harveys hitlist: ein Leben auf dem Plattenteller hitlist - ein leben auf dem plattenteller
Hitlist
 




Temple Of The Dog: s.t.
(1991, 55:19)


Camel: Pressure points
 
Ich sage es sofort: für mich die beste Seattle-Platte. Unschlagbar.

Hier werden vereint: schöne Melodien und Vocals wie man sie z.B. von "Superunknown" kennt und bluesige Gitarren sowie sanft streichelnde und brummende Basslinien.

Initiiert von Chris Cornell ging es um ein Andenken an den verstorbenen Mother Love Bone-Sänger Andrew Wood. Aus zwei Songs wurde ein ganzes Album, das tatsächlich die Spontaneität seiner Entstehung und die Improvisationen während der Sessions wider spiegelt. Und trotzdem handelt es sich um richtig Songs und keine bloße Jam-Session.

Definiert man Grunge als die alten Sachen von Mudhoney oder Green River, so ist diese Platte kein Grunge mehr. Bestenfalls eine poppige Schnulliversion.
Des Producers (Rick Parashar) Klavier leistet bei mehreren Songs einen wichtigen Beitrag - ziemlich untypisch für andere Platten des Seattle-Phänomens. Richtig rocken tut eigentlich nur Pushin forward back, die anderen Songs grooven eher. Damit meine ich auch die Gesamtstimmung, die bei mir den Eindruck von Versunkenheit, vielleicht Meditation weckt - ohne dabei langweilig zu sein - und von daher dem Ansinnen des Gedenkens an den Verstorbenen sehr gut entspricht.
Ein tiefgründiges Werk, das genaues Zuhören belohnt, aber nicht komplex oder verwirrend ist, in dem Sinne, dass man fürchten müsste, mit dieser Musik nichts anfangen zu können. Vorstellbar wäre allerdings, dass diese CD dem einen oder anderen zu wenig "losgeht" und zu wenig fett schrammelnde Gitarren bietet.

In den USA war der Tonträger sogar sehr erfolgreich. Allerdings erst nachdem der Pearl Jam-Boom begonnen hatte, obwohl er schon vorher auf dem Markt gewesen war. Über eine Millionen Exemplare wurden verkauft. Man schmiss dann auch noch schnell ein Video auf dem Markt, in dem die Protagonisten auch schön fleissig ihre "total süssen langen Mähnen" in den Wind halten.
Ich denke in Deutschland kann man Temple Of The Dog eher als ein nur den Insidern bekanntes Projekt ansehen. Von den Leuten, die Ten und/oder Superunknown zuhause rumstehen haben, dürfte nur ein kleiner Prozentsatz auch diese CD ihr eigen nennen. Das mag an nur einer Single, den etwas schwerer zugänglichen Songs und der schlechten Vermarktung in Europa liegen.

Aber vielleicht sind solche Platten von kurzfristig zusammen kommenden Musikern, die gar keine wirkliche "Band" sind, auch im Nachteil. Gegenbeispiel mag Transatlantic sein, ein neueres Projekt von Leuten aus den Gruppen Marillion, Dream Theater, Spock's Beard und Flowerkings. Nun ist hier allerdings das Genre schon klar als Prog Rock umschrieben und die Fans jener Musik waren schon immer besonders fanatisch und von Sammlerleidenschaft getrieben. Aus diesem Grund mag die Popularität von Transatlantic momentan auch diejenige von einigen der Ursprungsgruppen übersteigen. Dafür waren bei TOTD bekannte Namen dabei und eine große Plattenfirma im Hintergrund. Allerdings auch ein ziemlich unattraktives Cover...

An anderer Stelle hatte ich schon berichtet, dass diese CD eine der ersten aus der groben Richtung Grunge war, die mir gefiel. Sicherlich auch ein passender Zugang, wenn man von Poprock und Progrock kommt. Sie teilte dann auch das Schicksal vieler Platten aus den vorgenannten Richtungen, dass kaum jemals in irgendeiner Diskothek ein Song davon gespielt wurde.
Aber was die Mucke in Discos angeht war und bin ich sowieso zu anspruchsvoll. Ich halte es nicht aus, wenn dort nur Musik gespielt wird, die ich scheisse finde. Und ich bin enttäuscht, wenn dort nur Musik gespielt wird, die zwar nett klingt, die ich aber nicht kenne. Wie oft ist es mir schon passiert, dass ich mir den ganzen Abend die Beine in den Bauch stehe, in der Hoffnung, dass mal ein Song "für mich" kommt. Und wenn er dann - Stunden später - endlich! kommt (sagen wir mal z.B. Somebody put something in my drink), dann

  1. ist es viel zu voll auf der Tanzfläche,
  2. ist es viel zu leer auf der Tanzfläche,
  3. ich bin auf dem Klo,
  4. ich bin in's Gespräch vertieft,
  5. ich bin viel zu müde,
  6. ich bin viel zu nüchtern oder
  7. ich bin viel zu breit.

Scheisse gelaufen.

Wenn dann gar kein guter Song kam oder ich den einen verpasst habe und mich allmählich nach Hause schleppe, kann man davon ausgehen, dass mir ein zurück gebliebener Kumpel am nächsten Tag erzählt: "Nachdem du weg warst, wurde die Musik noch mal richtig gut."

Aber es gibt andere Tage, da ist alles egal: der DJ wird genervt ein ums andere Mal, bis er sogar Steeltown spielt; die Tanzfläche wird frequentiert, auch wenn man nur mit drei (anderen) hackedichten Freaks da steht; das Tanzbein wird auch schon bei mäßigen Songs geschwungen. Das ist bei mir allerdings auch wirklich die Grenze! Und dabei meine ich mit mäßig so abgenudeltes Zeug wie Alive, Space lord oder Kram, den ich zwar schon öfter gehört habe aber nicht wirklich gut kenne.

Manche Leute behaupten ja, man könne sich Frauen schön trinken und dementsprechend müsste man sich auch Musik schön trinken können. Das gelingt mir aber nach kruzfristigen Erfahrungen in Schützenfestzelten und auf topaktuellen Dancefloors in meiner Jugend nicht mehr. Nee, nee, da werde ich eher sauer über die mistige Mucke und will dann weg.
Kann man zuhause dann zum Beispiel noch mal TOTD auflegen! Obwohl, Hunger strike habe ich sogar EIN Mal in so einer Indie-Disco gehört! Das kann man durchaus (ohne irgendetwas über den Rest, der noch gespielt wurde zu sagen) als musikalischen Höhepunkt des Abends sehen!


Stay alive and rock on,
Harvey
(21.3.02)



Temple Of The Dog
(USA)
Einmaliges Projekt 1991

Besetzung:
Matt Cameron: dr
Mike McCready: guit
Stone Gossard: guit
Jeff Ament: b
Chris Cornell: voc, harmonica, banjo

Link
Mother Love Bone
Soundgarden
Pearl Jam
Hype!

Anspieltipp:

Für Statistik-Freaks:
Statistik die; -, -en:
1. (ohne Plural) wissenschaftliche Methode zur zahlenmäßigen Erfassung, Untersuchung u. Darstellung von Massen- erscheinungen.
2. [schriftlich] dar-
gestelltes Ergebnis einer Untersuchung nach der statistischen Methode.
3. Auswertung einer großen Zahl physika-
lischer Größen zur Bestimmung von physikalischen Gesetzen.
Statistik: