das reicht natürlich noch nicht ganz für den ersten Platz 1995. Was ist also das besondere für mich?
Nun, Elastica waren für mich eine Belohnung.
Ich kannte zwei oder drei der flotteren Songs (Stutter z.B.), unter anderem auch vom Einzugstape des Hank (dazu siehe Platz 1 in der Hitlist Rockin' stroll). Und ich hatte Prüfungen. Das war allerdings wieder schon 1996. Denn 95 war ich im Sommer fein im Urlaub.
96 aber musste ich lernen, monatelang. So viel, dass ich fast bekloppt wurde und auch soviel, dass ich dachte, so einen Scheiss will ich nie, nie wieder! Na, ich Depp hab's aber so eingerichtet, dass ich doch nochmal so lernen musste.
Ich saß also über den Büchern und drehte langsam ab. Dann hatte ich die erste Prüfung und die war sogleich die gefürchtetste von allen. Und sie lief ganz gut! Riesenfreude, und sofort hinterher ab in den CD-Laden. Das mache ich schon seit langem so, dass ich mir nach solchen Leistungen was gönne. Nicht übermässig, aber eine CD als Selbstbelohung ist was schönes. Damals habe ich allerdings auch noch nicht so viele CDs gekauft, heute muss es da schon eine ganze CD-Box sein.
An jenem Mittag nach der Prüfung stöberte ich völlig ohne besonderen Plan im CD-Laden rum und sah die Elastica und kaufte sie mir. Legte sie zuhause rein, fand sie ganz nett.
Dann legte ich sie wieder rein und wieder und wieder und sie wurde immer netter. Ich musste natürlich immer noch lernen und nebenbei (sofern nicht zuviel Konzentration erforderlich war) oder zwischendurch erklang immer wieder Elastica.
Die Scheibe wuchs immer weiter, testete das Boxenvolumen und ermutigte mich zum Weitermachen. Mein Lieblingslied war und ist Waking up, vor allem weil es so melodisch ist und solch einen prägnanten Bass hat. Der Text ist auch ganz lustig, auch wenn er nicht auf mich zutrifft, denn ich war sehr fleissig: "I'd work very hard but I'm lazy I can't take the pressure and it's starting to show, I'll get me a guitar and a lover who pays me if I can't be a star I won't get out of bed". Zweiter Favorit schon wieder keines von den Poppunkliedern, sondern Never here, das längste Stück!

Eine Prüfung war denn noch richtig beschissen, aber insgesamt war's ok. Ich verbinde also mit Elastica diese wilde Lernerei und den versauten Sommer den ich dadurch hatte, aber weil gerade diese Musik mich aufgeheitert hat, höre ich sie immer noch gerne. Ich war wohl insgesamt auch noch ganz guter Dinge, auch wenn mein damaliges Mixtape "Fuckin 1996" heisst.
Ich habe nämlich normalerweise jeden Sommer ein Urlaubstape (später -CD) aufgenommen und 96 war kein Urlaub, also ein Tape nur so. Elastica haben trotzdem in gewisser Weise den Sommer gerettet. Das war beim nächsten mistigen Lernen dann nicht mehr ganz so entspannt alles.
Als ich 'n paar Jahre später nämlich nochmal ran musste, war mein Lernhit eine Splitsingle von Good Riddance und Ignite, auf der beide Band wirklich extrem Gas geben und ihren Unmut rausschreien.

Also: Musik und Stimmung müssen passen. Aber das ist nicht neu. Wähle Schnulzen wenn du verliebt bist, wähle traurige Sachen wenn du deprimiert bist, wähle Krach wenn du wütend bist. So läufts ja wohl und weniger andersrum: zu viel Cure gehört und Selbstmord begangen oder zuviel Slipknot und Amok gelaufen. Nee, nee, die Musik ist nicht Schuld. Aber gut, ich räume ein, dass sie Einfluss hat und bei labilen Menschen mag der größer sein als es gut ist.

Elastica haben jedenfalls Einfluss gehabt und zwar einen guten. Mit ihrem Spitzendebut haben sie den Sommer gerettet. Wer also auch mal wie bescheuert lernen muss, könnte durchaus versuchen, sich ebenfalls von Elastica retten zu lassen. Denn auch anno 2002 haben ihre Songs nichts an Frische verloren.

Hitlist 1995 ist damit beendet. Was nächste Woche kommt, weiss ich momentan wirklich noch nicht. Das liegt auch daran, dass meine Tonträger-Liste schon seit längerem mal wieder aktualisiert werden müsste. Das ist immer ein Berg Arbeit, den ganzen neu erworbenenen Krempel dort einzutragen. Aber bevor das nicht getan ist, kann ich natürlich keine Hitlist zusammen stellen. Denn als erste Orientierung, welche Platten überhaupt in welchem Jahr erschienen sind, brauche ich die Liste. Da bringt es nix, am CD-Regal mal was rauszuziehen, so genau weiss ich nämlich nicht, von wann die schönen Platten denn sind.
Aber ich werde es natürlich schaffen, bis nächste Woche alle Listen zu vervollständigen und mir ein neues Jahr für die nächste Hitlist auszudenken! Bis dahin,


Stay alive and rock on,
Harvey
(29.8.02)

Kommentar abgeben


Elastica

(England)
Gegründet 1992
Erste VÖ 1993 "Stutter" Single

Besetzung 1995:
Justine Frischmann: voc, guit
Donna Matthews: voc, guit
Annie Holland: b
Justin Welch: dr


Link
Vaseline

Anspieltipp:

Für Statistik-Freaks:
Statistik die; -, -en:
1. (ohne Plural) wissenschaftliche Methode zur zahlenmäßigen Erfassung, Untersuchung u. Darstellung von Massen- erscheinungen.
2. [schriftlich] dar-
gestelltes Ergebnis einer Untersuchung nach der statistischen Methode.
3. Auswertung einer großen Zahl physika-
lischer Größen zur Bestimmung von physikalischen Gesetzen.
Statistik:
^