harveys hitlist: ein Leben auf dem Plattenteller hitlist - ein leben auf dem plattenteller
Hitlist
 




Fish: Vigil in a wilderness of mirrors
(1990, 51:20)


Fish: Vigil in a wilderness of mirrors
 
Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen (naja fast jedenfalls): Fish und Marillion hatten sich getrennt.

Ich war Marillion "Fan".

Ich hatte gehört, dass Fish eine erste Soloplatte machen wollte, und wartete darauf.

Damals gab es noch nicht so tolle Informationsquellen für Veröffentlichungstermine wie z.B. das Internet, so dass ein "irgendwann demnächst" alles war, was ich wusste.

Zu der Zeit hörte ich auch noch Radio (was ich heute - ausser manchmal im Auto - gar nicht mehr tue, weil nur Scheiss dort läuft). Eines Tages sagte der Ansager dann doch tatsächlich was von einer neuen Single des ehemaligen Marillion-Sängers und es wurde Big wedge gespielt. Ja, Fish wurde sogar noch im Radio gespielt! Und Titelansagen gab's auch. Ich war allerdings erst mal geschockt: wegen des dreiminütigen Popsongs und vor allem wegen der Keyboardtrompeten. Ach du scheisse!
Am nächsten Tag spielte ich Erwin die Kassettenaufnahme vor und er war zwar weniger geschockt aber wenigstens überrascht. Bis zum Erscheinen des Albums hatten wir dann (inzwischen im Besitz der Maxi) vollkommene Freundschaft mit dem Song geschlossen. Die komplette CD brachte Erwins grosse Schwester vom Einkaufstrip in eine grössere Stadt mit (bei uns dauerte alles immer etwas länger und so lange wollten wir nicht warten).

Von da an hörte ich diese CD für einige Wochen mehrmals täglich! Sowas ist heutzutage völlig undenkbar, dermaßen oft wie ich die Fish-CD in den ersten Wochen auflegte, läuft bei mir heute die neue Platte einer Lieblingsgruppe nichtmal in einem Jahr. Aber das war natürlich noch nicht alles, denn es war erst 1990 und auch in den folgenden Jahren war Vigil konstant eine meiner liebsten CDs. Begründen lässt sich dies natürlich zum einen mit der hervorragenden Musik: hier schauen Marillion noch ein wenig durch, auch wenn die Songs von anderen Leuten gespielt werden. Welche im übrigen zum grossen Teil Studiogrößen, also echte Profis sind. Es wurde sicher einiges in die Qualität der Aufnahmen investiert, Fish solo war nach dem Marillion-Erfolg ein Mann mit guten Karten. Die Scheibe belegte auch ganz akzeptable Hitparadenplätze, warf aber nur mässig erfolgreiche Singles ab (State of mind, A gentleman's excuse me, The company).

Doch nicht alles an der Musik hat Ähnlichkeit mit Marillion: es gibt dickere Keyboardteppiche (was sicher auch am hohen Songwriter-Anteil von Mickey Simmonds lag), mehr Abwechslung und eine ganz ruhige Ballade. Im übrigen sind die Lyrics zugänglicher als früher, jedoch immer noch reich an Metaphern, gesellschaftskritisch, teilweise sehr persönlich und aber realitätsnah. Trotz ihrer Unterschiedlichkeit fügen sich die Songs gut aneinander; kein progressives Script aber "anspruchsvoller" Poprock.
Nun habe ich schon diverse Leute getroffen, die zwar Marillion, aber nicht Fish solo (bzw. im speziellen diese CD) mögen.
Vielleicht vermissen sie die Rothery-Gitarre oder stören sich an orchestralen Keyboards. Eventuell könnte man auch die etwas lasche Produktion - so eine Art Softness, die allem innewohnt - kritisieren.

Für mich liegt der besondere Reiz natürlich auch darin, dass dies meine erste Fish-Veröffentlichung ist, deren "Geburtsstunde" ich mitbekam. Es macht durchaus einen Unterschied, ob ich eine CD irgendwann kaufe und gut finde, oder ob ich schon darauf warte und sie direkt nachdem sie erhältlich ist erwerbe.
Im ersten Fall hat man immer das Wissen, dass man quasi "Geschichte" kauft. Die Gruppe könnte heute ganz anders klingen oder gar nicht mehr existieren. Oft ist man in seinem Urteil schon durch andere Platten der Band oder durch Aussagen von Freunden oder Rezensionen vorbelastet. "Alle sagen das sei ein Meilenstein, dann MUSS die ja gut sein." Solch eine ältere Platte stellt bekanntermassen nur einen Ausschnitt aus dem Wirken eines Künstlers dar. Im anderen Fall jedoch ist man mit einem "lebendigen" Produkt konfrontiert. Songs, die gerade entstanden sind, Gedanken des Textschreibers, die noch "frisch" sind, Konzerte, die besonders viele diese Stücke bringen werden... Das ist etwas ganz anderes, so wie auch die Erwartungshaltung eine andere ist. Aktuelle Singleauskopplungen und vor allem die vorherige Platte erzeugen hier vor allem die Erwartung (Interviews vielleicht noch und wieder Rezensionen).

In diesem speziellen Fall hier hatte ich aber gar keine so genaue Erwartung, ausser natürlich Fishs Stimme und Rockmusik, die vielleicht ein wenig Ähnlichkeit zu Marillion haben würde. Ich konnte fast nicht enttäuscht werden, auch weil ich diese Art von Musik gerade erst entdeckte und dies eine der ersten Scheiben war, die ich mir überhaupt direkt nach Erscheinen zulegte. Meine Begeisterung schlug denn auch hohe Wellen: Konzert, Pin, Poster, zwei T-Shirts mussten her (hab' ich den Mr. Haddington subventioniert, gell?). Wahrscheinlich war da auch dieses Gemeinschaftsgefühl dabei, dass man immer verspürt, wenn man Teil kleinerer Teilgruppen mit speziellen Interessen ist (auch wenn man die Seppen gar nicht kennt, oder feststellt, dass die meistens scheisse sind).
Heutzutage käme es mir wohl etwas komisch vor, schon vor dem Konzert mit anderen Fans Script zu singen oder zuhause mit Kumpels bei View from the hill abzurocken. Aber damals traf die Platte sozusagen meinen jugendlichen Nerv der Zeit (und die Musik übertrifft auch heute noch jede weitere Fish-CD).

Was ich mich allerdings gerade beim Betrachten der CD frage, ist was wohl diese seltsame rechteckige Form auf der Rückseite sein soll. Findet sich auf der CD auch noch mal und ist mir noch nie so deutlich aufgefallen... na ja, wenigstens das Logo "Fish" ist sehr gelungen.


Stay alive and rock on,
Harvey
(3.1.02)



Fish
(Schottland)
Seit der Trennung von Marillion 1988 solo
Erste VÖ 1989 "State of mind"-Single

Band 1990:
Fish: voc
Mark Brzezicki: dr
John Giblin: b
Mickey Simmonds: keys
Frank Usher: guit
Hal Lindes: guit
Luis Jardim: perc
Phil Cunningham: whistle, bodhram, accordian
+ Gastmusiker

Link
Vigil
Poets moon
Tongues
Hold your head up/Five years
Brother 52
Faith healer
Fields of crows
13th star

Anspieltipp:

Für Statistik-Freaks:
Statistik die; -, -en:
1. (ohne Plural) wissenschaftliche Methode zur zahlenmäßigen Erfassung, Untersuchung u. Darstellung von Massen- erscheinungen.
2. [schriftlich] dar-
gestelltes Ergebnis einer Untersuchung nach der statistischen Methode.
3. Auswertung einer großen Zahl physika-
lischer Größen zur Bestimmung von physikalischen Gesetzen.
Statistik: