harveys hitlist: ein Leben auf dem Plattenteller hitlist - ein leben auf dem plattenteller
Hitlist
 




Ramones: Mondo bizarro
(1992, 37:19)


Ramones: Mondo bizarro
 
Dass die Ramones in dieser dritten Hitlist noch mal auftauchen würden, war ja schon mal ´ne Bank.
Wie man so sagt.

Ich muss zwar zugeben, dass ich heute die ganzen Ramones-CDs nur noch gelegentlich höre, aber trotzdem sind sie noch meine Helden.

Früher habe ich die Typen regelrecht verehrt.
Nun bin ich zwar immer noch der Meinung, dass ihnen tatsächlich Verehrung gebührt, doch sehe ich das jetzt gelassener, "erwachsener" vielleicht.
Die Jungs haben viel für den Punkrock getan, soviel ist klar. Auf die alte Diskussion, ob sie ihn auch erfunden haben oder vielleicht eher die Sex Pistols oder irgendwer sonst lasse ich mich mal nicht ein. Wobei natürlich klar ist, dass die Ramones die ersten waren...
Aber davon mal ganz abgesehen ist es ja wohl eine einmalige Leistung so lange durchzuhalten (hierbei ein freundliches "party on" an Charlie Harper!) und sein Ding so konsequent durchzuziehen. Dazu gehörte auch, dass die Art der Songs nur minimale Änderungen im Laufe der 20 Jahre erfuhr. Das kann man als stockkonservativ ansehen - Johnny jedenfalls ist überzeugter Republikaner (und das bei der Frisur!) - oder einfach als Kult. Ich jedenfalls kann die kleinen Neuerungen und Einflüsse raushören, die eine Platte von der anderen unterscheidet und so stellt es für mich durchaus einen Unterschied dar, welche ich reintue.

Die Tiefpunkte des Schaffens markieren für mich End of the century, Subterranean jungle und Acid eaters (1980, 1983, 1993). Bei 14 Studioplatten insgesamt ist das noch ein ziemlich guter Schnitt.
Wobei ich zu der Acid eaters sagen muss, dass ich sowohl die ausgewählten Songs als auch den typischen Ramones-Sound bei selbigen durchaus gut finde. Es hat mich damals nur einfach enttäuscht, keine neuen eigenen Stücke meiner Helden zu hören bekommen.
So zeigte sich denn auch beim Abschiedswerk Adios amigos, dass eine gewisse Kreativitätsarmut eingetreten war - wobei hier dennoch eine ganze Menge gute Stücke drauf sind: diese sind aber meistens von Dee Dee, der schon länger die Band verlassen hatte.

Stellt sich also die Frage, was die Jungs denn für mich getan haben.
Es war einmal... als Harvey so ca. 18 war. Da hatte er - wie früher mal erwähnt - Hardrock und Heavy Metal als erster Ausdrucksmittel einer Art Rebellion gefunden. Vorher gab's nur Pop und Progressive Rock, dabei könnte man letzteren zwar auch als rebellische, da unpopuläre Musik bezeichnen aber das ist eben der Unterschied zwischen einem Öko, der vielleicht die Grünen wählt, und einem Punk, der Hansa Pils wählt. (Na, das war aber wieder eine rhetorische Meisterleistung, gell?) Jedenfalls gab es da ein Typen in meinem Jahrgang auf der Schule, welcher sich die Haare lang wachsen liess, nur schwarze Kleidung trug und dazu ständig im Aufenthaltsraum Musik einlegte, die niemand leiden konnte. Ich auch nicht - klare Sache.
Doch eines wundervollen Tages schallte es in voller Lautstärke mit melodischen Schrammelgitarren und Harvey fand es faszinierend! Kurz nachgefragt: die Leute die sofort eine Spezialisierung auf short songs erkennen liessen, waren die RAMONES. Sicher kein Zufall, dass die mir gefielen, denn es handelt sich ja neben Motörhead um eine der wenigen Gruppen, die Freunde des Punk und des Metal-Lagers vereint.

Weil ich experimentierfreudig war und mehr "harte Mucke" kennen lernen wollte, trug ich einem Freund, der in die nächstgelegene Einkaufsstadt fuhr auf, mir "irgendeine" CD der Ramones mitzubrigen. Ich bekam Brain drain geliefert (damals gerade aktuell), war begeistert und hörte sie Tag und Nacht. Dann lernte ich auch noch den düsteren Mitschüler kennen und seine abgefahrenen Freunde, nette Mädels die auch auf die Ramones standen usw....
Klar, dass ich da mehr von haben wollte. Nicht viel später kam dann Mondo bizarro raus und ich lief inzwischen mir zerrissenen Jeans und Lederjacke rum. So kann's gehen! Zu dieser Zeit sah ich CJ, Marky, Johnny und Joey dann auch zum ersten Mal live und (ohne jetzt pathetisch zu werden oder so) in meinem jungen Leben war das wie eine Erleuchtung. Keine Wut oder Brutalität, einfach nur fröhliche Augelassenheit und dies mit einigen Tausend Gleichgesinnten zusammen. Unglaublich!

Heavy war denn auch relativ bald nur noch zweite Wahl, stattdessen erfreute ich mich an Deutschland muss sterben von Slime und solchen Sachen. Höre ich inzwischen auch nicht mehr, war aber ´ne nette Zeit.

Was nun für mich persönlich den Unterschied zwischen Brain drain (welches ja meine erste von den Ramones war) und Mondo bizarro ausmacht, ist schwer zu sagen. Vielleicht brauchte ich bei Brain drain noch eine kleine Eingewöhungszeit, ausserdem kannte ich zu der Zeit niemanden, der/die diese Mucke ebenfalls gut fand (nichtmal meine Schwester, die da ja sonst eher vorlegte).
Dazu kam das Livekonzert und das Jahr 1992. In diesem Jahr lernte ich neue Leute kennen und hatte auch ziemlich viel Spass. Vielleicht war dies die Zeit, zu der ich dann (endlich!) langsam aus dem "Dornröschenschlaf" erwachte, der mich als ruhigen und schüchternen von Selbstzweifeln geplagten (kleinen) Jungen so lange gedämpft hatte. Ich legte mir denn auch eine Ramones-Frisur zu, allerdings eher à la C.J. ohne den schlechten Pony, den Marky und Johnny hatten.

Fällt mir gerade noch eine Anekdote ein: Joey - möge es im Himmel auch Punkrock geben - sah ja immer etwas scheisse aus. Auch ein Markenzeichen von Punkrock: jeder kann Musik machen, jeder kann was werden, Du musst nicht wie ein Popstar aussehen.
Aber da könnte auch Steve Howe Werbung für machen (ganz bestimmt kein Punkrocker), der sieht nämlich auch scheisse aus.
Ich fand Joey trotzdem super: er war cool und er trug diese genialen Stretch-Hosen, die er von seinem Körperbau her eigentlich überhaupt nicht hätte anziehen dürfen, aber es war ihm egal! Als ich dann mal auf einem Ramones-Konzert war und meine Leute gerade verloren hatte, sprach mich eine nette Schnitte an: ich wäre ja wohl ein echter Ramones-Fan, ich würde schon so aussehen wie der Sänger. Tolle Kiste, dachte ich mir! Was will die mir denn sagen? Ich antwortete also, das sei zwar richtig, aber nicht gerade ein Kompliment. Tja, das Gespräch schleppte sich noch einige Minuten und dann verschwand sie. So eine Scheisse! Wahrscheinlich hatte die den Joey noch nie aus der Nähe gesehen und wollte nur nett sein. Harvey: mal wieder vermasselt, was?

Mir ist natürlich klar, dass objektiv gesehen die erste oder zweite von den Ramones wesentlich bedeutender ist. Doch hier geht's ja um meine ureigenen Hits und für mich hat Mondo bizarro eine besondere Bedeutung. Ebenfalls eine extreme Gute-Laune-CD, die zudem sehr gut produziert ist.
Sie enthält sehr geile ruhigere Moment (Poison heart, Strength to endure), eine gute Coverversion (Take it as it comes von den Doors) und ein paar echt fetzige, schnelle Stücke natürlich auch (Anxiety, Touring). Alles typisch Ramones, aber vom Sound gegenüber Brain drain gereifter und klarer. Vielleicht könnte man auch sagen: moderner. Brain drain war doch ein Teil, das Einflüsse der 80er nicht verkennen liess, während Mondo bizarro für mich eher der 70er Punkrock der Jungs mit exzellenter Aufnahmequalität und neuem Pepp darstellt. Nesthäkchen CJ darf bei zwei Songs singen und macht das sehr gut. Gerne hätte ich die Ramainz (= Hälfte der Ramones) mal gesehen, aber die waren nie in Europa.

Alles mal unter einem grossen Kaufmannsstrich zusammen gefasst, geht diese Scheibe mächtig ab, stellt den Höhepunkt des späteren Schaffens dar und wird von mir noch immer gerne vom Anfang bis zum Ende durchgehört. Vielleicht in der Öffentlichkeit etwas unterbewertet, so nach dem Motto "ja, die alten Säcke machen keine schlechten Platten, aber kennen wir alles schon".
Das wird ihnen aber nun wirklich nicht gerecht, denn wenn man sich neuere Sachen von Black Sabbath oder meinetwegen auch Bad Religion oder AC/DC anhört (im Vergleich zu älterem Material), so kann man die alle vergessen. Das ist aber bei den Ramones definitiv nicht so: die haben gerockt bis zum letzten Atemzug!!


Stay alive and rock on,
Harvey
(7.3.02)



The Ramones
(USA)
Gegründet 1974, aufgelöst 1996
Erste VÖ 1976 "Ramones"-LP

Besetzung 1991:
Joey Ramone: voc
Johnny Ramone: guit
C. Jay Ramone: b
Marky Ramone: dr

Link
Ramones
Blitzkrieg bop
I wanna be your boyfriend
Leave home
Gimme gimme shock treatment
Rockaway beach
Rocket to russia
It's alive
Road to ruin
7-11
Howling at the moon
Halfway to sanity
Brain drain
Loco live
Acid eaters
I don't want to grow up
The family tree

Anspieltipp:

Für Statistik-Freaks:
Statistik die; -, -en:
1. (ohne Plural) wissenschaftliche Methode zur zahlenmäßigen Erfassung, Untersuchung u. Darstellung von Massen- erscheinungen.
2. [schriftlich] dar-
gestelltes Ergebnis einer Untersuchung nach der statistischen Methode.
3. Auswertung einer großen Zahl physika-
lischer Größen zur Bestimmung von physikalischen Gesetzen.
Statistik: