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Hitlist
 




The Cure: Disintegration
(1989, 72:27)


The Cure: Disintegration
 
Dass ich eine Gruppe oder eine bestimmte Art von Musik absolut nicht leiden kann, sie dann aber eines Tages sogar ausgesprochen toll finde, kommt so nicht sehr oft vor.

Bei einzelnen Songs gab's das schon mal und der Grund war oft zu häufiges Hören. Wobei das auch nicht immer klappt: den meisten Schrott könnte man mir tausend Mal um die Ohren hauen, und ich würde ihn immer noch nicht gut finden.

Ein ganzes Genre, das ich zunächst geradezu verachtet habe, war Punkrock (gehört bei meiner Schwester). Hier sind insbesondere die Misfits zu erwähnen, über die ich mich erst lustig machte und die ich später ganz besonders kultmässig geil fand. Das einzige weitere derartige Beispiel sind The Cure.
Zum Zeitpunkt, als Disintegration veröffentlicht wurde, kannte ich natürlich nur die Songs, welche auch mal im Radio oder Indie-Discos gespielt wurden, und ich konnte sie nicht leiden. Diese weinerliche, nervige Stimme von Robert Smith und lauter düstere Bässe, traurige Gitarren...

Später wurden Cure eine meiner Lieblingsgruppen und wie man sieht, findet sich Disintegration ganz weit oben bei meinen liebsten CDs. Ich habe sie in den letzten 10 Jahren auch sehr oft gehört. Wie kam es zu diesem Sinneswandel?
Eine nicht ganz richtige und etwas platte Erklärung wäre: eine Frau war dafür verantwortlich.
Na, man kennt das ja: da lernt man jemand kennen (Geschlecht sei mal erstmal egal) und dadurch erweitert sich oft auch der musikalische Horizont. Man hört sich Sachen an (vielleicht auch gezwungenermaßen), die man sonst nicht hören würde oder hört mal in was rein, von dem der oder die andere sagt, es sei ganz toll. Kein Problem soweit, oder? Wenn es sich dann allerdings um eine Person des anderen Geschlechts handelt und es auch noch für die Aussenwelt deutlich erkennbar ist, dass man da irgendwelche Interessen hegt, so sieht alles schon anders aus. Da gibt's dann die Vermutung, man wolle sich einschleimen. Oder eben so à la "völlig liebestoll der Typ, weiss gar nicht mehr, was er macht".

Als ich also eine Frau kennen lernte, die grosser Cure-Fan war und mir daraufhin von dieser meiner Hassband CDs auslieh und sogar auf Kassette aufnahm, war die Sache wohl klar. Ich gebe ja auch zu, dass das Interesse an der Gruppe hier durchaus stark korreliert war mit dem Interesse an der Frau (ist das nicht exzellent, wie distanziert und wissenschaftlich ich so was ausdrücken kann, obwohl es sehr emotional und tiefgreifend war).
Na ja, aber ich möchte hinzufügen, ich denke dass ich mir die Mucke nicht aufgenommen hätte, wenn da nicht auch mein kritisches Ich sie zumindest ganz nett gefunden hätte. Jedenfalls kam ich so auf Cure und die beiden CDs auf meiner ersten Kassette waren diese hier und die Singles Collection.
Allerdings hatte ich bei beiden einige Stücke rausgelassen, z.B. auch den Hit Lullaby, mit dem ich damals noch nichts anfangen konnte.
Mit jenem Tape durchlebte ich dann eine kurze Achterbahnfahrt der Gefühle, die damit endete, dass ich mir Cure erst mal einige Monate gar nicht mehr anhören konnte. Auch heute noch gibt es kaum eine CD, die wie Disintegration so einen grossen Zwiespalt zwischen Traurigkeit und Freude an Assoziationen bei mir hervorruft.

Aber nun mal zur Musik: es handelt sich hier um eine Art Konzeptalbum. Keine Ahnung, was das Konzept vom textlichen her sein könnte, die Musik jedenfalls klingt sehr einheitlich. Einige Stücke gehen sogar ineinander über, alles passt zusammen. Eine ideale Platte, um sie auf Kopfhörer an einem Stück (sehr laut!) zu hören. Es lässt sich immer wieder etwas entdecken, in der überaus dichten Atmosphäre lassen sich Nuancen und Geräusche feststellen, die zuvor nicht aufgefallen waren.
Manchmal kann das geradezu meditativen Charakter haben, man entdeckt fröhliche und traurige Momente in der Musik. Die Grundstimmung ist etwas wehmütig, nachdenklich. Sieht man sich die Texte an, so muss man sich den kleinen pummeligen mit dem roten Mund (wieso zum Teufel kommt er bei den weiblichen Wavern so gut an???) doch als jemanden vorstellen, der etwas weltfremd ist, sich unter Leuten nicht recht wohl fühlt und unter Liebeskummer leidet. Klingt vielleicht abschreckend, man sollte es aber mal selber hören (natürlich keine Fun-Mucke, aber so depri-mässig nun auch wieder nicht). Anspieltipp wären Prayers for rain oder The same deep water as you.

Wenn ich die CD gerade erneut höre, merke ich, dass ich sowieso nicht verständlich darüber berichten kann. So oft wie ich der nun schon gelauscht habe, wäre das so als sollte man eine nahestehende Person rücksichtslos äusserlich beschreiben, damit andere sie erkennen können. Sehr schwieriges Unterfangen.

Zur Musik noch soviel: der Bass wummert ziemlich, Gitarrensolos sind meist lang, Keyboards fett und ich mag sogar die falschen Streicher, die gerne mal dabei sind. Für mich das in sich geschlossenste Werk von Cure und bestimmt auch etwas schwerer zugänglich. Auch wenn man die Singles dieser Platte gut fand, könnte man mit dem Gesamtwerk so seine Schwierigkeiten haben. Das trifft bei den meisten anderen Cure-CDs so sicher nicht zu.
Wer eher auf die flotteren Popsongs steht ist hier aber definitiv falsch. Ist halt ein waviger Pop, wobei ich den Begriff "Wave" nicht so gelungen finde, da er für viele sehr negativ belegt ist. Also nennen wir es Melancholic Pop! Ich bitte darum, diesen Begriff, den ich soeben neu kreiert habe, in Zukunft immer zu verwenden und weltweit zu verbreiten! Melancholic Pop!


Stay alive and rock on,
Harvey
(27.12.01)



The Cure
(England)
Gegründet 1976 als "Easycure"
Erste VÖ 1978 "Killing an arab"-7"

Besetzung1989:
Robert Smith: voc, guit, keys
Simon Gallup: b, keys
Boris Williams: dr
Porl Thompson: guit, keys
Roger O'Donnell: keys

Link
Three imaginary boys
Boys don't cry
Seventeen seconds
Faith
Pornography
The head on the door
Kiss me kiss me...
The same deep water as you
Wish
Paris/Show
Wild mood swings
Join the dots

Anspieltipp:

Für Statistik-Freaks:
Statistik die; -, -en:
1. (ohne Plural) wissenschaftliche Methode zur zahlenmäßigen Erfassung, Untersuchung u. Darstellung von Massen- erscheinungen.
2. [schriftlich] dar-
gestelltes Ergebnis einer Untersuchung nach der statistischen Methode.
3. Auswertung einer großen Zahl physika-
lischer Größen zur Bestimmung von physikalischen Gesetzen.
Statistik: