harveys hitlist: ein Leben auf dem Plattenteller hitlist - ein leben auf dem plattenteller
Hitlist
 




Pearl Jam: Ten
(1992, 67:29)


Pearl Jam: Ten
 
Hier brauche ich wohl nichts weiter zur Musik zu sagen.

Für mich bis heute die beste Scheibe von Pearl Jam, obwohl ich mehrere von den anderen auch ziemlich gut finde.

Aber hier war ihr Sound noch neu, einige der Stücke etwas grooviger und wie immer habe ich zu dieser CD auch eine besondere Verbindung.

Zappen wir mal zurück: Anfang der 90er. Pearl Jam haben ihren Erstling gerade veröffentlicht und sind bei Freunden des Alternativrock schon der Renner. Meine Schwester fährt auf Eddie Vedder ab. Im Lindi läuft andauernd Alive. In den Musikzeitschriften taucht immer öfter das Wort "Grunge" und der Ort Seattle auf.

Aber Harvey kratzt das alles nicht. Nö, er kann mit dieser Musik nichts anfangen. Die Schwester dudelt es den ganzen Tag, sei's nun Ten oder auch Badmotorfinger, Nevermind und den Soundtrack von Singles. Die Wand ist plakatiert mit Eddie, sie trägt ein Soundgarden-Shirt, Docs, schwarze enge Jeans und viele verschiedene Ohrringe. Harvey hört es sich alles an, aber nichts kommt durch.
- Wirklich nichts?

Nun, da steht doch diese Maxi-CD von Smells like teen spirit bei ihm im Regal und demnächst wird er sich Singles auf Tape ziehen. Dann leiht er sich Temple Of The Dog aus. Irgendetwas ist da im Gange...

Es brauchte seine Zeit. Der Indie-Kram hat mich das ganze Jahr 1992 über von allen Seiten bearbeitet und durchbrach so nach und nach diese durch Vorurteile und die Abwehr von Neuem aufgebaute Schutzschicht. Bisher war meine Welt der melodische Rock gewesen, gewürzt mit eingängigem Gitarrenpop und seit einiger Zeit gelegentlich von wütendem (oder einfach nur schlechtem) Heavy Metal vertrieben. Wenn man jung ist und rebellieren möchte, erfüllen jedoch melodischer Speedmetal und melodischer Punkrock nahezu dieselben Funktionen. (Wer weiss, von wem ich diesen Satz geklaut habe, gewinnt einen Blumentopf.) So war der Weg bis zu Nirvana nicht so sehr weit und folgerichtig standen sie auch zuerst im CD-Regal. Bad Religion entdeckte ich auch um diese Zeit, die Ramones sogar schon etwas früher. Bei dem ganzen Grunge-Zeug hat es dann noch etwas länger gedauert.

Ich brachte meiner Schwester damals die Outshined-Maxi-CD aus einer grösseren Stadt für DM 5.- mit. Es gab sogar mehr als ein Exemplar, ich wollte aber keines. Später habe ich dann lange danach gesucht (neben zwei ebenfalls guten B-Seiten ist hier nämlich noch ein geniales Sabbath-Cover drauf: Into the void)!

Der Sommer kam und ich besuchte ein sehr schönes Festival, bei dem mir hauptsächlich Bad Religion und Jingo de Lunch gefielen. Die Sisters hatten mich auch noch interessiert, waren aber (wie anscheinend immer) live scheisse.
Dann waren da noch fünf Freaks aus Seattle, die erst mal Basketball-Figuren auf ihren Verstärkern aufstellten und dann mit ihrer undefinierbaren Musik loslegten, woraufhin die Hälfte des Publikums völlig ausrastete! Das konnte ich wirklich nicht verstehen!

Ja Leute, ich habe PJ bereits 1992 live gesehen und wusste es nicht zu würdigen!! Es wurde tatsächlich 1993, bis ich etwas mit ihrer Musik anfangen konnte. Und das lag nicht an Vs, eine CD die zwar auch einen gewissen Erinnerungswert für mich besitzt, aber objektiv gesehen nur mittelprächtig ist. In den USA haben sie damit sogar einen grösseren Hit als mit Ten gelandet.
Doch für mich bietet Ten gerade die richtige Zusammenstellung aus Hits und ruhigeren Songs. Evenflow, Deep, Garden, Release und insbesondere Black haben es mir angetan. Ich habe diese Platte seit damals dutzende Male gehört und ebenso oft zu Alive getanzt. Wäre meine musikalische Sozialisation (wenn es denn eine Sozialisation war) früher, schneller und glatter gelaufen, so hätte ich den ganzen Seattle-Kram bestimmt wirklich verpasst, doch so bin ich auch ein Kind des Grunge-Booms. Und da konnte mich selbst die Volldröhnung auf dem Pink Pop-Festival vor einigen Jahren nicht eines besseren belehren.

In jenem schönen Sommer nämlich fuhr ich mit einigen Freunden zum Festival und auf der Hinfahrt hörten wir Ten. Prima.
Kaum begannen wir jedoch, auf dem Festivalgelände unser Zelt aufzuschlagen, da legte eine riesige Partyanlage zur allgemeinen Unterhaltung los und spielte Ten! Vom Anfang bis zum Ende. Naja, zweimal ist ja noch nicht so schlimm.
Aber... die hatten wohl nix anderes! Die nette CD wurde direkt noch einmal abgespielt und auch mitten in der Nacht, als wir angestrengt versuchten, an unseren Isomatten zu horchen, lauschten wir stattdessen dieser CD.
Das war schon eine heftige Dosis. Dennoch hat mir dies die Songs nicht verleidet. Ich lege sie noch immer gerne ein.
Und meine Schwester? Tja, nachdem der Bruder endlich bekehrt war, entschied sie sich mehr oder weniger spontan, dass dieser Holzfäller-Look doch nicht das Richtige ist und wurde zum Hardcore-Fan! Es soll sogar ein Video von Ignite geben, in dem sie Zoli sein Pils über den Kopf kippt (wer das hat, soll sich mal melden!). Aber das gehört inzwischen auch längst der Vergangenheit an.

So wie der grösste Teil der bekannteren Bands aus Seattle. Wie der Letzte Ritter hält jedoch Jack Endino noch immer die Fahne seiner Stadt und der zugehörigen Musik erhoben und Pearl Jam klammern sich zwar nicht gerade an denselben Fahnenmast, stoßen aber hin und wieder in eine der rumliegenden Trompeten, wacker Wind und Wetter trotzend.
Was für ein poetischer Schluss.


Stay alive and rock on,
Harvey
(7.2.02)

 



Pearl Jam
(USA)
Gegründet 1990
Erste VÖ 1991 "Ten"-CD

Besetzung 1991:
Dave Krusen: dr
Jeff Ament: b
Eddie Vedder: voc
Mike McCready: guit
Stone Gossard: guit

Link
Temple Of The Dog
Daughter
Merkinball
Yield
Live on two legs
Nothing as it seems
Lost dogs
Pearl jam

Anspieltipp:

Für Statistik-Freaks:
Statistik die; -, -en:
1. (ohne Plural) wissenschaftliche Methode zur zahlenmäßigen Erfassung, Untersuchung u. Darstellung von Massen- erscheinungen.
2. [schriftlich] dar-
gestelltes Ergebnis einer Untersuchung nach der statistischen Methode.
3. Auswertung einer großen Zahl physika-
lischer Größen zur Bestimmung von physikalischen Gesetzen.
Statistik: