harveys hitlist: ein Leben auf dem Plattenteller hitlist - ein leben auf dem plattenteller
Hitlist
 




Therapy?: Troublegum
(1994, 45:38)


Therapy?: Troublegum
 
Ein nettes Wortspiel:

Oft kaut man auf Problemen herum, wie auf Kaugummi.

Könnte man fast sagen, man kaue wieder Problemgummi.

Aber was für Probleme sind hier gemeint?

Bei dieser Therapy? CD geht es fast ausschliesslich um Probleme des Erwachsenwerdens. Das bedeutet jetzt nicht so Unsinn à la "Marienhof", sondern eher psychisch Aufwühlendes aus der Zeit der Pubertät bis zu den beginnenden 20ern.
Und dieses alles aus männlicher Perspektive, nämlich der von Andrew Cairns. Diesem ging es wohl in seiner Jugend gar nicht gut, so dass er sich von Knives gepeinigt fühlte, völlig neben sich stand, wenn er es mit dem weiblichen Geschlecht zu tun hatte (Trigger inside) oder auch sehr viel Isolation (Joy Division-Cover) verspürte. Ich vermute, Andrew war recht schüchtern, ein Aussenseiter ohne Selbstvertrauen, auf den die gutaussehenden Schnitten nur herablassend darniederlächelten.

Dies alles verarbeitet er textlich in Troublegum - inzwischen natürlich nicht mehr so schüchtern und auch mit einigen Jahren Abstand. Man könnte diese CD demnach fast als Konzeptalbum bezeichnen. Jedenfalls inhaltlich liegt ein Konzept zugrunde und dazu passt z.B. auch das witzige und zugleich beklemmende Outtro: ein kleines, auf der Akustikgitarre gespieltes Liebeslied.
Was die Musik angeht, so würde ich es mal Power-Indierock nennen, mit deutlichen Anleihen an Punk, Hardcore und Heavy Metal. Bei einem Song spielt Page Hamilton von Helmet mit und das passt.

Schon die ersten Sekunden der Musik sagen klar wo's hier die komplette Spielzeit über langgehen wird: kraftvolle Akkorde, Gesang der oft zu Geschrei wird und vor allem die geilen Drums, die die Energie des Punk haben aber den blechernen Sound von steriler Technik. Industrial-Einflüsse wurden Therapy? in der Anfangszeit oft nachgesagt. Damit waren sicher zum Teil diese Drums gemeint, allerdings auch Samples und verfremdeter Gesang. Die letzten beiden sind auf Troublegum kaum noch vertreten, eindeutig eine Rockplatte. Da wird mir sogar Hank Recht geben!

Es ging ja denn auch ganz gut aufwärts mit dieser Scheibe und der Gruppe wurde manchmal kommerzieller Ausverkauf vorgeworfen. Klar, so "indie" und vertrackt wie auf ihren ersten Platten klangen sie hier und später nicht mehr. Es wurden weniger Stile gekreuzt und nicht nur aber mehr auf Melodie und Eingängigkeit gesetzt. Man kann dies aber auch als einen Selbstfindungsprozess der beendet wurde und zusätzlich höhere Professionalität deuten. Insbesondere die inzwischen vorletzte CD Suicide pact - you first verdeutlicht für mich ohne Zweifel, dass Therapy? sich nicht der Kommerzialität preisgeben und immer noch verrückte, abgedrehte Songs machen können.

Und wie ist der Harvey zu Therapy? gekommen, fragt ihr euch schon die ganze Zeit? Kommt ja jetzt. Bin doch noch nicht am Ende mit dem Gelaber.

Es war ungefähr ein Jahr vor der Veröffentlichung dieser CD hier, als Therapy? auf der WDR-Rocknacht spielten. Harvey saß damals den ganzen Abend vor seiner Anlage und hat die kompletten ca. 5 Stunden, die im Radio gesendet wurden, aufgenommen. Vor allem wegen der Levellers, Jingo, Abwärts noch ein wenig und natürlich NOFX. Ein Teil der Show wurde auch im Fernsehen gezeigt und also auf Video gebannt.

Nachdem ich mir diese Aufnahmen dann etliche Male zu Gemüte geführt hatte, kam ich zu folgendem Ergebnis:
Abwärts
sind scheisse.
Jingo de Lunch zumindest unsympathisch.
Die Levellers und NOFX sehr gut - wusste ich aber schon.
The Gun Club haben mich auch ziemlich fasziniert, von denen gab es aber leider nur sehr wenig zu sehen und zu hören. Bis heute ist dies eine der Gruppen, die ich ständig im Hinterkopf habe, um mich mal genauer mit ihnen zu beschäftigen. Und bis heute habe ich es nicht getan! Kann man das glauben? Dabei finde ich Go tell the mountain ja wirklich extrem gut. Vor allem diese bluesige Gitarre. Aber gut.
Die wirkliche Neuentdeckung waren dann natürlich Therapy?. Der Bassist im Straßenarbeiter-Outfit kam ja schon mal cool und Andrew Cairns Rufe "James Joyce is fucking my sister" bei einem Song kapierte ich zwar nicht, aber das hatte was. Screamager wusste zu gefallen (der Song war schon vor Troublegum als Maxi draussen), Accelerator erst recht (ich weiss es noch ganz genau: "This is a punk rock song. Punk - fucking - rock!"), Turn, Teethgrinder alle hatten sie etwas und weckten mein Interesse.

Als ich dann im Sommer in Schottland unterwegs war, kaufte ich mir die Opal mantra-EP, die allerdings den Nachteil hat, dass sie in clear Vinyl gepresst wurde, was nun mal für den Sound nicht das beste ist. Ich hörte erst mal weiterhin hauptsächlich mein Tape und als dann diese CD erschien, zögerte ich auch zunächst noch. Ich habe immer so eine eingebaute Scheu, mir nagelneue CDs für DM 35.- zu kaufen. Wahrscheinlich weil ich einfach zu wenig Kohle habe. Lieber nehme ich dann zwei für 17.- jeweils und wenn eine doch nicht so gut ist, habe ich immer noch eine gute erstanden.
Bis zum Herbst 2001 zum Beispiel hatte ich erst maximal 10 Scheiben gekauft, die gerade neu auf dem Markt waren. Aber muss man ja auch nicht, denn schliesslich gibt's auch genug gute Musik, die schon älter ist. Ich finde jedenfalls immer so viel, dass ich mir gar nicht entscheiden kann. Meist macht dann wieder der Preis die Entscheidung, indem ich die Teile kaufe, die besonders billig sind und hoffe, den anderen Kram später auch mal billiger zu finden.

Nun, es gab ihn nur wenige Wochen später billig. In diesem Fall haute der örtliche CD-Verleih die Therapy?-CD für DM 20.- raus, weil sie halt schon im Verleih gelaufen war und wohl nicht mehr in solch hoher Stückzahl benötigt wurde (oder so).
Bei mir bebten die Boxen! Alles passte: Musik fetzt, Lyrics erlauben eine gewisse Identifizierung und in den einschlägigen Discos laufen sogar ein bis zwei Songs von dieser CD, bei denen man so richtig wild abrocken kann. Feine Sache. Es dauerte dann nicht mehr lange, bis ich auch das meiste von dem alten Kram mein Eigen nannte und als ich die Jungs im Sommer live sah, wussten sie von Anfang bis Ende zu überzeugen.
Und wenn ich das Ding heute mal von Zeit zu Zeit in den Player lege, bin ich jedes Mal erneut begeistert! Meine CD stinkt übrigens noch immer, als wäre sie gerade eben erst aus der Plastikverschweißung gerissen worden. Wahrscheinlich aus üblem Sondermüll recycled.

Den Rest der Bandgeschichte erzählt ich jetzt mal nicht noch, ich denke aber, man wird es nicht bereuen, wenn man auch mal den neueren Sachen ein Ohr leiht.


Stay alive and rock on,
Harvey
(21.2.02)



Therapy?
(Nordirland)
Gegründet 1989
Erste VÖ 1990 "Meat abstract"-Single

Besetzung 1994:
Andrew Cairns: voc, guit
Fyfe Ewing: dr
Michael McKeegan: b

Link
Shortsharpshock ep
Born in a crash
Knives
Diane
Suicide pact - you first
High anxiety
Never apologise never explain
One cure fits all
Crooked timber


Anspieltipp:

Für Statistik-Freaks:
Statistik die; -, -en:
1. (ohne Plural) wissenschaftliche Methode zur zahlenmäßigen Erfassung, Untersuchung u. Darstellung von Massen- erscheinungen.
2. [schriftlich] dar-
gestelltes Ergebnis einer Untersuchung nach der statistischen Methode.
3. Auswertung einer großen Zahl physika-
lischer Größen zur Bestimmung von physikalischen Gesetzen.
Statistik: