harveys hitlist: ein Leben auf dem Plattenteller hitlist - ein leben auf dem plattenteller
Hitlist
 




Dezembermusik 2003


Fish: Field of crows
 

Fish: Field of crows
(2003, 67:03)

Mal wieder 'ne Fish-Platte und diesmal spielt noch die Hälfte von "Big Country" mit.
Also ein Muss, deshalb aber noch nicht zwangsläufig auch gut.

Diese Woche habe ich "individual compact disc" ausprobiert.
Das ist jene Sache, bei der man sich im Laden 'ne CD brennen lässt und dabei keinerlei Copyrights verletzt.
Dafür muss man auch einen Euro pro Lied und zwei Euro nochmal obendrauf löhnen.

Ich bekam also sei eine Art MP3-Walkman, mit dem ich durch das relativ beschränkte Sortiment für diese Aktion gehen konnte und in alle Stücke reinhören konnte. 30 Sekunden ziemlich schlecht aufgenommen kann man sich von jedem Song anhören. Dann muss man entscheiden: auf die CD oder nicht? Und weiter geht's. Somit wird die CD dann nach und nach voll.

Wer nun blöd ist, packt sich die komplette Bad Religion-best-of in den "Warenkorb", denn die wird bei so vielen Liedern deutlich teurer, als würde man sie gleich so kaufen.

Wer schlau ist, wählt stattdessen Tales from topographic oceans von Yes, da sind nur zwei Songs (à 20 Minuten) auf jeder CD, wird also viel billiger als das Original.

Sieht man mal davon ab, dass sie diese CD nicht hatten (wahrscheinlich genau wegen dieser Problematik), dann hätte man trotzdem den Nachteil, dass das Booklet und die normalen Cover fehlen. Da ich mir ja schon häufiger gebrannte CDs doch noch gekauft habe, weil ich auf diese Dinge Wert lege, wäre das also für mich totaler Unsinn so.
Letztlich bringt die Aktion wirklich nur etwas, wenn man bestimmte Einzelsongs unbedingt haben will und andere bestimmt nicht.

Und dann, ja dann ist es natürlich praktischer, wenn diese Einzelsongs lang sind. So hatte ich das Glück, dass die Special Edition von Mark Knopflers The ragpicker's dream da stand und dort sind auf der Bonus-CD zwei ziemlich lange Live-Songs (7 und 9 Minuten), die ich gerne mitgenommen habe.
Für B-Seiten lohnt sich sowas denn natürlich auch. Eben die ein, zwei Lieder (mit anderen) brennen lassen, statt 6 Euro auszugeben.
Aber: von den Maxi-CDs die so da waren, waren die B-Seiten meist gesperrt.

Diese tolle neue Erfindung hat also so ihre Haken. Und damit meine ich nicht die Warteschlangen, die nicht nur wegen Weihnachten dafür sorgten, dass ich zweimal zehn und einmal fünf Minuten anstehen musste, um alles abzuwickeln.
In der Werbung steht: "Das ist wohl der Traum aller Musikfans: In den Plattenladen gehen und sich eine CD nur mit den besten Stücken zusammenstellen."
Bullshit!!
Will da jemand das Albumformat beseitigen? So eine Scheisse, als wenn man von den 30 Sekunden schlechter Qualität, die man im Laden geniessen darf, entscheiden könnte, welches die "besten" Stücke sind.

Im Gegenteil: man wird zu Fehlentscheidungen verleitet.
Entweder stellt sich hinterher heraus, dass jenes eine Lied so toll ist, dass man doch die ganze CD kauft. Oder eben es ist voll daneben und man hatte sich nur verleiten lassen, es auszuwählen, weil man das von 30 Sekunden noch gar nicht beurteilen konnte.

Dazu kommt noch, dass nur wenige sehr aktuelle Sachen dort verfügbar waren. Und von den alten Platten auch immer nur ganz bestimmte. Nur von Elvis, da gab es ca. 25 CDs zur Auswahl. Aber da ist dann beim durchschnittlichen Neupreis der CDs ein Euro pro Song auch wieder nicht mehr angemessen.

Also: alles Mumpitz!
Jedenfalls für Leute wie mich. Hab' ich jetzt einmal ausprobiert und das war's.

Fish's neue CD ist auch schon fast 'ne individuelle, denn die muss man per Internet für richtig teuer Geld in Schottland bestellen. Gibt's noch nicht im Handel, sondern da erst im Frühjahr.

Fish war mit Marillion und seinen ersten beiden Soloplatten danach wirklich eine wichtige Größe in meiner Jugend.
Verehrt habe ich den!
Doch dann ging es bergab und seine Platten wurde für mich uninteressant.
Sunsets on empire (mit Steve Wilson von Porcupine Tree) war denn mit Ausfällen wieder ganz gut. Trotzdem wollte ich den Onkel nicht mehr live anschauen.
Raingods with zippos war auch ganz nett und mit Fellini days hat er mich dann überzeugt, doch mal ein Konzert anzugucken und dieses war doch ziemlich toll.

An Fellini days haben mir vor allem die härtere Gitarre und der ebensolche Gesang sowie ein paar nette Ideen und Effekte gefallen.

Field of crows klingt NICHT wie ein Nachfolger davon. Eher schon wie einer für Raingos with zippos.
Wenig Kanten, mehr Keyboards und relativ viele softere Songs sind hier dabei.

Von den Instrumenten fällt auf, dass eine Rückkehr zu altbekannteren Gitarren stattfindet: mal sliden die, mal vibratieren die und dann rocken sie sehr klassisch.
Das Schlagzeug ist (klar!) gut, bleibt aber etwas schüchtern in den Hintergrund gemixt. Dazu gibt's vereinzelte Bläser, die aber in Ordnung gehen. Die Keyboards sind auch ganz ok und stören nur an wenigen Stellen. Im Gegenteil wird öfter mal Hammond-mässig abgeorgelt, wofür ich ja immer gerne zu haben bin.

Was das Songwriting angeht, so gibt's hier keine Ausfälle aber irgendwie auch nichts Spektakuläres. Relativ wenige nette Einfälle finden sich in den Songs.
Vermutlich hängt das mit zwei großen Problemen von Fish zusammen: 1. er spielt selber kein Instrument, kann also auch nicht in aller Ruhe Songs komponieren, sondern braucht immer einen Kollaborateur dafür und 2. er hatte Geldknappheit und darf diese Leute und die Studiozeit deswegen nicht zu ausgiebig nutzen.

Insgesamt für mich eine Platte mit einigen schönen Momenten und einigen etwas langweiligeren Momenten. Voll daneben liegt keiner der Songs, aber es gibt auch keine richtigen Höhepunkte. Vom Sound her ist dieses Werk einheitlich, vom Thema her gibt es diverse Verknüpfungen und ein paar ganz interessante Texte.
Das ist eine solide Rockplatte, etwa so wie ich mir auch ein Alterswerk der Sensational Alex Harvey Band vorstellen könnte.
Nicht schlecht.
Aber auch nicht der Hammer, auf den ich gehofft hatte.

Bis jetzt habe ich sie aber ganz gerne gehört und das wird sicher auch noch eine Weile anhalten. Dann könnte ich mir auch durchaus vorstellen, dass diese Scheibe eine Bedeutung für mich gewinnt, die sie in der Rückschau irgendwann mehr als nur "ganz gut" werden lässt.





Fish

(Schottland)
Seit der Trennung von Marillion 1988 solo
Erste VÖ 1989 "State of mind"-7"

Musiker 2003:
Fish: voc
Tony Turrell: keys
Bruce Watson: guit
Frank Usher: guit
Steve Vantsis: b
Mark Brzezicki: dr
Dave Haswell: perc
Richard Sidwell: horn, trumpet
Steve Hamilton: sax


Link
Vigil in a wilderness of mirrors
Vigil
Poets moon
Tongues
Hold your head up /Five years
Brother 52
Faith healer
13th star

Anspieltipp:


Velvet Underground: Loaded
 

The Velvet Underground: Loaded
(1970, 40:50)

Endlich, endlich hat der Harvey die groben Lücken in seinem Velvet Underground-Universum geschlossen.
Und herausgekommen ist eine besondere Begeisterung für deren letzte (richtige): "Loaded".

Es war wohl das Jahr 1991 als ich in Kontakt kam mit der Andy Warhol Platte von VU.
Die klang ungewöhnlich und hörte sich trotzdem ganz nett an.

Gehört wurde das ganze im Zusammenhang von fast konspirativen Post-Hippie-Meetings, bei denen sehr viel aromatisierter Tee getrunken wurde, stapelweise Räucherstäbchen abbrannten und nahezu alle gespielten Platten - natürlich! - aus Vinyl waren.
Dazu ein Häufchen langhaariger, verlotterter Jugendlicher, die schonmal alles gut fanden, was irgendwie anders war und außerdem vor allem gegen das System waren.

Das war also so eine Art Clique mit der ich damals abhing und durch die ich auch mit diverser nicht so mainstreamiger Musik in Kontakt kam.
Aber ich hatte auch schon einen eigenen Geschmack und der war eigentlich ein ganz anderer. Von daher wurden diese interessanten Platten nicht sofort eingekauft, sondern da hatte bei meiner Kaufentscheidung meistens noch irgend so'ne grottige Heavykapelle die Nase vor.

Ein paar Jahre später war der Bekanntenkreis ein anderer und trotzdem gab es da Leute, die die erste von VU gut fanden. Und ich erinnerte mich wieder an die Musik, an die Stimmung und daran, dass ich Räucherstäbchen immer noch ganz gut fand. Außerdem waren die Haare inzwischen noch länger.
Ich wollte also nun doch etwas mehr wissen über die Gruppe und das kriegte der Hank spitz und schenkte mir zu meinem Geburtstag eben jene Bananenplatte.

Die war selbstverständlich der Renner. Erstens sowieso und zweitens aber auch wegen der Assoziationen. Für mich wird das für immer eine Hippieplatte sein, auch wenn das tatsächlich nicht so ganz stimmt.

Auf der Suche nach weiterer Musik von VU stolperte ich kurz darauf über diese 1969 live Doppel-CD. Im Gegensatz zur Andy Warhol-Platte war die Musik hier etwas ruhiger, gefiel mir aber trotzdem ausgezeichnet. Über die Jahre habe ich diese Liveaufnahmen denn auch dutzende Male gehört.

Damit reichte es mir dann aber erstmal.
Bis vor vielleicht drei Jahren, als ich diese fette VU-Box sah, die gleich fünf CDs enthält. Seitdem hatte ich mir vorgenommen, diese mal zu kaufen. Aber: das war natürlich eine recht große Investition, da geht man nicht mal eben los und kauft sich die.
Aber von langer Hand geplant wurde jetzt, endlich, nach ca. drei Jahren etwas draus.

Von den drei mir bisher unbekannten VU-CDs ist nun Loaded meine liebste.
Das liegt zum Teil sicher daran, dass 1970 recht nahe bei 1969 ist und von daher schon einige Songs bei meinen alten Liveaufnahmen mit dabei sind.
Zum anderen sind auf Velvet Underground und White light/white heat jeweils ein bis zwei kaum anhörbare Songs und dieses trifft auf Loaded nicht zu.

Ich persönlich würde diese Musik psychedelisch nennen. Das liegt vor allem an der Gitarre, und da ist eben der Mainman Lou Reed dran. Der ja nun auch alle Songs geschrieben hat.
Gleichzeitig ist die Angelegenheit recht akustisch, mit leichtem Country-/Folk-Einfluss, Beatles-artigen Chören und immer noch geprägt von einer gewissen Monotonie, einer Ruhe und Gemächlichkeit, die auch von den melodischeren Stücken des Debuts ausgeht. Allerdings ist das Schlagzeug hier variabler gespielt und die Geige (ehemals John Cale) fehlt.

Ich habe gelesen, dass manche Leute diese Platte für die schlechteste von VU halten. Wegen der hohen Melodiösität, wenig Experimentierfreudigkeit und der nur noch bruchstückhaft vorhandenen Originalbesetzung.

Nun, das letzte ist mir ziemlich egal und die ersten beiden Punkte kommen mir in diesem Fall entgegen. Nix gegen Experimente, aber wegen der Live-CD hatte ich mich schon an den ruhigeren Stil gewöhnt. Und die Gitarre macht ja trotzdem öfter mal außergewöhnliche Geräusche.

Ich persönlich finde besonders großartig: die ersten drei Songs ("You know, her life was saved by rock'n'roll...", yeah!), sowie New age und Oh! Sweet nuthin'. Genial, genial.
Head held high und Lonesome cowboy Bill können da nicht ganz mithalten, sind aber auch ok.

Das hier ist für mich übrigens die ideale Musik zu Weihnachten. Das ist das was ich "besinnlich" nenne.
Im Moment gibt es für mich nix Besseres, als die Heizung reichlich aufzudrehen, ein Kännchen Weihnachtstee auf's Stövchen zu stellen, ein paar Kekse aufzumachen und dann gemütlich im Sessel Velvet Underground zu hören.
Ach ja... die Räucherstäbchen, die fehlten noch.

Stay alive and rock on,
Harvey
(25.12.03)

 

Velvet Underground

(USA)
Gegründet 1965, erste VÖ 1966 "All tomorrow's parties"-Single
1973 aufgelöst

Besetzung 1970:
Lou Reed: guit, voc, piano
Sterling Morrison: guit
Doug Yule: b, guit, organ, piano
Maureen Tucker: dr
Billy Yule: dr


Link
Songs for Drella

Für Statistik-Freaks:
Statistik die; -, -en:
1. (ohne Plural) wissenschaftliche Methode zur zahlenmäßigen Erfassung, Untersuchung u. Darstellung von Massen- erscheinungen.
2. [schriftlich] dar-
gestelltes Ergebnis einer Untersuchung nach der statistischen Methode.
3. Auswertung einer großen Zahl physika-
lischer Größen zur Bestimmung von physikalischen Gesetzen.
Statistik: