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Jethro Tull: Catfish rising
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(1991, 60:24)
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Jetzt haben wir sie bald alle beisammen, die
Altrocker, die einfach nicht aufgeben wollen!
Blues - Prog - Folk - Electronic Pop - Heavy
Folk Pop - Guitar Roots Rock
So würde ich die Stationen von Jethro Tull
in ihrer langen Karriere beschreiben.
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Nicht alle Platten waren
gut. Zusätzlich gab es zwischendurch Solo- und Akustikausflüge.
Wahrscheinlich würden die meisten Tull-Fans diese
CD nicht als eine der ganz besonderen der Gruppe einstufen.
Das sehe ich etwas anders, sonst wäre sie wohl auch nicht
ganz oben in der Hitlist 1991.
Catfish rising unterscheidet sich von Rock island
(Vorgänger) und Roots to branches (Nachfolger).
Es gibt weder nervende Keyboards (wie bei letzterer) noch
einen hochpolierten Stadion-Sound (wie bei erster).
Catfish klingt sehr bodenständig, ist "rough"
produziert, als sei die Band kurz ins Studio gelaufen, hätte
eben mal so die Lieder runtergespielt und wäre dann wieder
gegangen. Das gefällt mir.
Weiterhin ist hier ein deutlich angehobener Akustikfaktor
zu erkennen und die E-Gitarre - die durchaus wichtig ist -
gibt sich nicht so kreischend, hardrock-mässig, sondern
songdienlich und melodisch. Der Bass ist auch gut dabei, dazu
viel Querflöte und Mandoline.
Als Catfish neu war,
drängte sich mir der Vergleich zu Aqualung auf.
Aqualung wirkt zwischen Benefit und Thick
as a brick auch etwas deplatziert, kommt ein wenig akustischer
daher, ist allerdings zusätzlich ein Konzeptalbum. Dieses
ist Catfish nicht, man muss aber sagen, dass hier 13
Songs ausgewählt wurden, die sich nicht gegenseitig ins
Gehege kommen. Soll heissen: man darf sicher sein, dass keine
Überraschungen passieren.
Zwei Songs gibt es aber dennoch,
die ein wenig auffallen und dies sind gerade meine Lieblinsstücke:
Doctor to my disease und White innocence. Ersteres
ist für Tull-Verhältnisse extrem flott, schnörkellos
und poppig, groovt aber auch ganz gut dabei. Ein schneller
Abrocker eben.
White innocence genau das Gegenteil: ruhig bis nachdenklich,
sich Zeit lassend und mit Blues-Einflüssen wird hier
sehr eindrucksvoll eine sommerliche Begegnung zwischen unterschiedlichen
Altersklassen aus Ian Andersons (also der alten) Perspektive
geschildert. Erscheint mir sehr nachvollziehbar und erzeugt
eine wunderbar wehmütige und gleichzeitig relaxte Atmosphäre.
Für sich genommen ist
jedes Stück dieser CD ein kleines Juwel. Einziger Schwachpunkt
vielleicht Sleeping with the dog, ansonsten sind es
schon fast zu viele Perlen, so dass man sich nur schwerlich
entscheiden könnte, wenn man müsste.
Wer schon mal unter dem Menupunkt
Harvey die Kurzbiographie
gelesen hat, wird sich erinnern, dass Jethro Tull auch
mein allererstes Livekonzert waren: und zwar auf der Rock
island Tour.
Ich berichte mal, wie es dazu kam:
Ich hatte ein paar CDs und
Kassetten, aber keine Gruppe war besonders stark vertreten.
Zwei Platten von Jethro Tull hatte ich mir von meinem
musikinteressierten Freund (dem ich in dieser Hinsicht sehr
viel verdanke) aufgenommen: Stormwatch und Broadsword
and the beast.
Ich liebte sie beide wegen des mittelalterlichen Feelings.
Dann erwähnte der Freund, dass Tull demnächst
auf Tour kämen und eine neue Platte raus hätten.
Ich sagte mehr so ohne große Überlegung "könnten
wir ja hingehen". Er managte dann alles weitere.
Das Konzert fand etwa zwei
Autostunden von uns statt und wir waren noch minderjährig,
wußten also nicht wie dahin kommen. Doch das Problem
wurde gelöst, indem Fichtes Vater uns hinbrachte.
Merkwürdig. Wir hatten nicht sehr viel mit Fichte zu
tun. Wir fanden ihn nicht scheiße, aber wir hatten jeder
noch nie privat etwas mit ihm unternommen und dass er Tull
gut fand, war uns auch neu. Er hatte zufällig mitbekommen,
dass wir dahin wollten und sich eingeklinkt. Vielleicht suchte
er auch Freunde, denn mir schien, richtige hatte er nicht.
Aber vielleicht war er auch etwas komisch drauf? Ich habe
ihn auch später nie richtig kennen gelernt.
Sein Vater brachte uns hin und auf der Fahrt hörte ich
zum ersten Mal die aktuelle Platte Rock island. War
etwas anders als die beiden (s.o.) anderen. Nunja.
Das Konzert war bestuhlt! Nicht dass ich etwas anderes erwartet
hatte, ich hatte über sowas nicht nachgedacht. Wir hatten
aber einen guten Platz und waren mit die Jüngsten im
Publikum. Störte uns aber nicht. Soweit ich mich erinnere,
legten Tull ein gutes Konzert hin. Am Ende gingen die
Zuschauer sogar soweit mit, dass wir aufstanden und einige
nach vorne liefen, an die Bühne. Wow!
Welche Songs genau gespielt wurden weiss ich nicht mehr -
ich kannte nämlich auch keinen einzigen! Tja, wurde leider
nichts von Stormwatch oder Broadsword gespielt.
Damit hatte ich nämlich gerechnet (nicht wissend, wie
diese beiden Platten in der Bandgeschichte einzuordnen waren,
bzw. seit wann es die Gruppe überhaupt gab).
Mein Kumpel und Fichte fanden es aber auch gut und wir erzählten
sogar am nächsten Tag davon in der Schule! Irre, man
widmete einer Unternehmung von mir die Aufmerksamkeit! Obwohl
ich nicht sehr viel sagte, die anderen beiden erledigten das
mit dem Erzählen. Trotzdem war es ein heldenmässiges
Gefühl. Irgendwie waren wir cooler als die anderen!
Nach dem Konzert kauften wir uns Anstecker mit dem Motiv der
Rock island Platte. Wir trugen ihn an unseren Jeansjacken
und wenn jemand fragte sagten wir, das sei das Abzeichen der
Deutschen Querflötenvereinigung, weil eine Querflöte
zu sehen war. Nachdem die Story (nicht von mir) erfunden war,
pflegte ich dieselbe Geschichte noch Jahre lang zu erzählen.
Allerdings glaubte uns kaum einer, wenn auch immer eine Unsicherheit
bestand, dies offen zu sagen. Die Leute fanden wohl die Geschichte
nicht in bezug auf den Anstecker unglaubwürdig, sondern
konnten sich eher nicht vorstellen, dass wir solch ein Instrument
spielten.
Verständlich. Wir haben nämlich bis zum heutigen
Tage beide (der Kumpel und ich) nicht EIN Instrument gelernt,
obwohl ich wenigstens einige Versuche startete.
Irgendwann mit 18 schlug
ich mal vor, eine Band zu gründen. Er, Tino und Jens
und ich sollten uns alle Instrumente kaufen und wild üben
und dann könnten wir zusammen spielen. Eigentlich ein
guter Vorschlag meine ich noch heute. Ich habe sogar von Bands
gelesen, die das so gemacht haben und bei denen es geklappt
hat.
Macht ja auch mehr Spaß zu mehreren zu lernen. Allerdings
haben diese erfolgreichen Leute meistens Punk gespielt und
vermutlich muss es mit der Methode auch dabei bleiben.
Wir waren aber Fans "anspruchsvoller" Rockmusik.
Was das bedeuten soll? Nun,
musikalisch war sie sicherlich anspruchsvoller als Punk, wobei
ein klassisch interessierter Mensch nun wieder einwenden würde,
daß sich die Begriffe anspruchsvoll und Rockmusik gegenseitig
ausschließen.
Für uns war sie auch insofern anspruchsvoll, als wir
uns von den anderen abhoben. Also wieder wie beim Punk? Im
Prinzip schon, nur dass es bei uns keine Punks gab, da schon
eher Heavies. Und die waren uns zu doof. Also hörten
wir Musik, die handwerklich gut gemacht war, im Gegensatz
zum Discomumpitz der so lief. Und so fühlten wir uns
anspruchsvoller als andere, ganz so als wenn eine höhere
Intelligenz zum Hören dieser Musik nötig gewesen
wäre.
Und wenn wir in guter Stimmung waren und reichlich getrunken
hatten, dann tanzten wir auch zum letzten Discoscheiss wild
ab. Die verklemmte Atmosphäre des Bildungsbürgertums
würde man vielleicht sagen?
Heute tanze ich nicht mehr bei Discoschrott, egal wie ich
besoffen ich bin. Was nicht heißt, dass ich nicht aus
mir herausgehen könnte. Kürzlich erst legte ein
korrekter DJ California über alles rein und da
stürzte ich mich natürlich in die wogenden und pogenden
Massen, klar.
Auch wenn das kein "anspruchsvolles" Lied war. Eh
eine blöde Bezeichnung. Musik sollte vor allem Emotionen
ansprechen und nicht den Intellekt. Sicher gibt es auch gute
Musik, die eine musikalische Vor-Bildung erfordert, doch diese
musikalische Bildung sollte eher etwas wie Erfahrung sein
und kein hochgestochener Scheiss, der schwierig ist oder aufwändige
Denkarbeit erfordert.
Auch was Menschen angeht,
finde ich Persönlichkeiten am interessantesten, die verständlich
bleiben und keinen abgehobenen Kram erzählen, den nur
Spezialisten verstehen.
Ian Anderson ist so ein Mann, der es zudem versteht
unterhaltsame, manchmal auch nachdenkliche, oft witzige und
humorvolle Texte zu schreiben. So wirkt er auch auf Konzerten
sympathisch und "normal". Deswegen würde ich
auch jedem empfehlen sich JT, sofern die Gelegenheit
besteht, live on stage anzusehen. Trotz Bestuhlung, hoher
Eintrittspreise und schlechter werdender Stimme des Meisters.
Man wird dieses Liveerlebnis lange in Erinnerung behalten
und möglicherweise gibt es Tull nicht mehr lange
- jede Tour könnte die letzte Gelegenheit sein!
Stay alive and rock on,
Harvey
(13.6.02)
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