|
L7: Bricks are heavy
|
|
(1992, 37:48)
|
|
|
|
So ihr Rocker dort draussen, jetzt stelle ich
euch eine Gewissensfrage:
Wieviele von euch nennen die neuste CD von L7
ihr eigen?
Hmm - ihr wusstet gar nicht, dass die noch existieren?
|
|
L7 teilen wohl das
Schicksal vieler anderer Bands, irgendwann mal eine recht
bekannte und sehr gelungene Scheibe aufgenommen zu haben und
vorher und hinterher nur in Insiderkreisen bekannt zu sein.
Diese gelungene Scheibe ist in diesem Fall Bricks are heavy,
und ich denke, nicht nur die Punks unter euch werden sie auch
zuhause stehen haben.
Ich kenne eine ganze Menge Leute, die diese CD besitzen und
natürlich sonst nichts weiter von L7. Logischerweise
staubt bei den meisten auch dieses Teil an. "Früher
fand ich die mal gut" oder "hab' ich mir wegen des
Hits gekauft" höre ich dann öfter. Klar, hier
ist mit Pretend we're dead ein Indie-Dancefloor-Knaller
aus der damaligen Zeit drauf, den die jungen Kids von heute
wohl nicht mehr kennen. Ich glaube, ich habe mir ebenfalls
wegen dieses Songs die CD gekauft. So ganz sicher bin ich
aber nicht mehr.
Ich weiss wohl noch, dass einige weibliche Bekannte die Platte
auch sehr gut fanden und mir vorspielten. Aber hat mich das
bei meiner Kaufentscheidung beeinflusst? Seltsam, dass ich
so wenig Erinnerungen an meine genauen Beweggründe habe.
Bei den richtig tollen Platten weiss ich doch sonst oft sogar
noch den Laden, in dem ich sie erwarb. Aber hier: nix.
Jedenfalls war sie noch recht neu und gefiel mir auf Anhieb.
Und daran änderte sich auch bis heute nichts. Also für
mich keine dieser CDs, die nur eine Halbwertszeit von wenigen
Monaten haben.
Was ist das Tolle daran? Zunächst mal der eigene Stil.
Wir haben es hier prinzipiell mit Punkrock zu tun. Einflüsse
bekannter Grössen des Genres sind zu hören und dennoch:
es wird nicht wirklich losgeprügelt und rumgeschrien.
Ok, muss ja auch nicht - die Ramones
haben das auch nicht wirklich getan. Aber für mich haben
die sich von der Spieldauer her zwischen 2:40min und 4:21min
bewegenden Songs dieser CD auch ein wenig das Flair von poppigem
Stadionhardrock.
Aber natürlich nur ein wenig. Das äussert sich in
der Eingängigkeit (der "Hit" stellt da keine
Ausnahme dar), der manchmal sehr unpunkigen sleazerockigen
Gitarren und der schönen Refrains. Das nenne ich dann
den eigenen Stil.
Dass hier Frauen am Werk sind, fällt nicht weiter auf,
ausser natürlich beim Gesang, der immer die richtige
Mischung aus "Süße" und Wut findet. Unter
den elf Stücken der CD gibt es keinen einzigen Ausfall,
jedes beliebige taugt, um an einem netten, partymässigen
Abend gespielt zu werden oder z.B. auch zum Hören während
des Autofahrens. Macht gute Laune und rockt!
Warum sind L7 also nie wirklich bekannt geworden und
was ist mit ihren anderen Platten?
Nun, ich habe es natürlich nicht dabei belassen, eine
gute CD dieser Gruppe zu besitzen und legte mir noch die beiden
Vorgänger und den Nachfolger zu. Ihre erste Scheibe ist
eher ein besseres Demo, die spätere Klasse der Songs
wird nur angedeutet.
Smell the magic hingegen ist richtig geil, ein würdiger
Vorgänger zu dieser hier, der lediglich in Punkto Spielzeit
und Poppigkeit der Songs etwas hinterher hinkt.
Beim vierten Werk wird's dann etwas vertrackter, der Wiedererkennungswert
der Songs geht verloren. Für mich wirkt das unausgereift,
vielleicht auch überhastet. Hier habe ich mich dann aus
der weiteren Entwicklung ausgeklinkt. Ich hörte noch
mal in die nächste CD rein und es regierten grollende
Songmonstren gegenüber den von mir bevorzugten runden
Punkpop-Perlen. Also verlor ich das Interesse.
Woran ich jedoch nie das Interesse verlor, war diese Gruppe
mal live zu sehen. Ist mir aber nicht gelungen. Eine von diesen
Bands, die anscheinend nicht so gerne in Europa tourt, denn
sie hatten bei den zwei, drei Gelegenheiten, zu denen sie
mal nach Deutschland kamen (ab 1992)
immer lediglich vier oder fünf Termine auf der Liste
und alles weit ab von meinem Wohnort.
Schade, denn wie mir ein Punk mal sagte, wären die live
echt der Hammer. Natürlich einmal wegen der Songs und
der rauen Wildheit, mit der sie diese präsentierten,
aber natürlich auch wegen des optischen Eindrucks. Das
kann ich mir sehr gut vorstellen, denn für Frauen in
Lederjacken mit zerrissenen Jeans habe ich auch was übrig.
Wobei diese hier sicher ein bisschen zu durchgedreht sind
und sich (mit Absicht) sehr stark in dem "wir sind verrückte
Rockschlampen"-Image bewegen. Aber dennoch wären
die mal nett anzusehen.
Ich habe überhaupt noch nie eine reine Frauenband live
gesehen. Das weibliche Geschlecht ist ja schon als Mitglied
in Bands eine Seltenheit und dann kann man mit 75% Chance
wetten, dass die jeweilige Frau Bass spielt. Muss wohl dem
Naturell eher entsprechen, oder wie soll man das erklären?
Haben sie sich aber auch die meiner Meinung nach coolste Bandposition
ausgesucht. Die Bassistin gibt ja nicht nur den Rhythmus vor,
nein sie kann sich das Instrument auch bis auf die Knie hängen
und dann souverän und lässig zupfen. Wenn ich da
an die Bassistin von White Zombie oder etwa Melissa
auf der Maur oder Patricia Morrison denke: das
macht schon was her!
Ausser der eindeutig besseren Songs mag es noch einen weiteren
Grund geben, der diese CD hier weit erfolgreicher als alle
anderen von L7 gemacht hat. Das ist der Produzent,
welcher den Namen Butch Vig trägt.
Aha! Wir erinnern uns an den Pop-Appeal von Nevermind,
wir erinnern uns an den netten Gitarrensound von Garbage!
Ich persönlich erinnere mich denn auch noch gleich, wie
scheisse ich Shirley Manson finde. Den alten Schminkkasten
muss ich mir in letzter Zeit nämlich dauernd angucken,
weil Butch und sie und noch ein paar Müllmänner
ja wieder ein neues Werk zusammengebastelt haben, das nun
promoted wird bis auch noch der letzte Volksmusikfreund es
mitbekommen hat.
Aber lassen wir das. Was Bricks are heavy angeht, hat
Mr. Vig jedenfalls gekonnt die richtigen Ecken abgeschliffen
und einen klasse Sound abgeliefert. Tolles Teil!
Stay alive and rock on,
Harvey
(31.1.02)
|