harveys hitlist: ein Leben auf dem Plattenteller hitlist - ein leben auf dem plattenteller
Hitlist
 




Camel: Pressure points
(1984, 46:51)


Camel: Pressure points
 
Diese CD kenne ich schon ziemlich lange, wahrscheinlich sogar am längsten von allen in der "Live and let live" Hitlist.

Sie war schon Ende der 80er immer gern gehört bei Zusammenkünften unter Freunden, und ich liebte sie schon damals.

Dennoch legte ich sie mir selber erst viel später zu.

Wie das eben oft ist, hatte ich nie Lust, mein eh schon knappes CD-Budget für etwas auszugeben, das ich bereits sehr gut kannte. Das war weniger eine innere Unlust gegenüber Bewährtem, als vielmehr die Lust auf Neues und der Nervenkitzel des Unbekannten, nämlich der anderen CD, die ich stattdessen kaufte.
Es gab noch eine ganze Menge Scheiben, denen es ebenso ging: ich hörte sie immer wieder bei Freunden und befand sie für super, kaufte sie mir aber erst viele Jahre später.
Beispiele wären etwa Lamb von Genesis oder der Seer von Big Country. Aber auch z.B. Suffer von Bad Religion, die allerdings für die extrem kurze Spielzeit auch immer maßlos überteuert war. Ich habe sie bis heute nicht billig gefunden, und zweifle inzwischen auch, ob ich sie mir noch kaufen würde, denn heutzutage habe ich eine lange Liste (die sich zum Teil in meinem Kopf aber auch als tatsächlich ausgedruckte Liste in meinem Portemonnaie befindet) von Gruppen und CDs die mich viel mehr interessieren als dieses alte, zugegebenermassen sehr kultmässige Teil von "Schlechte Religion".

Aber mal wieder zurück zu Camel. Ich kaufte mir diese CD also erst lange, nachdem ich sie bereits kannte und ich konnte beim ersten Abspielen meiner Neuerwerbung auch direkt wieder mitsingen und -wippen, obwohl ich sie zu dem Zeitpunkt bestimmt zwei Jahre nicht mehr gehört hatte. Damit wäre dann doch wohl schon alles gesagt, oder? Das kann ja nur ein besonders tolles Silberding sein!

Nein, die Story geht noch weiter, auch wenn die gerade gezogenen Schlussfolgerungen durchaus richtig sind. Ich hatte mir also endlich Pressure points zugelegt und hörte sie andauernd, aber was sonst noch los war mit Camel interessierte mich nicht.
Das ist seltsam. Normalerweise läuft das ja gerade so, dass ich eine CD einer Gruppe höre und falls diese besonders gut ist, anfange über die weiteren Veröffentlichungen nachzuforschen und mal in was reinzuhören. Hervorragend eignen sich hierbei Compilations und Livemitschnitte, weil man da gleich verschiedene Songs aus unterschiedlichen Phasen der Gruppe hat und sich die persönlichen Favoriten raussuchen kann. Die Entscheidung für eine bestimmte reguläre Studio-CD fällt dann leichter. Aber in diesem Fall: nix.

Begründung: zwei Punkte sind zu berücksichtigen. 1. ich hatte noch nie und damit meine ich NIE, irgendwas sonst von Camel gehört. Weder im Radio noch bei anderen Leuten aus der Plattensammlung. 2. der Erwin sagte mal, diese Platte wäre die beste von Camel, die anderen wären alle nicht so toll. Er besass auch die eine oder andere, so dass er sich eventuell ein Urteil bilden konnte.
Allerdings, wie unter 1. bemerkt, bekam ich selber nie eine der anderen zu Gehör. So kam es also, dass ich mich nicht für die weiteren Sachen von Camel interessierte und ausserdem, trotz Erwins Aussage, davon überzeugt war, diese Live-CD sei eben "der" Sound von Camel und die müssten wohl immer so ähnlich klingen. Jetzt kommen wir also an den Kern der Sache: hier irrte ich gewaltig.

Es klärte sich dann alles nach und nach auf, nachdem ich mir irgendwann dann doch die anderen Scheiben zulegte und Camel auch einmal live sah (das war 1997 glaube ich und dieses Konzert würde auch einen der top Plätze der ewigen Konzerthitliste belegen).
Die Pressure points klingt weder wie Camel im Studio um ca. 1984, noch wie Camel heute oder Camel ganz früher. Die Gruppe hat sich von ruhigem bis abgefahrenem keyboardorientiertem Artrock am Anfang über netten Pop in der Mitte zu ruhigem gitarrenorientiertem Artrock heute entwickelt.
Und diese Live-CD hier liegt gerade in der Pop-Phase, in der die Platten auch wegen ständigen Musikerwechsels und dem Druck endlich mal einen Singlehit produzieren zu müssen etwas unausgegoren und bedeutungslos klangen. Aber das Schöne an diesem Konzert hier ist, dass eine Gruppe vom Anfang bis zum Ende - und sogar sehr gut - zusammen spielt. Bis auf zwei Rhayader-Ausreisser (ich persönlich halte die Snow goose nicht für den Höhepunkt der Bandgeschichte) handelt es sich bei den präsentierten Songs um das poppigere 80s Material, das aber soviel an Tiefe und Atmosphäre gewinnt, dass man die Originale um ihretwillen besser nicht zum Vergleich heranzieht. Trotzdem bleiben es Popsongs mit einer Länge von meistens drei bis fünf Minuten, was ja nicht schon deswegen schlecht ist.
Für mich ist es jedenfalls immer noch ein Erlebnis, wenn ich diese CD einlege, die Anlage laut aufdrehe, und die ersten singenden Gitarren von Pressure points aus den Boxen dröhnen. Manchmal ein wenig kitschig, insgesamt ziemlich ruhig und eben poppig, aber genial.


Stay alive and rock on,
Harvey
(4.10.01)



Camel
(England)
Gegründet 1969 als
"The Brew"
Erste VÖ 1972 "Camel"-LP

Besetzung 1984:
Andy Latimer: guit, voc
Colin Bass: b, voc
Ton Scherpenzeel: keys
Chris Rainbow: voc, keys
Richie Close: keys
Paul Burgess: dr
+ Gastmusiker

Link
Camel
Lady Fantasy
Rhayader
Moonmadness
Rain dances
I can see your house from here
The single factor
Harbour of tears
Rajaz

Anspieltipp:

Für Statistik-Freaks:
Statistik die; -, -en:
1. (ohne Plural) wissenschaftliche Methode zur zahlenmäßigen Erfassung, Untersuchung u. Darstellung von Massen- erscheinungen.
2. [schriftlich] dar-
gestelltes Ergebnis einer Untersuchung nach der statistischen Methode.
3. Auswertung einer großen Zahl physika-
lischer Größen zur Bestimmung von physikalischen Gesetzen.
Statistik: