|
Marillion: Real to reel
|
|
(1984, 52:06)
|
|
|
|
Marillion hatten zwei Platten
aufgenommen, beides Verneigungen vor den alten
Genesis, bevor diese Liveaufnahme auf den Markt
kam.
Sie entsprachen hiermit dem Wunsch unzähliger
Fans, die die Gruppe als hervorragende Liveband
kannten.
|
|
So sind wir auch direkt
beim Manko dieser CD angelangt: verglichen mit Bootlegs aus
der Zeit erkennt man, dass hier besonders gute Versionen ausgesucht
wurden, die auch ziemlich glatt produziert sind. Ausserdem
(vielleicht für den Fan am schmerzlichsten) ist das mehr
oder weniger sinnige aber meistens amüsante Gelaber von
Fish zwischen den Songs komplett
rausgeschnitten worden. So hat man hier also ein Livedokument,
welches gar kein wirkliches "Dokument" eines Konzertes,
sondern eher eine "Liveauswahl" darstellt.
Letzter Kritikpunkt: das Cover sieht scheisse aus und ist
billig gemacht. Vor allem wenn man bereits die hervorragenden
Mark Wilkinson-Cover der ersten LPs und Singles kennt.
Da wir hier aber nicht die Liste "Die zehn bekacktesten
Liveplatten" haben, kommt jetzt auch noch was Positives.
Trotz den oben genannten Einschränkungen kommt nämlich
reichlich Livefeeling bei dieser CD auf. Die Songs haben eine
andere Dynamik als im Studio, man merkt auch dass Fish
hier in seinem Element ist.
Ausserdem ist die Songauswahl nahezu gegen jede Kritik gefeit
(jaja, irgendwelche Fanatiker schreien jetzt "wir wollen
aber Grendel" oder sowas, aber die ignorieren
wir mal): es handelt sich um ein Set von der Fugazi-Tour,
d.h. die erste Platte wird hier "nur" mit einem
sehr geilen Forgotten sons und der partymässigen
Garden party präsentiert. Aber das ist ok so.
Von Fugazi gibt's dafür unter anderem extrem gute
Assassing- und Fugazi-Versionen und eine schöne
B-Seite: Cinderella search. Alles endet mit einem famosen
Abgerocke bei Market square heroes (der für die
Anfangszeit vielleicht untypischste Song und trotzdem die
"first ever single").
Wie mir das Rocklexikon verrät, war diese Platte auch
noch einigermassen erfolgreich. Während Script
in Deutschland nicht platziert war und Fugazi auf 42
kam, landete Real to reel auf 38.
Ich denke mal, das wäre auch das Maximum für diese
Art von Musik gewesen, aber dann kam ja Kayleigh.
Möglich wäre natürlich auch, dass die meisten
Käufer dieses Teil nur aus Versehen erstanden haben,
wie es auch bei meiner Freundin der Fall war. Sie hat nämlich
Real to reel auch im Schrank stehen, findet die Scheibe
aber - wie Marillion und Fish insgesamt - total
nervtötend. Naja, vielleicht hat sie die ja auch geschenkt
bekommen, da bin ich mir nicht sicher.
Ich persönlich habe Marillion leider nicht mehr
mit Fish zusammen erlebt, denke aber, dies war ihre
beste Zeit. Und damals waren sie eben eine echte Liveband,
die sich den Plattenvertrag durch jahrelanges Touren erarbeitet
hatte und einen grossen Kern besonders treuer Fans vorweisen
konnte.
Ich weiss nicht, ob es heute
für so eine Band überhaupt noch möglich wäre,
sich live einen Namen zu machen. Es gibt doch reichlich wenig
Auftrittsmöglichkeiten, die mehr als schrammelige zehn
Mark-Konzerte bieten und auch von Zuschauern besucht werden
(jedenfalls in Deutschland). Und so haben Marillion
und Fish heute ihre Taktik auch geändert. Sie
sind beide wieder unbekannt (wenn auch nicht so unbekannt
wie 1981) und sie setzen auf die Studioarbeit und beglücken
(?) uns nur noch sehr selten mit Konzerten, die dann auch
direkt über DM 40.- kosten, also wohl kaum interessierte
Neu-Fans anlocken können. Das Problem hierbei ist aber
auch, dass man die Zielgruppe (welche das auch immer sein
mag) nicht erreicht, wenn man nicht im Radio oder Musik-TV
gespielt wird. So stehen Marillion und Fish
also ganz in der Abhängigkeit der Altfans und können
nur hoffen, dass mal einer von denen seine Freunde mitbringt
oder ihre CD verschenkt. Dies führt auf deprimierende
Überlegungen zum Stand des Progressive-Rocks heute, die
ich jetzt mal lieber nicht weiter erörtere.
Real to reel ist auf jeden Fall ein hörenswerter
Abschluss des ganz frühen Marillion-Kapitels und
an dieser Stelle (1984) durchaus angebracht, wenn man die
Liveaktivität vor der ersten Platte berücksichtigt.
Und von heute aus, wenn man in Betracht zieht was noch so
kam, erst recht.
Stay alive and rock on,
Harvey
(13.9.01)
|