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Bad Religion: Against the grain
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(1990, 34:55)
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Im Jahre 1990 brauchten Bad
Religion für einen Song durchschnittlich zwei
Minuten.
Es befinden sich nämlich 17 davon auf dieser
CD.
Aber das sagt ja nun auch noch nichts über
die Qualität aus. |
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Mein persönliches Lieblingslied
von dieser CD ist der mit 3:34min längste Song Faith
alone.
Viele andere Leute würden
vielleicht eher 21st century digital boy wählen
- sozusagen der "Hit" von BR - welcher allerdings
in geringfügig anderer Version später noch einmal
veröffentlicht wurde. Als zusätzlicher Kaufanreiz
für Stranger than fiction. Toll.
BR haben mit den Ramones
wahrscheinlich die Gemeinsamkeit, dass alle Leute, die keine
Fans sind, der Meinung sein werden, jeder Song klinge genau
gleich und mehr als eine Platte bräuchte man von denen
sicher nicht.
Das ist natürlich völlig FALSCH!!
Die BR-Scheiben unterscheiden sich vor allem im Songtempo
(was nicht unbedingt etwas mit der Songlänge zu tun hat,
manchmal aber schon), im Melodiefaktor und in den Texten.
Zu der Zeit, als ich Bad Religion entdeckte (kurz nach
dieser CD hier) waren für mich die Texte hier ebenso
wichtig wie die Musik. Später wurden die Texte dann anspruchsloser,
die Musik allerdings auch einfallsloser. Ich weiss noch, dass
diese CD in der Sparte "Hardcore" einer Heavy Metal-Zeitung
vorgestellt wurde.
Mag von heute gesehen verwundern, denn was man heutzutage
unter Hardcore versteht, ist wohl eher so Knüppel-Hardcore
wie Brightside zum Beispiel, doch früher las ich
auch oft von "Hardcore-Punk" und das sollte dann
so was wie dieses hier sein. Ein aktuellerer Ausdruck wäre
wohl "flotter California-Punk", oft sagte man auch
Skatepunk, aber der Begriff wird inzwischen auch von Blink
182 und solchen beansprucht.
In jedem Fall waren BR 1990
noch ein Insidertipp, und ihre Popularität wuchs erst
nach und nach. Bei meinem ersten Kontakt mit BR wurde
ich mit der völlig neuen und zunächst auch sehr
befremdendlichen Tatsache konfrontiert, dass man derart schnell
spielen kann.
Und vor allem singen.
Wie gesagt, fand ich die Texte wichtig und so las ich sie
auch mehrfach und versuchte Greg Graffin bei seinem
Gesang zu folgen. Das gelingt nicht leicht, vor allem wenn
man mitsingen möchte. Wie intensiv meine Beschäftigung
mit dieser CD war, erkennt man auch daran, dass es mir hinterher
bei fast allen Songs wirklich gelang mitzusingen und dass
ich viele Texte auswendig konnte.
Was mich an den Texten so faszinierte, war zunächst die
eloquente Ausdrucksweise und die unverblümte Kritik an
Gesellschaft und Weltordnung. Der Titel Against the grain
und das Titelbild sagen da eigentlich schon alles.
Weiterhin war ich sehr naturwissenschaftlich interessiert
und Greg Graffin liess seine Bildung in dieser Richtung
(er studierte irgendwas aus dem Bereich Bio oder Chemie oder
Geologie, wurde in Interviews immer unterschiedlich genannt)
in die meisten Songs einfließen.
Beispiel (Entropy): "Random blobs of power expressed
as that which we all disregard, ordered states of nature on
a scale which no one thinks about, don't speak to me of anarchy
or peace or calm revolt, man, we're in a play of slow decay
orchestrated by boltzmann, it's entropy..."
Ja, da kann man schonmal mit den Ohren schlackern! Aber für
mich doch interessanter als "...´cause I'm TNT,
my body's dynamite...". (Dies ist ein absichtlich frevelhafter
Kommentar, der Hank zu Proteststürmen herausfordern soll!)
Das war es also, was mir an BR gefiel und im speziellen
diese CD zeichnet sich durch besonders runde, eingängige
Songs, wundervolle Backgroundchöre (oohzing aahs) und
keinen einzigen Ausfall aus. Im Gegensatz zu Suffer
und No control gab's hier sogar eine halbwegs annehmbare
Spieldauer für's Geld, fein. Und die Message, die für
mich hier rüber kommt ist immer noch positiv: zwar sehr
kritisch aber wirklich nicht von der Sorte "Bring dich
um" und auch auf keinen Fall gewalttätig oder hasserfüllt.
Manchmal gibt es Stimmungen, in denen auch solche Musik gut
tut, aber selten. Am Stück kann ich mir z.B. meine Total
Chaos-CD oder auch Earth AD von den Misfits
oder die alten Sachen der Suicidal
Tendencies normalerweise nicht anhören. Kommt mir
einfach zu brutal.
Mit meiner Fanschaft für Bad Religion stand ich
dann in meinem Bekanntenkreis lange Zeit sehr allein da. Selbst
die Leute, welche die Ramones super fanden, unterstützten
mich hier nicht.
Zunächst galt das Logo mit dem durchgestrichenen Kreuz
sogar als unglaublich gesellschaftskritisch und erregte fast
Aufsehen. Ein paar Jahre später kannte jeder die Band
und selbst die netten Mädels, die normalerweise eher
Grönemeyer und vielleicht
noch Creep von Radiohead hörten, hatten
mindestens ein Tape von BR im Regal stehen. So kann's
gehen...
Mein Interesse an dieser Art von Melodic Punk und Bad Religion
insbesondere hat in den letzten Jahren nachgelassen. Das mag
an einer Übersättigung des Genres liegen (so viele
Bands bei Epitaph und Fat Wreck und natürlich
auch noch anderen Labels - und sehr viele davon gar nicht
schlecht), an der Vermarktung von ehemaligen Vorreitern wie
BR oder auch (in geringerem Maße) NOFX
und sicher auch an der mit dem Alter weniger werdenden Tendenz
zur Rebellion und zunehmender Sesselpuperei.
Solcherlei Punkrock eignet sich doch eher für wilde Feten
und heftiges Saufen. Nun ist es nicht so, dass ich das gar
nicht mehr tue - ich höre ja auch diese Musik noch hin
und wieder - aber eben nicht mehr jedes Wochenende.
Vor drei Jahren sah ich mal Pennywise live (nur am
Rande: geniales Konzert!) und das Publikum war im Schnitt
so etwa 18 Jahre alt. Da komme ich mir kurzfristig dann doch
etwas fehl am Platz vor.
Aber nur kurzfristig, das legt sich sofort, wenn ich mich
mit jugendlichem Elan in die wogenden und springenden Massen
werfe und genauso viele Ellenbogen und Füße abbekomme
wie jeder andere auch. An dieser Stelle auch ein Dankschön
an die nette Person, die bei diesem speziellen Konzert unglaublicherweise
meine Brille fand und sie mir zurück gab!
Ich hatte mal wieder kein Brillenetui dabei und hoffte, das
Ding in meiner Hand festhalten zu können. Obwohl das
schon öfter schief gegangen ist. Ich stand also inmitten
des Getümmels und starrte auf den Boden und versuchte
meine Sehhilfe zu erkennen, ohne deren Unterstützung
ich aber nichts erkennen kann.
Aber das Glück is' mit die Dummen und jemand hatte gesehen
wie das Teil runtergefallen war und es aufgehoben!
Was ich jetzt eigentlich als Abschluss bringen wollte, dann
aber in der Brillenstory unterging, ist: Punkrock als Jungbrunnen!
Yeah, diese Musik hält Geist und Körper fit! Also
kauft euch Against the grain! Jeder Durchlauf bringt
'ne Woche!
Und wenn die scheiss Ordner mal wieder das Stagediven verbieten,
dann haut sie doch einfach um! Und reisst die Absperrungen
ein, so was sollte es bei Punkkonzerten eh nicht geben! Zertrümmert
das Mobiliar!
Ok, mal langsam... vielleicht noch deutlich weniger von dieser
brutalen Mucke hören, sonst kommt das mit dem jung und
fit bleiben doch nicht hin.
Trotzdem möchte ich an dieser Stelle noch den Carsten
loben, der vor ein paar Monaten (im Alter von 29) wild am
Crowdsurfen war. Weiter so!!
Stay alive and rock on,
Harvey
(14.3.02)
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