harveys hitlist: ein Leben auf dem Plattenteller hitlist - ein leben auf dem plattenteller
Hitlist
 




Mother Tongue: s.t.
(1994, 55:51)


Mother Tongue
 
Das haben jetzt vermutlich die wenigsten erwartet!

Die erste und bisher einzige Scheibe von MT auf dem Ersten!

Diese Platte ist in mancherlei Hinsicht etwas besonderes in dieser Hitlist, nicht nur weil sie der absolute Überhammer ist.

Folgende aussergewöhnliche Dinge vereint diese MT-CD:

  1. Neben den Misfits ist es die einzige neuere Veröffentlichung in dieser Hitlist - mal keine Jugenderinnerung.

  2. Nach der Rubicon-CD handelt es sich sicher um die unbekannteste Platte von allen zehn.

  3. Weiterhin stellen MT fast Peter Gabriels Rekord der am längsten angekündigten und noch nicht rausgebrachten neuen CD ein: nachdem die Band zwischenzeitlich auch mal nicht existierte, was wohl mit mangelndem Erfolg, Drogenproblemen und Musikerwechsel zu tun hatte, ist der langersehnte Nachfolger nun schon länger angekündigt. Im Sommer 2001 gab es sogar mal einen Countdown auf der (ziemlich schlechten) Homepage, der dann bei ca. 21 Tagen plötzlich wieder auf 50 umsprang und schliesslich ganz verschwand.

  4. Mother Tongue sind eine der ganz wenigen Gruppen, die mir ausgesprochen gut gefallen, von denen ich aber trotzdem so gut wie nichts weiss. Ich habe keine einzige Fanpage im Internet auftreiben können, in den Musikmagazinen fristeten sie bisher ein Randdasein und die Ultimate Band List verwechselt sie mit so einer Ethno-Gruppe. Oder war es religiöse Musik? Vergessen.
    Haben die mal eine Single rausgebracht? Was ist aus dieser ominösen Liveplatte geworden, die auch mal Anfang 2001 schon erscheinen sollte und nie gesichtet wurde. Waren die schon jemals in Europa? Um Hinweise wird gebeten.

  5. Und hier wird der grosse Meister sich freuen, dass ich das mal erwähne: es ist die einzige Platte in allen drei Hitlists bisher, die ich durch Hank kennen gelernt habe!! Ich danke Dir!! In meinem Leben würde etwas fehlen, wenn dem nicht so wäre. Und wieso das wirklich nicht übertrieben ist, werde ich noch weiter unten ausführen, zunächst einmal werde ich erzählen, auf welche subtile Art und Weise Hank mich zum MT Devotee machte.

Sommer 1995: Harvey darf endlich in eine vernünftige Wohnung ziehen. Nachdem er jahrelang ein winziges 12qm Zimmer sein (temporäres) Eigen nannte (welches heute durchaus einige Platzprobleme mit der CD-Sammlung mit sich bringen würde), war nach unendlich anstrengender und frustierender Wohnungssuche doch noch ein netter Vermieter bereit, seine völlig überteuerte und mit diversen Nachteilen ausgestatte 50qm Wohnung an Harvey und seinen Kumpel Götz abzutreten.

Ein schönes Gefühl, Aldi-Nudeln in einer Küche zuzubereiten, die man selber versaut hat. Vorher waren es doch meistens die seltsamen Asiaten, die durch ihre exotischen Gerichte die Küche zum Giftgasgebiet erklärt hatten und sich so weitere Konkurrenten um die Kochplatten ersparten. Oder man legte eine Pizza auf zwei Backsteine und hoffte, dass nichts von der schwarzen Kruste in der Backröhre während der nächsten 15 Minuten abbröckeln würde. Aber das war Vergangenheit und ich schweife auch schon wieder ab.

Gemütlicher Sommerabend. Wie so oft Meeting bei mir und sie kommen alle: der Punk mit den blauen Haaren, der Kiffer mit der Matte, der Freak mit dem wilden Blick, der Trinker der schon vorher drei Dosen Hansa gekillt hat, die weibliche Dancefloor-Furie und natürlich auch der Hank, welcher wie immer ein T-Shirt mit Zichtenwerbung trägt, weil er die irgendwo umsonst bekommt und keinen Bock hat, Geld für vernünftige Teile auszugeben.
Und an diesem Abend bringt Hank ein kleines Tape mit dem Namen "Home sweet home" mit.
Ein Mixkassette, extra für den Harvey zum Einzug! Cool. Und zugleich ein Wagnis, denn obwohl wir beide immer eifrig am compilieren waren, so hatten wir doch nie füreinander etwas aufgenommen, weil wir entweder alles schon kannten oder mit den jeweiligen Favoriten des anderen gar nichts anfangen konnten. Doch dieses Teil war ein feines und ich will Euch auch die Tracklist nicht vorenthalten:

Side A:
  1. Frank Zappa: Broken hearts are for assholes
  2. Bad Brains & Henry Rollins: Kick out the jams
  3. Eric Burdon: When I was young
  4. Red Hot Chili Peppers: Under the bridge
  5. Supergrass: Strange ones
  6. The Offspring: Smash it up
  7. Bob Dylan: Tangled up in blue
  8. Live: Waitress
  9. Nirvana: Lake of fire
  10. PJ Harvey: C'mon Billy
  11. Velvet Underground: There she goes again
  12. Pearl Jam: Crazy Mary
Side B:
  1. Nine Inch Nails: Closer
  2. Michael Hutchence: The passenger
  3. Iggy Pop: Eat or be eaten
  4. The Cult: Born to be wild
  5. Pearl Jam: Rockin in the free world
  6. Soundgarden: Heretic
  7. Hole: Doll parts
  8. Oasis: Live forever
  9. Mother Tongue: The seed
  10. Elastica: Blue

Wenn man sich diese Zusammenstellung genau anschaut, so sieht man die Überlegung, die dahinter steht. Das ist nicht einfach spontan aufgenommen, da gibt es ein Konzept. Und Hank hat meinen Geschmack auch sehr gut getroffen, mal abgesehen von Oasis, die kann ich echt nicht leiden.
Inzwischen besitze ich zu vielen dieser Songs eine CD, wobei man auch positiv vermerken muss, dass es sich bei einigen um Songs handelt, die nicht regulär auf einer Studioplatte zu finden sind. Wirklich schönes Tape.
Einziger Formfehler: zweimal Pearl Jam!! Hank, so was macht man doch nicht!! Ey!

Zurück zum Thema: hier waren MT drauf und der Song gefiel mir sofort. Es brauchte dann noch etwas Überzeugungsarbeit (Hank kippt lallend vom Sofa mit den Worten "Hasse dir den Moscha Tonk Zonk schonnn anjehört?") und ich borgte mir die komplette CD.

Den Rest der Geschichte kennt ihr: mit Hank nahm es dann noch ein böses Ende, er liess sich mit Hunden fotographieren, schluckte wie ein Wilder, verkaufte deutlich zu selten mal eine CD, liess sich von Frauen verwöhnen und verarschen und starb schliesslich an ´ner Überdosis Hasch. (Hier kann man lesen, was Hank im Jenseits so treibt.)

Mit MT lief es auch nicht viel besser, aber immerhin legte der Harvey dauernd ihre CD ein.

Damit wünsche ich Euch noch viel gute Mucke, stets ein leckeres Pils im Kühlschrank und eine spannende Zeit, bis die Frage, was denn wohl der Harvey als nächstes macht, beantwortet wird. Rock on...

...naja..., vielleicht sollte ich doch kurz noch ein bis zwei Worte über die Musik auf dieser CD verlieren? Mache ich mal einfach.

MT räubern ausgiebig im grossen Archiv der Musik und dennoch bedienen sie sich nur ganz grundsätzlich und nicht zu speziell, so dass sie aus den Puzzleteilen eine eigene und extrem aufregende Mischung kreieren. Diese CD hat ruhige Momente, heftig rockende Momente, ist manchmal nachdenklich und bedrückend und an anderen Stellen wieder wütend und befreiend.
MT beherrschen es, Stimmungen in Songs zu verwandeln und sie legen sich nie auf eine Musikrichtung fest. Man hört schrammelnde E-Gitarren und leise Akustikgitarren, traurige Geigen und irrsinniges Geschrei, funkige Elemente, einen sympathischen und wandlungsfähigen Gesang, interessante Breaks, abwechslungsreiches Schlagzeugspiel und deutlich bluesige Elemente. An einigen Stellen wird zügig abgefetzt, doch oftmals lässt man sich Zeit, legt keine Hektik an den Tag, geniesst in aller Ruhe den Song, gibt ihm Raum sich langsam zu entwickeln. Dabei kommt dann aber nicht so ein eher langweiliger improvisativer Bluesrock heraus, sondern eine sehr abwechslungsreiche Mischung, die jeden der 12 Songs zu einer Perle macht.

Diese ganze Sache würde ich mal ganz grob als Indie-Rock beschreiben, aber genau trifft dies nicht. Gewisse Passagen erinnern an Sonic Youth, Blues Traveler, Nirvana, Walkabouts, alte Deep Purple... was alles vielleicht Zutaten sind, aber das endgültige Gericht, das hier präsentiert wird, nur erahnen lässt.
Mir gefällt vor allem auch der Gegensatz von geradezu eruptiven, heftigen Momenten und sanften, fast zuckersüssen Passagen. Die Variabilität der Songs zeigt sich auch in der Spieldauer, welche zwischen zwei und fast acht Minuten liegt. Und dabei handelt es sich nicht um einen schnellen Abrocker und einen lahme Schnulze, kein Lied liesse sich auf diese Bezeichnungen reduzieren.

Ich hoffe also weiterhin, dass die neue Platte bald erscheint. Wer wenigstens etwas Neues (oder auch den einen oder anderen Song von dieser CD) hören möchte, kann sich Caspar von der Homepage runterladen. Ist in jedem Fall kein Fehler!


Stay alive and rock on,
Harvey
(28.3.02)



Mother Tongue
(USA)
Erste VÖ 1994 "Mother Tongue"-CD
Besetzung 1994:
Christian Leibfried: guit, voc
Geoff Haba: dr, voc
Bryan Tulao: guit, voc
David Gould: b, voc

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Anspieltipp:

Für Statistik-Freaks:
Statistik die; -, -en:
1. (ohne Plural) wissenschaftliche Methode zur zahlenmäßigen Erfassung, Untersuchung u. Darstellung von Massen- erscheinungen.
2. [schriftlich] dar-
gestelltes Ergebnis einer Untersuchung nach der statistischen Methode.
3. Auswertung einer großen Zahl physika-
lischer Größen zur Bestimmung von physikalischen Gesetzen.
Statistik: